Wie mich die Polizei mit 1,8 Promille auf dem Rad erwischt hat

Anna-Tatjana Hainisch

Nach der Party mit dem Fahrrad nach Hause - wie für viele Studierende war das für unsere Autorin jahrelang selbstverständlich. Bis die 23-Jährige erwischt wurde und zum "Idiotentest" musste. Ein Erfahrungsbericht:



Dass das jemals passiert, hätte ich niemals gedacht. Ich sitze vor einer Verkehrspsychologin und erläutere die Geschichte meines Alkoholkonsums. Schwer, sich zu erinnern. Wie war das mit 16? Seit wann trinke ich Wein zum Genuss? Und haben die anderthalb Jahre, die ich in Frankreich gelebt habe, mich besonders zum Trinken verführt? 50 Minuten bei der Psychologin kosten 99 Euro. Das ist erst der Anfang. Am Ende habe ich 1700 Euro ausgegeben.

Im Herbst hat ein Freund Geburtstag gefeiert. Weißwein, Bowle und jede Menge Schnaps – gefährliche Kombination. Ich war noch nie eine von denen, die nach zwei Gläsern sagen „Danke, mehr trinke ich nicht mehr“. Im Gegenteil mache ich anderen auch den fünften Drink noch schmackhaft. Dass ich allerdings mit 1,8 Promille noch Fahrrad fahren kann, hätte ich nicht für möglich gehalten – liegt man da nicht längst halbtot unterm Tisch?

Das volle Programm

Auf dem Rückweg von der Party hält mich die Polizei an. Alkoholtest, Arzt, Reaktions- und Bluttest, das volle Programm. Mein Fahrrad schließen sie am Polizeirevier an, ich laufe betrunken und heulend nach Hause. Vorher sagt einer der Beamten noch: „Sie haben sich noch nie was zu Schulden kommen lassen. Das wird nicht so schlimm.“ Aber das stimmt nicht. Es wird eine kleine Hölle.

Als ich am nächsten Tag recherchiere, was jetzt passieren kann, wird mein Magen noch flauer, als er durch meinen Kater ohnehin schon ist. Bis 1,5 Promille darf man ungestraft Rad fahren. Ich muss auf jeden Fall zur MPU, auch „Idiotentest“ genannt. Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung soll beurteilen, ob ich in Zukunft betrunken Auto fahren werde, und ob ich Gefahr laufe, Alkoholikerin zu werden. Das wird kein Spaß.

Dann allerdings passiert lange nichts. Irgendwann zahle ich eine Geldstrafe – knapp 350 Euro, davon sind alleine 90 Euro Verwaltungsgebühren. Ich vergesse die Geschichte ein bisschen, gehe auf Partys und trinke Cocktails in lauen Sommernächten. Mein Leben ist super. Bis im August die Mitteilung kommt – ich muss doch zur MPU. Passenderweise habe ich gerade meine Bachelorarbeit abgegeben und war mit einer Freundin ein paar Tage in Paris, um das mit einer Menge Drinks zu feiern.

Schluss mit Alkohol

Aus der Fertig-mit-dem-Studium-Wolke lande ich auf dem harten Boden der Realität. Bis Anfang Oktober muss ich ein positives Gutachten vorlegen, um meinen Führerschein nicht kostenpflichtig zu verlieren. Ich vereinbare den Termin bei der Verkehrspsychologin, um meine Lage zu checken. Mit dem Alkohol höre ich sofort auf.

In Freiburg gibt es zwei große Stellen, an der ich die MPU ablegen kann, ich entscheide mich für eine von beiden. Bei einem Infoabend macht einer der Angestellten klar, dass man ohne Beratung wohl keine Chance hat. Die Verkehrspsychologin, bei der ich dann sitze, rät mir zu einem Gruppenkurs. Fünf Sitzungen von je drei Stunden in Kleingruppen. Kostenpunkt: fast 800 Euro.

Als sie meinen Blick sieht, sagt sie entschuldigend: „Die Preise habe ich nicht gemacht.“ Ich würde lieber noch drei Einzelstunden bei einem Verkehrspsychologen buchen, weil ich das sinnvoller fände (und billiger auch). Sie sagt: „Das wäre dann das ’Orientierungspaket’. Das lesen Gutachter nicht so gerne. Orientierung geht ja nicht in die Tiefe.“ Ach so. Weil ich Panik habe, meinen Führerschein zu verlieren, entscheide ich mich für den Kurs.

"Mit Alkohol sind die Abende lustiger"

Dort merke ich, dass „Kleingruppen“ ein dehnbarer Begriff ist. Wir sind zu zehnt. Ich bin die einzige, die mit dem Rad erwischt wurde. Da sind aber auch zwei Freunde, die sich immer zusammen betrunken und dann zerstritten haben, um dann jeder im Auto nach Hause zu fahren. Andere sitzen wegen Drogen oder Punkten in Flensburg hier. Wir lernen viel darüber, wie Alkohol wirkt. Am schlimmsten ist die Ursachenforschung. Laut der Psychologin hat jeder ein Problem, der mehr als ein Glas trinkt, denn dann endet das Genusstrinken.

Natürlich stimmt manches. Wenn ich trinke, werde ich lauter und lustiger, ich liege Menschen in den Armen, mit denen ich sonst nicht so dicke bin. Ich werde sentimentaler und manchmal auch über-emotional. Es macht keinen Spaß, sich das einzugestehen. Eine Freundin sagt zu mir: „Es ist doch einfach so: Mit Alkohol sind die Abende lustiger.“

Warum aber trinkt man Alkohol an einem Abend mit Freunden, mit denen man auch nüchtern unter Tage prima auskommt? Alkohol lässt Hüllen fallen, macht den Kontakt leichter, man schämt sich weniger. Alkohol verändert uns. Und ich merke erst jetzt, wo ich nicht mehr trinken darf, wie selbstverständlich ich Alkohol getrunken habe – abends mit Freunden, zum Anstoßen im Theater, auf Konzerten.

Die Gefahr, durchzufallen

Es ist eine schlimme Zeit. Ich bin fahrig und schlecht gelaunt, die Probleme anderer kommen mir lächerlich vor. So viel Geld habe ich noch nie aufs Spiel gesetzt. Die Vorbereitung läuft. Ich lerne, wie viel ich trinken darf, um 0,3 Promille im Blut zu haben und wie lange ich brauche, um das wieder abzubauen (viel länger, als ich dachte).

Ich überlege mir, wie mich der Stress zum Trinken getrieben haben könnte und erkläre meinem Spiegelbild, warum ich nie wieder öfter als einmal im Monat höchstens 0,1 Liter Sekt trinken werde. Und dass ich viel selbstbewusster und ausgeglichener bin, seit ich das tue. Heute weiß ich, dass ich einem Trend entspreche: Wir Frauen werden wohl immer trinkfester und immer häufiger auf dem Fahrrad mit mehr als 1,6 Promille erwischt.

Je näher der große Tag kommt, desto sicherer werde ich. Angst habe ich trotzdem. Ein Anwalt hat zu mir gesagt, dass manchmal im Gutachten steht, dass sich der Prüfling geändert habe. Bis auf den letzten Satz: „Dennoch besteht die Gefahr, dass Herr X wieder betrunken fährt.“ Durchgefallen. Besteht diese Gefahr zumindest rein theoretisch nicht immer?

An einem Dienstag um 13 Uhr bin ich dran. Am Ende schüttelt mir der Gutachter begeistert die Hand und sagt: „Ich glaube, bei Ihnen haben wir gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen.“ Vielleicht stimmt das ein bisschen. Vielleicht hatte ich wirklich mehr getrunken, als mir gut tut. Eines ist sicher: Ich werde nie mehr betrunken fahren.

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[Name der Autorin von der Redaktion geändert. Symbolfoto: pheebs / photocase.de]