Wie Marie sich auf Facebook in einen Fremden verliebte

Marie Beller

Am Anfang stand eine Freundschaftsanfrage bei Facebook. Danach haben sich Marie und Leo Nachrichten hin und her geschickt, zusammen Filme geschaut, Musik gehört - jeder an seinem eigenen Bildschirm. Die über allem stehende Frage: Kann daraus echte Liebe werden?



Ich habe meinen Kollegen Leo nur ein einziges Mal über den Flur huschen sehen. Er ging ein bisschen gebückt, vertieft in eine Zeitungsseite. Groß, sportlich, blond. Mehr habe ich nicht wahrgenommen. Eigentlich ein Wunder, dass ich überhaupt wusste, dass er Leo heißt, so unscheinbar, ja unsichtbar war er im Büro. Aber er habe schöne Augen, davon hatte ich gehört.


Ein halbes Jahr nach dieser kurzen Fast-Begegnung, wir sind längst keine Kollegen mehr, sitze ich zu Hause und habe Bauchweh. Mal wieder ist eine Beziehung kaputt gegangen, an mir nagt das blöde Gefühl, versagt zu haben. Plötzlich macht es: „Di-Döng“, bei Facebook. Links oben in der Ecke erscheint das kleine rote Kästchen, das eine neue Freundschaftsanfrage anzeigt. „Leo Schiller möchte mit Dir befreundet sein.“ Wer war noch mal? Ach ja, der Stille mit den schönen Augen. Ich klicke auf „Bestätigen“.

Sein Profilbild ist ein Porträt des Schauspielers Jean-Pierre Léaud. Bekannt geworden ist der Ende der sechziger Jahre durch die Rolle des Antoine Doinel, der Inbegriff des schüchternen Mannes Ende 20. Immer ein bisschen ungeschickt, unschlüssig, oft fehlen ihm die Worte. Er ist keiner, der Frauen lauthals anquatscht. Hätte es damals schon Facebook gegeben, Antoine Doinel hätte Frauen wohl eine Freundschaftseinladung geschickt. Und jetzt tut es Leo.

Den Begriff „Freund“ in aller Ruhe ernst nehmen

Kommunikationsexperten und Psychologen warnen gerne vor dem Internet als Flirtmaschine. „Am Bildschirm hat man die Möglichkeit, sich selbst so darzustellen, wie man gern sein möchte, und sich andere so vorzustellen, wie man sie gern hätte“, schreibt die amerikanische Soziologin Sherry Turkle in ihrem facebook-kritischen Buch „Verloren unter 100 Freunden“. Sie hält das für eine zweifelhafte, ja gefährliche Entwicklung, die uns seelisch verkümmern lässt. Ich halte es für einen Segen.

Wie oft lernen wir denn in der analogen Welt Menschen kennen, die uns sofort ihre Macken offenbaren? Und wenn sie es tun, wie oft sind wir bereit, sie ihnen sofort zu verzeihen? Bei ersten Dates ziehe ich mir auch eine Bauch-Weg-Strumpfhose an und verheimliche meine Unordentlichkeit. „Ehrliche Kontaktanzeigen“ füllen zwar seit Jahren eine Doppelseite in der Neon – aber weil sie witzig zu lesen sind, und nicht weil sie funktionieren. Online habe ich erstmal alle Zeit der Welt, den Leo kennenzulernen, der er sein will. Ich schreibe meinem neuen Facebook-Freund eine erste Nachricht: „Antoine, bist du es?“ In nur einem Satz kann ich mit meinem Wissen über französische Filme Eindruck schinden. Es weiß ja niemand, dass ich vorher bei Wikipedia unterwegs war. Und wenn mir ein Satz nicht gefällt, kann ich ihn löschen und was Neues tippen. Undenkbar in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Es klappt, Leo antwortet: „Habe mich neulich gefragt, was wohl aus Dir geworden ist?“ Wir schreiben ein bisschen hin und her. Er schickt einen Filmausschnitt mit Adriano Celentano, der als süditalienischer Arbeiter singend in einem Traubenbottich tanzt. Ich antworte mit der Titelmelodie des Klassikers „Le Professionel“. Schon bevor unsere Geschichte beginnt, hat sie einen Soundtrack – das muss uns die analoge Welt erst einmal nachmachen.

Vor dem Einschlafen schickt er ein Sternchen

Hier im Digitalen dürfen wir albern sein, Smileys verschicken und „Pusheen the Cat“ anklicken, uns gegenseitig Online-Artikel empfehlen und darüber diskutieren. Im Fernsehen schauen wir unseren Film zusammen, jeder für sich auf der Couch, trotzdem dem anderen ganz nah: „Hast Du geweint?“ Ein bisschen. Wir lernen uns ganz langsam, ganz behutsam kennen. Und nebenher kann er seine in die Brüche gegangene Langzeitbeziehung verabschieden, und ich meinen Ex auf den Mond schießen.

Facebook ist ein Lieblingsthema von Soziologen, Datenschützern und Psychologen. Es kriecht in unser Privatleben bis unter die Bettdecke, es saugt unsere Identität, wird zum Guckloch der NSA. Stimmt wahrscheinlich alles. Aber Facebook ist auch eine 1a-Partnervermittlung: Nicht so verbindlich wie Partnerbörsen à la Elitepartner, und nicht so eindeutig auf Sex angelegt wie die Dating-AppTinder. Auf Facebook darf man den Begriff „Freund“ in aller Ruhe ernst nehmen.

Der Autor Christian Schuldt versucht sich in seinem Buch „Romantik 2.0“ an einer Ehrenrettung des Flirtens via Facebook und Co: „Allein schon, weil unsere Partner ungefiltert mitbeobachten können, welche Einblicke wir auch anderen Menschen in unser Privatleben gewähren.“ So habe ich Leo nach mehreren Wochen zwar immer noch nicht getroffen, weiß aber: Er spielt Volleyball und liebt Segeln, hört gerne Johnny Cash und schaut „The Wire“. Er mag Michael Jordan und Godard, findet Egon Bahr bewundernswert und meine Witze witzig. Vor dem Einschlafen schickt er ein Sternchen und wünscht mir „Gute Träume“.

Kann man sich in etwas Geschriebenes verlieben? Nein, sagt etwa der Psychologe Thomas Paetzold. Für ihn erschwert Schreiben das Verlieben nur. „Wir verlieben uns nicht in ein Buch oder einen Text, das geht über viele Sinne“, sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Verlieben, das sei ein körperlicher Akt. Aber kann man sich nicht in das Wesen eines Menschen verlieben, das reine, pure, ohne das ganze Körperliche außen herum? Ich jedenfalls habe das Hören, Schmecken und Riechen mit Leo früh genug nachgeholt.

Als Leo mich das erste Mal küsst, sind vier Monate vergangen. Ich muss  an meine Großmutter denken: Als sie eine junge Frau war, hat sie meinen Opa ein einziges Mal gesehen. Danach schrieben sie sich monatelang Briefe. In einem Brief hat er um ihre Hand angehalten. Sie haben 13 Kinder gekriegt.

Buchtipps

 
  • Christian Schuldt: „Romantik 2.0  Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet“.  Gütersloher Verlagshaus 2013, 192 Seiten, 17,99 Euro
  • Sherry Turkle und Joannis Stefanidis: „Verloren unter 100 Freunden - Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“. Riemann Verlag 2012, 576 Seiten, 19,99 Euro
  • Annabel Dillig: „Diesen Partner in den Warenkorb legen: Das neue Liebesverständnis einer vernünftigen Generation“. Blanvalet Verlag 2012, 224 Seiten, 14,99 Euro
  • Nina Pauer: „LG ;-) – Wie vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“.  Fischer Verlag, 2012, 240 Seiten, 14,99 Euro fudder

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