Wie mache ich meinen eigenen Wein? (1)

Ronald

Ronald Kochanek, 45, kümmert sich beruflich um die Geschäfte seiner Billardlokale. Im Privaten interessiert er sich für Wein. Nicht nur theoretisch. Dieses Jahr hat er seinen ersten eigenen Wein angebaut. Wie schwer das ist und wie wenig einem akademisches Wissen dabei hilft, wird er von nun an in einer kleinen Serie berichten.



Weinakademiker

„Aromen von grünen Äpfeln, etwas Quitte, ein Hauch von Muscat, erfrischt durch etwas Limone, schön harmonisch, sehr fein und frisch, kein Holzeinsatz spürbar.“ Soweit die teilweise Weinbeschreibung „Odor“, die zu einem Müller-Thurgau 2005 aus Bischoffingen gehört.

Es ist 8.30 Uhr und wir sind in Geisenheim an der Fachhochschule für Weinbau. An diesem Morgen verkosten und beschreiben 25 angehende „Weinakademiker“ noch mindestens 80 Weine aus allen Ländern der weinproduzierenden Welt. Weine aus Australien, Südafrika, Kalifornien, Frankreich, Spanien und Deutschland.

Das ist kein Spaß mehr, sondern pure Arbeit. Natürlich wird jeder Tropfen wieder ausgespuckt. Dennoch sorgen die Schleimhäute auf der Zunge dafür, dass die Stimmung im Raum um 9.30 Uhr recht locker ist.

Der „Weinakademiker“ ist die letzte Hürde, danach werden die Titel nur noch verliehen. Der „Master of Wine“ ist die oberste Weihe. Von 10.000 Bewerbern schaffen es maximal drei.



Theorie und Praxis

Ich bin frischgebackener Diplom-Sommelier, doch eigentlich noch ein grüner Junge in der Weinwelt. Theoretisch habe ich es drauf: Umkehrosmose, Kaltmazeration, Rhone-Ranger, Cape-Doctor, alles Begriffe aus der hohen Schule des Weins, mit denen ich etwas anfangen kann. Doch habe ich noch nie eine Traube geerntet, nie eine Rebe geschnitten.

Ich weiß nicht, wie es ist, auf eine Traube zu beißen und zu erkennen, ob sie schon die richtige Reife für die Ernte hat. Ich weiß auch nicht, wie man einen jungen Wein verkostet, der noch in der Gärung steckt, um zu erkennen, was aus ihm werden kann; ich weiß nicht, wie ich ihn optimal zum Leben bekomme, welchen Charakter er hat – und was ich tun kann, um ihn vielleicht das nächste Mal noch besser zu machen!

Wie komme ich an die Reben?

Meine Diplomarbeit an der Akademie hat das Thema „Pinot Noir“, in Deutschland auch Spät -oder Blauburgunder genannt, wahrscheinlich die feinste aber auch zickigste Rotweintraube der Welt. Baden, der Kaiserstuhl und das Markgräfler Land, sind seit langer Zeit die Heimat dieser Trauben.

Hier werde ich es wagen, meinen Wein zu machen, meine Ahnungslosigkeit in Erfahrung umzuwandeln. Meine Motivation groß, allein der Weinberg fehlt.



Wie finde ich den? Hier wird's schwierig. Momentan sind reine Süd- bis Südosthanglagen die besten der Region.

Die Toplagen sind alle in festen Händen; auch darum sind einige von Badens Winzern mittlerweile recht berühmt. Der Klimawandel hat die Wachstumsbedingungen für den Spätburgunder positiv verändert, die Tops haben das früh erkannt. Natürlich haben sich auch die Preise der Spitzenweine in Höhen bewegt, die noch vor ein paar Jahren undenkbar waren. Ich war der Erste, der sich aufregte; der erste, der über die Geldgier der „Künstler im Weinbau“ spottete.

Nun – ich bin kleinlauter geworden in diesem Jahr.

Eine Freundin aus der Uni hat in Schliegen ein VDP Weingut (VDP steht für Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter e.V.). Ich war sicher, dass sie ein paar Reben für mich übrig hätte. Ein Trugschluss. Wer gute Lagen hat und etwas versteht, der gibt sie nicht her. Doch die Freundin half mir weiter: "Ein Filetstück, reine Süd-Steillage, bepflanzt mit Pinot Noir, 30 Jahre alte Reben, super gepflegt."

Da war der Wink des Schicksals. Nun konnte mich keiner mehr aufhalten. Keiner außer den Besitzern, und die waren sehr anspruchsvoll.



Der Eignungstest

Ich musste einem achtköpfigen Kontrollgremium Auskunft geben, unter anderem über meine Kindheit, meine politische Einstellung, schließlich über meine Weinkompetenz. Bei der kann ich punkten. Doch bei den Fragen zur Chemie -der Prüfer ist diplomierter Önologe- werden meine Lücken offensichtlich.

Ein Diplomingenieur mit eigenem Weinlabor gibt mir den Rest und ich bin froh, dass ich wenigstens halb soviel vertrage wie die Prüfungskommission, denn selbstverständlich werden die letzten zehn hauseigenen Jahrgänge verkostet und analysiert.



Der nächste Tag ist grausam und ich hoffe mich bald daran zu erinnern, wer mich nach Hause gebracht hat. Unter keinen Umständen frage ich nach, ob ich den „Eignungstest“ bestanden habe. Ein "Nein" würde ich kaum verkraften.