Wie Lörracher Schüler EnBW mit einem YouTube-Video vorführen

Jan Beck

So hatte sich die EnBW das sicher nicht vorgestellt: Der Stromriese hatte Schüler dazu aufgerufen, Videos zum Thema Energie zu drehen. Viele Clips wurden eingesendet, einer sticht heraus: Lörracher Schüler fühlten sich manipuliert und drehten einen Film gegen die EnBW. Wie es dazu kam:



„Top Video! Die dachten wohl, mit euch kann man’s machen.“ „Da hat sich die EnBW wohl ein Eigentor geschossen.“ „Schön, dass es Menschen gibt, die sich von Lobbyisten nicht manipulieren lassen.“ 782 Kommentare, 77000 Aufrufe innerhalb von 14 Tagen. Berichte auf Spiegel Online ("Schüler foppen den Energieriesen EnBW") und in der taz ("Schüler contra EnBW"). Wer auf ein Youtube-Video zu einem politischen Thema eine solche Resonanz erhält, der hat wohl den Nerv der Zeit getroffen. Oder er hat ein großes Energieunternehmen angegriffen. Und das im Rahmen eines Videocontests, den der Konzern selbst ins Leben gerufen hat.


Elvira Erdem, Lehrerin an der Neumattschule Lörrach, begrüßt ihre neunte Klasse am diesem Morgen mit einem besonderen Anliegen. Gerade ist sie auf einen Videowettbewerb der EnBW und des Kultusministeriums aufmerksam geworden. Der Stromkonzern sucht „Energiereporter im Einsatz“, die Beiträge zum Thema Energie erstellen. Wer beim anschließenden Voting am besten abschneidet, darf die zum Dreh bereitgestellte Kamera behalten.

„Könnt ihr euch vorstellen, warum das Kultusministerium ausgerechnet mit der EnBW, die Atomstrom produziert, einen Schülerwettbewerb veranstaltet?“ „Die wollen sich nur bei uns einschleimen!“, antwortet ein Schüler prompt. Da so viele Menschen gegen Atomkraft seien, wolle der Konzern nun sein Image bei Schülern verbessern. Die Aktion stößt bei den Schülern also auf Ablehnung. Also auch keine Teilnahme? Von wegen, jetzt erst recht! „Von denen lassen wir uns nicht einschüchtern.“

[PROJEKT] Atomkraftwerk | Es muss nicht sein



Quelle: YouTube
[youtube f_f_xVWjHhI nolink]

Diese Anfangsszene des Videos „[Projekt] Atomkraftwerk | Es muss nicht sein“ hat, so Elvira Erdem, genau so stattgefunden. Die Schüler zeigten sich empört über die EnBW und begannen mit den Dreharbeiten zu einem atomkraftkritischen Film. „Wir sind gegen euch und stehen euch im Weg, irgendwann 'ne Explosion und dann ist es zu spät!“, rappt da ein Schüler im grauen Kapuzenpulli. „Es sind viele gegen euch, aber leider noch die Minderheit.“ Es werden Passanten befragt. Nach ihrer Meinung zur Atomkraft. Und: Nach ihrer Meinung zum Schülerwettbewerb selbst. „Das find ich unmöglich“, empört sich ein älterer Mann mit weißem Vollbart. Es sei doch sehr verdächtig, dass der „große Atomstromerzeuger“ sich auf diese Weise in die Schulen einmische.

Der Wettbewerb hat ein breites Echo gefunden: Über 200 Schülerteams haben Videos eingereicht. Sie zeigen, wie ein Windrad aufgebaut wird, wie viel Energie beim Kochen benötigt wird und wie der Strom in die Steckdose kommt. Seit Donnerstag sind die Clips nun online und stehen zum Voting bereit. Das Lörracher Video sucht man vergeblich, was allerdings auch daran liegt, dass der Film ganze sieben Minuten zu lang ist.

Dennoch dürfte keines der Videos auch nur annähernd so viele Klicks erhalten wie das der Neumattschule. Und ums Gewinnen ging es der Klasse sowieso nicht: „Wir wollten denen da draußen zeigen, was es heißt Atomkraftwerke zu betreiben“, sagt Nico, der Rapper. Viele haben ihm gesagt, wie gelungen sie seinen Song finden. „Ich werde ihn jetzt noch mal ein in einer längeren Version aufnehmen.“ „So schnell so viele Klicks – unglaublich", sagt seine Klassenkameradin Zelfie. Auch Elvira Erdem hätte niemals erwartet, dass das Video so weite Kreise zieht. „Wir freuen uns sehr darüber.“ Die Schüler seien in den ersten Tagen ständig mit ungläubigen Kommentaren wie „Haben Sie schon gesehen, wie viele Leute unser Video gesehen haben?“ auf sie zugekommen. Die Reaktionen hätten das Selbstbewusstsein der Neuntklässler enorm gestärkt. „Sie haben gemerkt, dass sie etwas erreichen können, eben nicht am Rand der Gesellschaft stehen, wie man es Hauptschülern oft weismachen will.“

Der Clip ist etwa halb fertig, als in Japan die Erde bebt. Fukushima wird auch in Deutschland zum Synonym für die Gefahren der Kernenergie, Tausende gehen auf die Straße, die Bundesregierung schaltet marode Kraftwerke ab. Die Schüler sind von den Bildern aus Japan sehr betroffen, fühlen sich in ihrer Botschaft bestätigt, die sie nun „so schnell wie möglich ins Netz bringen wollen“. Elvira Erdem hat ihre Schüler noch nie so enthusiastisch erlebt wie in den folgenden Tagen.

Ob der Tatendrang allein von den Schülern ausging, daran zweifeln einige User in ihren Kommentaren. Elvira Erdem ist nämlich Greenpeace-Aktivistin und lässt keinen Zweifel an ihrer kritischen Einstellung gegenüber der Kernenergie. Die Lehrerin betont allerdings, dass die Schüler sich selbst eine Meinung gebildet hätten. Es habe auch nur die Hälfte der Klasse teilgenommen, das Video sei in der Freizeit entstanden. „Wenn die Schüler von der Idee nicht begeistert gewesen wären, hätte ich sie sicher nicht davon überzeugen können, so viel Zeit in das Projekt zu stecken.“ Es ärgert sie sehr, dass angenommen werde, „ich hätte nur brave Lämmer ohne eigene Meinung vor mir sitzen, die auf Kommando ‚Bäh’ rufen“.

Elvira Erdem macht allerdings keinen Hehl daraus, dass der Wettbewerb sie geärgert hat. „Unternehmen dürfen sich nicht einmischen, Bildung muss neutral bleiben. Zwar müssen potentielle Arbeitgeber in der Schule vertreten sein, das sollte aber bestimmten Regeln unterliegen.“ Sie spricht sich für ein Neutralitätsgesetz in Baden-Württemberg aus, hofft auf die neue Regierung.

Der Zähler des Videos klettert derweil weiter. Nächste Woche enden auch an der Neumattschule die Osterferien, Elvira Erdem plant eine eher ungewöhnliche Unterrichtseinheit: Youtube-Kommentare diskutieren.

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