Integration

Wie junge Flüchtlinge am Goethe-Gymnasium Deutsch lernen

Simone Höhl

In der Vorbereitungsklasse des Goethe-Gymnasiums ist die Vielfalt groß. Hier lernen Elfjährige mit 16-Jährigen Deutsch, um schnell in eine normale Klasse zu kommen.

Die jüngste Schülerin der Klasse ist elf Jahre alt, der Älteste 16, schätzungsweise. Die Hälfte der Klasse ist ohne Eltern nach Deutschland gekommen, die unbegleiteten Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten genauso wie das Klavier-Wunderkind aus Taiwan. Vier Mädchen und 14 Jungs lernen zusammen Deutsch und sollen so schnell wie möglich in Regelklassen kommen. In der Vorbereitungsklasse ist die Ausnahme die Regel.


Dialoge übers Einkaufen

Das Thema ist Einkaufen, die Schüler sollen einen Dialog schreiben, und die Lehrerin hat dafür eine Idee: Früher gab’s immer eine Tüte, heute wird man gefragt. "Wisst ihr, was eine Tüte ist?", fragt Eva-Maria Schaffer. "Ja, 15 Cent", meint Mohammad (16), schwarzes Shirt, schwarzer, noch etwas spärlicher Bart. Er kann auch sagen, warum sie jetzt was kostet. "Weil es ist Plastik, und Plastik ist nicht gut für Natur."

Wo kommt das Verb hin? Das ist fast am schwierigsten, komplizierter noch als die Artikel und  "Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz". Das Wortmonster ist 2013 aus dem Deutschen verschwunden, sorgte aber noch letztes Schuljahr für Lacher bei den ersten Vorbereitungsschülern am Goethe. Anfangs kennen sie keinen, viele verstehen nur Hallo und haben Angst. Die verschwindet auch. Schüler verschwinden ebenfalls immer wieder aus der Vorbereitungsklasse (VKL), gehen in normale Klassen, erstmal in Sport, Kunst und Musik, wo man nicht so viel Deutsch können muss, erklärt Eva-Maria Schaffer, viele in Englisch, dann in Mathe und immer mehr Fächer. In der Regelklasse lernen sie von den anderen Schülern am schnellsten und finden Anschluss. Am schwierigsten ist der normale Deutsch-Unterricht. Goethe zu reflektieren ist ja schon für deutsche Kinder schwer, sagt Schulleiter Wolfgang Michalke-Leicht und erzählt, dass viele der ersten VKL-Schüler an berufsbildende Gymnasien gingen. "Zwei Schüler haben es in unsere Oberstufe geschafft." Möglich, dass die jetzige VKL in sechs Monaten ganz anders aussieht.

Schülerinnen und Schüler aus Syrien, Gambia und Afghanistan – und das musikalische Wunderkind aus Taiwan

Die Vielfalt der Schüler ist groß, nicht nur vom Alter her. Manche sind erst eine Woche da, Mohammad seit über einem Jahr. Er stammt aus Palästina, kommt aus Syrien und wurde von einer Werkrealschule aufs Gymnasium geschickt. Die anderen kommen aus dem Iran oder Rumänien, aus Mazedonien und Gambia, zählt Lehrerin Eva-Maria Schaffer auf. "Afghanistan", ergänzen ein Junge und ein Mädchen schüchtern, die vor ihr sitzen und an der Einkaufsszene arbeiten.

Hinter ihnen hockt Tzu Chia. Das 15-jährige Klaviertalent hat ein Stipendium an der Freiburger Musikhochschule gewonnen. Seine Eltern kamen nicht mit, er lebt bei einer Gastfamilie. Der Taiwanese arbeitet mit Simon, der in Deutschland geboren wurde, aber in Argentinien lebte und jetzt "fumpfzehn" ist. Ein Schüler spricht leise mit der Lehrerin, die nickt und meint: "Sag besser Toilette statt Klo." Eine 15-Jährige bringt Eva-Maria Schaffer ein Heft, in dem in Schönschrift "Meine Reise nach Deutschland" steht. Die Lehrerin schaut den Aufsatz an und meint zu Alessia: "Das ist schon viel besser als letzte Woche."

Während sie erklärt, wie schnell ihre Schüler lernen, schreibt Alessia schon wieder an ihrem Dialog und blättert im Italienisch-Wörterbuch. Kommt sie aus Italien? "Oui, äh ja", sagt sie und lächelt. Ihre Eltern stammen aus Nigeria, sie wurde in Rom geboren und lebte auch in Frankreich. Mohammad schaut ihr über die Schulter, er müsste jetzt Abi in Syrien machen. Das deutsche Gymnasium findet er noch nicht so schwer. "Aber ich glaube, es wird."
Flüchtlingsklassen

Lange war’s "Kepler" das einzige Gymnasium mit internationaler Vorbereitungsklasse, vor allem für Kinder von Arbeitsmigranten. 2015 gab es die erste Flüchtlingsklasse am Goethe, es folgten Berthold-, Friedrich- und Wentzinger-Gymnasium. "Das ging ganz toll", sagt Schulamtsleiter Hermann Maier.

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