Wie ist es als Au-Pair-Mädchen in Freiburg?

Veronika Keller

Nino Sudschaschwili ist 20 und Au-Pair-Mädchen in einer Freiburger Familie. Nino kommt aus Georgien und erzählt, welche Erfahrungen sie bislang in ihrem Job gesammelt hat.



„Hier ist alles anders“, sagt Nino Sudschaschwili: „Die Läden, die Leute, das Essen, einfach alles.“ Sie sagt es mit einem offenen, neugierigen Lächeln und nicht wie jemand, der sein Zuhause vermisst. Seit einem Dreivierteljahr ist die 20-Jährige weit weg von ihrer georgischen Heimat Tiflis. Im April 2009 hat sie sich in ein großes Abenteuer gestürzt: ein Jahr als Au-Pair-Mädchen in Freiburg.

„Am liebsten mag ich an den Deutschen, dass sie so gern arbeiten.“ Diesen Kommentar von der Georgierin würde so mancher Deutscher nicht gerade als Kompliment betrachten, aber Nino Sudschaschwili meint es so: „Die Leute sind hier fleißig, und was sie machen, machen sie gut“,  findet sie. „Deshalb ist dieses Land auch so gepflegt, und alles funktioniert.“

Zu Hause in Georgien war Nino Sudschaschwili mitten im Deutschstudium, als sie beschloss, eine Pause einzulegen. Sie wollte ihre Sprachkenntnisse verbessern und dafür bot sich ein Au-Pair-Jahr an. Eine Agentur in Tiflis stellte Kontakt zur Freiburger Au-Pair-Vermittlung AMS her und bald konnte Nino zum ersten Mal mit ihrer neuen Familie auf Zeit telefonieren. „Ich habe Glück, denn ich bin bei einer echt tollen Familie gelandet“, sagt sie und strahlt.



Gudrun Ahlers, Ninos Gastmutter, strahlt mit. Sie und ihre beiden Söhne Linus (8) und Justus (7) sammeln mittlerweile seit vier Jahren Erfahrung mit Au-Pairs, und zwar nur positive. Ihre Au-Pair-Mädchen und -Jungs hat sich die alleinerziehende Ärztin von AMS vermitteln lassen. Mithilfe von Fragebögen, die sowohl die Familien als auch die Au-Pairs ausfüllen, werden dort passende Kandidaten gesucht, die Familien bekommen bis zu zehn zur Auswahl. Per Telefon und E-Mail können sie sich beschnuppern und herausfinden, ob sie zueinander passen.

Bei Nino und den Ahlers ist das der Fall: Die Studentin versteht sich gut mit den beiden Söhnen, auch im Haushalt klappt alles bestens. Da Gudrun Ahlers morgens zeitig das Haus verlässt, bringt Nino die Kinder zur Schule. Tagsüber räumt sie auf, putzt die Wohnung und geht einkaufen. Nachmittags holt die Georgierin Linus und Justus von der Mittagsbetreuung ab und spielt mit ihnen, bis Gudrun Ahlers von der Arbeit kommt. An den Wochenenden hat sie frei. „Ich finde es immer sehr lustig, Zeit mit Kindern zu verbringen“, erklärt das Au-Pair-Mädchen, und auch die beiden Jungs haben Spaß mit ihr. „Man muss ganz langsam reden, und manchmal muss man etwas dreimal hintereinander sagen“, erklärt der achtjährige Linus: „Aber das ist nicht so schlimm“, findet er.

Erfahrung mit Kindern ist laut Au-Pair-Vermittlerin Anna-Maria Schlegel unverzichtbar. „Man muss auch unbedingt Kenntnisse in der Landessprache haben und flexibel sein, wenn man Au-Pair werden will“, fügt sie hinzu. Außerdem gehöre auch eine Portion Mut dazu, sich einer anderen Kultur zu öffnen und in einer fremden Familie zu leben.

In Freiburg fühlt sich Nino Sudschaschwili wohl. Manchmal vermisst sie ihre Eltern, aber dank des Internetanschlusses in ihrem Zimmer kann sie jeden Abend mit ihnen über Skype sprechen. Seit ihrer Ankunft hat sie schon Ausflüge in die Schweiz, nach Karlsruhe und an den Titisee gemacht, außerdem war die ganze Familie zusammen im Europa-Park. Über eine Freundin, die auch einen Auslandsaufenthalt in Freiburg macht, hat sie schnell Kontakte geknüpft, vor allem mit anderen Georgiern. „Ich hätte nie gedacht, dass es in Freiburg so viele von uns gibt.“

Das Freiburger Nachtleben kennt Nino Sudschaschwili  auch schon. „Die Bars und Diskos sind so ähnlich wie bei uns“, sagt sie, „aber die Georgierinnen machen sich schicker. In Jeans und Turnschuhen geht man nicht tanzen.“ Auch die Junggesellenabschiede, die sie immer wieder beobachtet, hat sie in Freiburg zum ersten Mal erlebt. „Wir haben so etwas nicht, aber ich finde die Idee lustig. Ich werde das in Georgien auch einführen,  wenn ich zurückkomme“, sagt sie. Der auffälligste Unterschied sind aber die vielen Fahrradfahrer. „In Georgien macht das niemand“, erklärt Nino: „Man nimmt den Bus oder das Auto.“ Jetzt lernt sie selbst, das Freiburger Verkehrsmittel Nummer eins zu nutzen: „Es klappt schon einigermaßen, aber ich fahre immer noch Schlangenlinien.“

„Wenn ich von der Arbeit komme, ist die Wohnung sauber und der Kühlschrank voll, so dass ich mich ganz meinen Kindern widmen kann“, erzählt Gudrun Ahlers. Sie findet den Austausch aber auch aus anderen Gründen wertvoll: „Man lernt eine andere Kultur kennen. Wenn jetzt etwas über Georgien in den Nachrichten kommt, kann ich das in ganz andere Zusammenhänge einordnen.“ Außerdem würden die eigenen eingefahrenen Gewohnheiten immer wieder hinterfragt, betont die Ärztin: „Es ist einfach interessant, wie andere Menschen das eigene Leben sehen.“

Nach dem Au-Pair-Jahr will Nino, wie sie es nennt, „Wissen stehlen“: Wenn sie ein Visum bekommt, möchte sie ihr Germanistikstudium gern in Freiburg fertigmachen und vielleicht auch Psychologie studieren, denn deutsche Abschlüsse kommen in Georgien gut an.



Anforderungen an Au-Pairs

Mindestalter: 18 Jahre; Höchstalter: in Deutschland 25 Jahre, in England, Frankreich und Italien 27 Jahre, in Spanien und Australien 30 Jahre, in den USA 26 Jahre; Pflichten: 5 bis 10 Stunden Arbeit täglich (Kinderbetreuung, leichte Hausarbeiten, Frühstück und einfache Mahlzeiten zubereiten); Rechte: Freie Kost und Logis, ein eigenes Zimmer, Taschengeld (Höhe abhängig vom Gastland), ein bis zwei freie Tage pro Woche; Dauer: abhängig vom Land 6 bis 24 Monate; Vermittlung: Agenturen, die Mitglied der Gütegemeinschaft Au pair e.V. sind, werden auf Qualitäts- und Sicherheitsstandards kontrolliert. Die Vermittlungsgebühren sind von der Agentur für Arbeit auf 150 Euro festgelegt.

[Dieser Artikel erschien heute im Lokalteil der Badischen Zeitung; Fotos: Ingo Schneider]

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