Wie ich nach einer durchfeierten Nacht morgens um 6 mit dem TGV von Freiburg nach Paris fuhr

Johanna Wagner

Es gibt Dinge, die will man immer mal machen - macht sie aber nie. Zum Beispiel nach einer Partynacht mit dem ersten TGV aus Freiburg nach Paris fahren. Unsere Autorin hat sich getraut:



Wir stehen völlig fertig auf den verboten schönen Straßen von Paris und sehen verboten unschön aus. Uns umgeben Menschen, die elegant Kaffee trinken und Louis-Vuitton-Koffersets tragen. Wir schwanken um unsere Rucksäcke. Apathisch starren wir die schönen Menschen an. Ich als Joker, mein Kumpel Maize als Mr. Rave, und Moe, in der Hand eine Tüte deutsche Croissants. Vielleicht sehen wir auf den leeren Tanzflächen Freiburgs doch besser aus als in Paris. Vielleicht war das hier eine sehr, sehr dumme Idee.



Zu schön für Freiburg, auf nach Paris!

Ein paar Stunden zuvor sitze ich mit Maize in einem Freiburger Club und starre auf die traurig-leere Tanzfläche. Wir haben die üblichen To-Do's erledigt: Freunde wachklingeln, peinliche Nachrichten schreiben, irgendjemanden beschimpfen, Fahrradunfall, zu viel Geld abheben. Die Luft ist raus.

Es ist der Moment, indem man sich noch einen Döner holt, seufzend sagt: "Ich muss morgen eh was arbeiten" und sich schulterzuckend seinem Schicksal hingibt. Maize sagt: "Hey, du wolltest doch auch mal spontan nach Paris fahren, oder?" Aber sicher, sage ich - und versuche ihm mein Bier zu reichen. Die Flasche zerspringt auf dem Boden.

Paris. Straßencafés. Die Champs-Élysées. Straßenmusiker. Die Seine. Käse. Wein. Der Eifelturm. Großstadtluft. Im Kontrast zum leeren Freiburger Club klingt das verlockend. Wir versuchen noch einen Schluck zu trinken und leeren noch ein bisschen Bier über unseren Pulli. "Lass machen!", rufe ich.

Wir stolpern aus dem Club. Jemand tritt auf meine Hand. "Gehen wir echt?", fragt Maize. Ihn überkommt ein unästhetischer Anfall der Zaghaftigkeit. Ich gebe ihm eine Ohrfeige. Wir rufen Moe an: "Wir fahren jetzt nach Paris!" Er lacht und legt auf.



Bloß nicht nüchtern werden

Wir laufen zu mir, ich muss packen. "Maize, wir dürfen jetzt auf keinen Fall ganz nüchtern werden!", nuschele ich immer wieder. Es regnet in Strömen. Da wir mittlerweile zur strategischen Elite gehören, laufen wir barfuß, so bleiben Schuhe und Socken trocken. Für Paris! Zuhause packe ich Unterwäsche und Sekt ein.

Wir fallen wieder auf die Straße. Ich rufe Passanten zu: "Wir gehen nach Paris!" Maize trifft jemanden, den er kennt. Ich tanze vergnügt in einer Pfütze und singe "Mit einem Taxi nach Paris" von Felix de Luxe und "Jetset" von Carmen Geiss. Maize bemüht sich, unseren Plan als logische Schlussfolgerung zu präsentieren. Klappt nicht. Sein Gesprächspartner erkennt Fehler. Ich verstehe ihn leider schlecht, aber ich vermute er sagt etwas von Vorgarten, Steuererklärung und Spießertum.

Wir klingeln bei Moe. Er hat sich auch schon mal mehr über unseren Besuch gefreut. Ich packe meine rhetorischen Fähigkeiten aus, und halte eine Ansprache, die sich mit dem Begriff "Yolo" abkürzen lässt. Kein Widerspruch. Maize checkt die Züge – um 6 Uhr 11 fährt der TGV nach Paris. Dachten wir.

Der Zug um 6 Uhr 11 fällt aus, die Franzosen streiken. Unser Plan wankt. Damit wir es uns nicht anders überlegen, schleiche ich zum Ticketautomaten. Ich kaufe Tickets für den nächsten Zug und stelle mir die Frage, ob ich jemals wieder meine Miete zahlen kann. Moe kauft beim Bäcker eine riesige Tüte voller Croissants. 7 Uhr 55, unser TGV fährt ein.

War doof. Merkste selbst, ne?

Was wir getan haben, merken wir, als wir auf dem Gare de l'Est stehen. Wir riechen nicht sehr gut. Moe glitzert zwar in der Sonne, aber warum nochmal hat er deutsche Croissants in der Hand? Mein Lippenstift ist verschmiert, meine Wimperntusche bis zu den Ohren verlaufen. Ich sehe aus wie der Joker und fühle mich schlecht. Maize hat irgendwo eine Sonnenbrille aus den Neunzigern gefunden und sieht aus wie die Personifizierung des Songs "Mr. Rave". Er singt. Die Leute weichen uns aus. Wir müssen uns dringend waschen.

Wir klappern Hotels ab, ohne zu wissen, wo wir sind. Vorsichtshalber geht immer nur einer rein. Endlich finden wir ein Hotel, das uns Einlass gewährt. Es liegt über unserem Budget, Maize und ich zögern. Moe weißt uns darauf hin, dass wir bis jetzt nicht nach der Maxime "Sinn" gehandelt haben. Das sehen wir ein.

Das Zimmer ist Wahnsinn, die Dusche sehr schön. Wir schlafen ein bisschen, dann gehen wir raus. Frisch gestriegelt sind wir, immer wieder sagt einer: "Leute, wir sind in Paris!" Wir setzen uns in ein Café, bestellen ein Croissant und einen Café au Lait und rauchen eine Zigarette. Wir pfeifen "Oh, Champs-Élysées" und trinken elegant unseren Kaffee. Dann gehen wir zum Eiffelturm. Wie schön wir sind!

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