Wie ich einen Sommer unter Trump-Anhängern lebte

Lena Prisner

Trump-Wähler, das sind doch alles rassistische Idioten, dachte fudder-Autorin Lena immer. Bis sie ihre supernette Gastfamilie in Amerika besuchte – und eine böse Überraschung erlebte.

In Deutschland wird der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump von vielen belächelt. Man vergleicht ihn mit Hitler. Kopfschütteln reicht da als Geste oft nicht mehr, der Face Palm muss her. Dass das wichtigste Amt der Welt nun vielleicht von einem menschlich unterirdischen Multimillionär mit fragwürdiger Kompetenz und noch viel fragwürdigeren Idealen besetzt werden könnte – wie konnte es soweit kommen?


Lange dachte ich über Trump-Wähler, wie man über schlimme Schicksalsschläge denkt: Das wird mich schon nicht treffen. Die werde ich niemals treffen. Denn wo sollte ich so jemanden kennenlernen? Man sah sie nur in Videos von Satireshows, die gruselige Zusammenschnitte mit deren Äußerungen veröffentlichten. Au backe, dachte ich da immer. Hören die sich eigentlich reden?

Unverständnis: Wie kann man Trump nur gut finden?

Wie man eigentlich dazu kommt, mit jemandem zu sympathisieren, der so offenkundig rassistische und sexistische Inhalte predigt, wollte sich mir nicht offenbaren. Dann machte ich Urlaub bei meiner ehemaligen Gastfamilie in Colorado, die ich seit sechs Jahren nicht gesehen hatte.

Dass die gesamte Familie treue Republikaner sind, war mir bewusst. Dass sie schon damals, 2008, Obama keine Chance gaben und ich ihn mehr oder weniger heimlich verehren musste – weil er halt kein Republikaner war – auch das hatte ich noch sehr gut in Erinnerung. Dass politische Bildung – Bildung generell – in ländlicheren Gebieten Amerikas ein knappes Gut ist, ist leider auch eine Tatsache. Doch auf das Ausmaß der Wahrheit war ich nicht vorbereitet.

Irgendwann war das Thema Trump nicht mehr zu vermeiden

Es war August, drei Monate vor der Wahl. Es führte kein Weg an dem Thema vorbei. Wenn man den Fernseher einschaltete, lief mit großer Wahrscheinlichkeit gerade eine Analyse der Wählerschaft, ein Ausschnitt der letzten Rede, oder der neuste Fauxpas einer der Kandidaten. Trotzdem: Eine Weile lang blieb es still. Ich beobachtete aus meinem sicheren Bau heraus. Niemand schnitt das Thema an. Aber ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit.

Der erste Eisbrecher war mein Gastvater Jack*, der inzwischen woanders lebt, weshalb ich ihn diesen Sommer nur selten sah. Seine Kinder und ich verbrachten einen Samstag bei ihm, schauten Filme, machten Unsinn. Jack hatte schon immer einen Hang zum Revoluzzer, er hasste es, Erwartungen zu erfüllen, er war angeödet von einem Leben voller Regeln. Aber ich merkte, dass er sich verändert hatte. Er war irgendwie ein wenig verwahrlost. Hatte den Halt verloren. Was ihm früher meine Gastmutter Jane* gab, das gab ihm nun keiner mehr. Das letzte bisschen Realitätsbezug.

"I’m a Trump man!", verkündete Gastvater Jack plötzlich

Ich weiß nicht mehr, wie wir drauf kamen. Aber plötzlich fragte ich ihn ungläubig: "Sag mir bitte nicht, dass du Trump wählen wirst." "Natürlich!", entgegnete er, "I’m a Trump man!" Ich musste schlucken. Mein Magen stülpte sich ein wenig über. Die Stimmung war gekippt. Ich konnte es nicht fassen: Der Mensch, mit dem wir ein Jahr lang den größten Spaß hatten, mit dem es nie langweilig wurde, und der trotzdem ein besorgter Vater war, dem viel daran lag, meinen Gastbruder und mich vor den falschen Leuten zu bewahren, erzählte mir jetzt allen Ernstes, dass er einer von "denen" ist. Ein Trump-Sympathisant.

"Weißt du, in Deutschland nennen wir ihn den neuen Hitler", sagte ich kühl. Er lachte. "Er ist so verdammt doof", platzte es aus mir heraus, "er kann nicht mal einen vollständigen Satz bauen! Schau dir seine Reden an!" Dass er wenigstens keine Lügen erzählen würde, bekam ich da zu hören – Jack sollte nicht der einzige bleiben, der mir dieses Argument auftischte.

"Dafür ist er ein Rassist. Weißt du, dass er Muslime nicht mehr ins Land lassen will? Findest du das etwa gut? Bist du jetzt auch ein Rassist?", fuhr ich ihn an. Er murmelte noch, dass er das nicht wäre, und gab sich kleinlaut. Er spürte, dass er mich gerade enorm enttäuscht hatte. Ich ließ das Thema fallen, ich wollte nicht den einzigen Tag ruinieren, den ich nach sechs Jahren mit meinem Gastvater verbrachte.

Das Thema Waffen hat eine enorme Brisanz

Szenenwechsel. Es ist Janes Geburtstag, die Familie sitzt im Wohnzimmer, mit Hamburgern und Hot Dogs auf Papptellern, einer Soda in der Hand. Irgendwer redet von Waffen. Janes Mutter flachst, bald könne man die ja auch nicht mehr kaufen. Vereinzeltes Grummeln. Ich merke, wie eigentlich niemand über Politik reden will. Aber das Thema Waffen hat hier eine enorme Brisanz.

Janes Schwäger sagt: "Ich werde Trump wählen. Wegen den Waffen." Auch jemand anders lässt den Ausdruck "ban guns" fallen. Ich rutsche unruhig auf meinem Sessel herum. Ich will es mir mit den Leuten hier ja wirklich nicht verscherzen. Ich schätze sie alle sehr. Dennoch sage ich kleinlaut: "Naja, Hillary will Waffen ja nicht verbieten. Sie will nur, dass sie nicht jeder ohne weiteres kaufen kann."

In der Diskussion sind manche Amerikaner bockig wie ein Kleinkind

Dass man ihnen die Waffen "wegnehmen" will, das können die Amerikaner nicht verkraften. Sie setzen Waffen gleich mit Freiheit, mit Selbstverteidigung, mit Sicherheit. Den Spruch "guns don’t kill people – people do" kann ich nicht mehr hören. Diejenigen, aus deren Munde er stammt, lassen in diesem Punkt nicht mit sich reden. Sie sind dann bockig wie ein Kleinkind, das den Kopf schüttelt, wenn man ihm einen Löffel zum Mund führt. Egal wie sehr man versucht, ihnen das Essen schmackhaft zu machen, ob man Flugzeug spielt oder vergnügte Geräusche macht – am Ende werden sie ihn dir aus der Hand schlagen und über die Sauerei lachen. Man kann nur verlieren.

"Ich glaube, er wird sich nichts gefallen lassen", sagt Janes Mutter, als Fox News einen Ausschnitt von Trumps Rede zeigt. Er erklärt gerade, dass er nichts gegen das schreiende Baby hat, das er von seiner Veranstaltung verbannt hatte. "Kann ich das ausmachen?", fragt Jane. "Ich kann diesem Menschen nicht zuhören". Und dann, als müsse sie sich rechtfertigen: "Ich sage nicht, dass Hillary besser ist – aber ich kann diesen Typ einfach nicht ausstehen."

Interessant und erschütternd zugleich ist für mich dabei, dass ich von dieser Familie nichts als Gastfreundschaft erfahren habe. Keiner von ihnen hat viel Geld, dennoch zucken sie nicht einmal mit den Schultern, wenn jemand weiteres mitisst.

Meine Gasteltern sind kein Rassisten

Meine Gasteltern haben jahrelang Austauschschüler aufgenommen, auch noch, nachdem sie einmal schlechte Erfahrungen gemacht hatten und nachdem das Geld durch die eigenen Kinder noch knapper wurde. Sie sind keine Nazis, keine Rassisten. Sie haben hohe moralische Standards. Sie sind konservativ, aber sie sind nicht blöd. Und dennoch ist Trump für sie nur ein weiterer Republikaner – vielleicht kein Prachtexemplar, aber eben ein Republikaner. Seine rhetorisch mangelhaften Reden sind für mich peinlich – für sie aber ist es vielleicht der erste Präsidentschaftskandidat, dem sie mühelos folgen können.

Seine Wahlkampfziele sind für mich besorgniserregend – für sie sind sie eher zweitrangig. Von Republikanern und Fox News umgeben hören sie nur das, was sie hören wollen, was unmittelbar erreichbar ist. Für eine tiefergreifende Auseinandersetzung reichen politische Bildung und Wissbegierde nicht aus. Da kommt dem Republikaner sein trampeliges Auftreten dann tatsächlich zugute: Sie sehen jemanden, der nicht vorgibt, besser zu sein als sie. Vielmehr noch, sie erkennen selbst, dass er ihnen nicht übergeordnet ist. Ein Präsident auf Augenhöhe. Klingt eigentlich nicht schlecht, oder? Wenn er doch bloß nicht so unausstehlich wäre.

*Anmerkung: Die Namen wurden geändert.