Wie ich die Museumsnacht Basel mit allen Sinnen erlebte

Bernhard Amelung

Walzerschritte lernen, Masken basteln, aber auch lange warten und anstehen. Mehr als 100.000 Besucher haben am Freitag an der Museumsnacht Basel teilgenommen. Wie unser Autor sie mit allen Sinnen erlebt hat.

Tasten: Walzer tanzen im Museum Kleines Klingental

Ich schaue in Tanzrichtung. Am Gesicht meiner Begleitung vorbei in die Fratze eines Fabelwesens. Die Sandsteinfigur hing einst an einem Turm des Basler Münsters. Jetzt wird sie im Museum Kleines Klingental ausgestellt. Die Figur grinst. Lacht mich aus. Verhöhnt mich. Denn ich tanze zum ersten Mal in meinem Leben einen Wiener Walzer, den vielleicht bekanntesten aller Standardtänze. "Rechter Fuß nach vorne, zwischen die Füße der Dame", sagt der Tanzlehrer. Seine Partnerin übersetzt seine Anweisungen ins Baseldytsch.

Ich mache einen Schritt nach vorne, ziehe den linken Fuß seitwärts und in Tanzrichtung nach, führe den rechten Fuß an den linken Fuß heran, schließe ab – und kann Takt und Tempo nicht mehr halten. Drei Schritte pro Sekunde. So schnell wird der Wiener Walzer getanzt. So schnell wie Dennis Kimettos, Kenenisa Bekeles und Eliud Kipchoges dieser Welt von Marathon-Weltrekord zu Marathon-Weltrekord. Die brauchen etwas weniger als drei Minuten pro Kilometer. Das sind plus minus 200 Schritte in der Minute. Andere Schrittlängen, klar, und trotzdem: Tanzen ist Hochleistungssport. Nach einer halben Stunde ist mein Hemd nassgeschwitzt. Noch taste ich mich vorsichtig über das Parkett. Aber ich kann Takt und Tempo fühlen – und halten. Rechter Fuß nach vorne, zwischen die Füße meiner Partnerin. Linken Fuß seitwärts in Tanzrichtung nachziehen, mit dem rechten Fuß schließen. In diesem Jahr reicht’s nicht mehr, aber: Wiener Opernball 2019 – ich komme.

Sehen: Masken basteln im Ausstellungsraum Klingental

Rund 360 Walzerschritte müssen meine Begleitung und ich zum Ausstellungsraum Klingental zurück legen. "It’s Just About We" heißt die Ausstellung von Celia & Nathalie Siedler, Nina Willimann und Barbara Muff. Thema: Identität, Identitäten, von Ich zu Du zu Wir.

Damit das Ganze nicht so diskurstheoretisch rüberkommt, dürfen die Besucherinnen und Besucher Masken basteln. Masken verkleiden, verhüllen, stellen Charakteristika dar. Prototypen und Modellfiguren.

Wer bin ich, wer will ich sein? Antworten auf diese Fragen finde ich an diesem Freitagabend keine. Um mich herum kleben, tackern, nähen, klammern gefühlt Hunderte Hände diverse Materialien zusammen. Karton, Papier, Folien. Ich hatte immer zwei linke Hände. Auch in der Schule habe ich lieber gelesen. Mit einem Klassenkameraden hatte ich den Deal: Er macht im Werkunterricht mein Flugzeug aus Balsaholz, ich schreibe seine Deutsch- und Französisch-Hausarbeiten.

In Gedanken habe ich längst die perfekte Maske skizziert und die Skizze umgesetzt. Jetzt aber muss ich tatsächlich abliefern. Ich greife zu Eierschachteln, silberner Folie und jede Menge Klebstoff. "Da bruuchts gar keini Droge", sagt ein Mann neben mir. Zwei Minuten später ist mein anderes Ich fertig.

Riechen: Anstehen im Spielzeug Museum Welten

Jede Parfümrezeptur hat ihr Geheimnis. Chanel No. 5 zum Beispiel, 1921 von Ernest Beaux kreiert, besteht aus 31 Rohstoffen, darunter Jasmin, Rose, Bergamotte. Parfüms sind jedoch viel mehr. "Die Gefühle der Blumen", wenn man Heinrich Heine Glauben schenken mag. Nicht weniger verspricht das Spielzeug Museum Welten, das sich in einer Ausstellung dem Parfum widmet. Dazu hat es Mitarbeiter des Labors Drom Fragrances eingeladen, die den Besucherinnen und Besuchern einen Duft auf die Persönlichkeit abstimmen und kreieren. Dreißig Minuten, vierzig Minuten anstehen und warten, um festzustellen, dass man noch einmal so lange warten und anstehen muss. Dann lieber nach Werbung, also nach DKNY, Armani, Hugo Boss, Dior oder Dolce & Gabbana riechen – und noch etwas von der Museumsnacht mitnehmen.

Schmecken: Currypulver mischen im Botanischen Garten

"We’re out of curry." Schwarze Buchstaben auf weißem Grund. Ein Schild hängt am Eingang des Botanischen Gartens der Universität Basel. Mit einem so hohen Ansturm habe man nicht gerechnet, sagt eine Mitarbeiterin. "Alles weg." Mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher haben das Angebot der Basler Museumsnacht genutzt. Wie viele davon den Weg zum Botanischen Garten gefunden haben, kann die Mitarbeiterin nicht sagen. Zu viele jedenfalls, als dass meine Begleitung und ich unsere eigene Gewürzmischung mit nach Hause nehmen konnten.

Nun ja. Doch auch so sind die Gewächshäuser sehenswert. Sie bieten Gebirgspflanzen, Sukkulenten und tropischen Pflanzen ein Exil. Die Titanwurz, eine indonesische Regenwaldpflanze, kann man allerdings nicht sehen. Die steht gut abgeschirmt vor der Öffentlichkeit und wächst zu neuer Blüte heran. Dann sieht sei aus wie ein erigierter Penis und verströmt einen fauligen Geruch. Drei Mal hat die Basler Pflanze, die bald 25 Jahre alt wird, schon geblüht. Wachstum und Aufblühen kann man auch via Webcam beobachten.

An der Bar wird Chai-Tee serviert. Ob man mit dem Inhalt des Teebeutelchens auch ein Currygericht würzen könne, frage ich. Der entsetzte Blick einer Besucherin gibt mir zu verstehen: Ich bin zu weit gegangen.

Hören: Um Mitternacht im Münster

Erst entsagte er allen Annehmlichkeiten des Alltags und ging ins Kloster. Dann kamen der Zweite Weltkrieg und eine Sinnkrise. Diese überwunden, schwor er Gott und allem Jenseitssehnen ab. Dieser innere Widerstreit zieht sich durch das Leben des französischen Komponisten Henri Tomasi (1901 – 1971), und wahrscheinlich auch durch seine Werke.

Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel spielen die "Fanfares Liturgiques". Dissonante, wilde Tonrepetitionen treffen auf lang ausgehaltene Töne. Unruhige Klangkaskaden gehen in flächig-mäandrierende Passagen über. Die Stimmungen: Mal dunkel, morbid, dann wieder sinnlich, verträumt. Musik, die auch die Fabelwesen des Basler Münsters zum Leben erwecken könnte.

Fazit

36 Museen und Einrichtungen, sieben Routen durch die Stadt, das angrenzende St. Louis, Weil am Rhein und Riehen. Spannend (und ein wenig gruselig) auch: Die nachmitternächtliche Rollenführung in die Grabkammern des Pharaos Sethos I. im Antikenmuseum; Kurzweilig: Die Führungen und musikalischen Darbietungen im Museum der Kulturen, das seinen 125. Geburtstag feier. Unmöglich, das Programm in acht Stunden abzuarbeiten. Und Kunstmuseum, Fondation Beyeler, Museum Tinguely oder HeK geht man ja sowieso immer hin.