Wie ich die Anschläge in Brüssel erlebt habe

Fabian Fechner

Mindestens 26 Menschen wurden bei den Terroranschlägen getötet, viele weitere verletzt. fudder-Autor Fabian Fechner lebt in Brüssel. Kurz vor der Explosion an diesem Dienstagmorgen durchfuhr er noch die U-Bahn-Station Maelbeek. Wie er den Tag erlebt:


Zwei Soldaten bewachen ein Brüsseler Hotel (November 2015)

„Be safe kids!“, schrieb mein Kollege, als ich heute um 8.34 Uhr gerade als erster im Büro ankam. Ich wusste da noch nicht, was er meinte, hatte ausnahmsweise in der U-Bahn Twitter nicht gecheckt, war in einen Podcast vertieft. Ich war eine halbe Stunde früher dran als sonst, weil ich vor der Arbeit noch bei der Tickethotline von Borussia Dortmund anrufen wollte. Es gab Karten gegen Liverpool.


Daher durchfuhr ich die Station Maelbeek mit der Metro heute früher als gewohnt und sah die ersten Bilder vom Flughafen auf Twitter gerade als ich mich an den Schreibtisch setzte. Am Donnerstagnachmittag wollte ich von dort aus nach Hause fliegen, über Ostern. Wenig später folgten die Meldungen aus der U-Bahn, die ich fast tägliche benutze.

Ich war nicht überrascht, der Terror war ja in Brüssel bereits allgegenwärtig - seit November, eigentlich seit Januar 2015 und Charlie Hebdo. Dauernd sahen und hörten wir von den Hausdurchsuchungen, einmal fanden sie wenige hundert Meter von meiner Wohnung statt.

Wir alle vermuteten, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde.

Wirklich getroffen hat mich erst der zweite Anschlag, weil ich wusste, dass nicht nur ich, sondern auch viele meiner Freunde hier täglich vorbeikommen. Schnell war ich mit ihnen auf WhatsApp in Kontakt. Das Gefühl, wenn sich jemand nicht schnell dort meldet, kannte ich so noch nicht. Facebook hat diesen Sicherheits-Check. Er soll Menschen in einem Katastrophengebiet die Möglichkeit geben, ihren Freunden mitzuteilen, dass es ihnen gut geht. Davon hatte ich mal gehört. Dass ich ihn so schnell benutzen würde, hatte ich nicht gedacht.


Fabian Fechner

Eigentlich war die Anspannung in Brüssel letzte Woche etwas abgefallen. Fast überrascht hatten wir aufgenommen, dass die Terrorwarnstufe nach der Festnahme von Abdeslam nicht gesenkt wurde. Wir hatten uns an die Soldaten überall in der Stadt gewöhnt, grüßten sie freundlich, wenn wir an ihnen vorbei liefen, vor Hotels, dem neuen Apple Store, einer jüdischen Schule. Es war nach dem Lockdown vom November wieder Normalität eingekehrt. Die Bedrohung war unterschwellig.

Klar, die belgischen Sicherheitsbehörden sind ihrem Namen in unseren Augen eigentlich nie gerecht geworden. Haben nie Vertrauen ausgestrahlt. Wir machten uns lustig darüber, dass der gesuchte Attentäter sich seit November die ganze Zeit hier in der Stadt versteckt hatte und ganze 500 Meter von dem Ort gefunden wurde, wo er die Anschläge von Paris geplant haben soll.

Ich wohne fünf Minuten von Molenbeek entfernt, fahre jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins belebte EU-Viertel. Aber man kann nicht über Monate angespannt sein und jedem mit einem Rucksack in der U-Bahn misstrauisch hinterhergucken. Das macht einen kaputt. Vielleicht wird sich das nun ändern.

Auf jeden Fall werden sich die Erfahrungen vom letzten November wiederholen. Schulen werden geschlossen bleiben, U-Bahnen nicht fahren. Wir werden wieder von zuhause arbeiten, wahrscheinlich erstmal bis zur Osterpause. Heute ist es uns frei gestellt, wann wir nach Hause gehen wollen, nur hell sollte es noch sein, hat der Chef gesagt.

Gerade waren wir kurz Essen holen vom Büro aus. Draußen heulen zwar die Sirenen und die Hubschrauber kreisen über der Stadt. Im Park joggen allerdings schon wieder Menschen.


Das Militär von einem IKEA (Dezember 2015)

Zur Person

Fabian Fechner ist 28 Jahre alt und kommt aus Breisach. Seit 2012 lebt er in Brüssel und arbeitet dort bei einem deutschen Wirtschaftsverband.

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[Fotos: Fabian Fechner]