Flugverzicht

Wie ich dem Heucheln abgeschworen habe und 36 Stunden mit dem Bus gefahren bin

Inanna Tribukait

Je mehr sich das Klima erwärmt, desto mehr sind CO2-Steuer und Flugverzicht in aller Munde. Fudder-Autorin Inanna Tribukait machte deshalb den Selbstversuch – und ist mit dem Fernbus von Glasgow nach Freiburg gefahren.

fudder-Autorin Inanna Tribukait ist 1997 in Villingen-Schwenningen geboren und studiert seit 2016 in Glasgow in Schottland Englische und Vergleichende Literatur. Im Juli macht sie ein Praktikum bei fudder.

Flugscham. Als ich mich vor vier Jahren zum Auslandsstudium eingeschrieben habe, gab es dieses Wort noch nicht, und die letzten drei Jahre flog ich fröhlich von Glasgow nach Süddeutschland hin und her. Zwar habe ich schon immer auf Umweltbewusstsein geachtet, aber irgendwie endete das bei mir (wie bei vielen) beim Fernverkehr. Dadurch, dass ich im Ausland wohne, konnte ich das auch immer recht gut rechtfertigen: Heimflüge an Weihnachten, in den Semesterferien im Sommer, und zwei Urlaube.

Meine letzte Flugreise

Insgesamt 18 Flüge kamen so für mich in den bisher drei Jahren meines Studiums zusammen. Das ist ja okay, redete ich mir ein, solange ich vegan esse, oder vor Ort nur Fahrrad fahre, Second-Hand-Klamotten trage. Im April buchte ich meinen ersten Langstreckenflug für eine Reise nach Amerika. Das war Monate nachdem ich das erste mal mit Fridays for Future auf die Straße gegangen war und das Wort "Heuchlerin" tauchte – zu recht - immer öfter in meinen Gedanken auf. Also schwor ich dem Fliegen ab. Der Flug in die USA war gebucht, aber das würde meine letzte Flugreise sein.

36 Stunden geht die Fahrt insgesamt

Trotzdem musste ich aber weiterhin in den Semesterferien zurück nach Deutschland kommen, zum Familienbesuch und für den Ferienjob. Mit dem Zug ist man von Schottland nach Deutschland tatsächlich gar nicht so lange unterwegs: Wenn man eine gute Verbindung erwischt, sind es zwölf Stunden. Das hätte ich auch gerne gemacht, aber mein Konto hatte das für mich so nicht vorgesehen: Eine Wegstrecke, die ich mit dem Billigflieger schon mal für fünf Euro zurückgelegt hatte, hätte mich mit dem Zug weit über hundert gekostet. Der Bus dagegen kostete 50 Euro, das erschien mir gerechtfertigt. Zeitaufwand: 36 Stunden.

Da mein Bus um acht Uhr morgens losfährt, fange ich die Reise erst mal mit einem Nickerchen an. Extra für die Busfahrt habe ich mir ein Nackenkissen gekauft, und bin stolz darauf, wie gut ich vorbereitet bin. Auch Essen habe ich mir eingepackt, denn schließlich kann ich nicht von Umweltschutz sprechen und dann in Plastik verpackte Snacks kaufen. Das denke ich mir so lange, bis mir auffällt, dass ich meine Trinkflasche vergessen habe und mir schweren Herzens doch eine Plastikflasche kaufe – in Großbritannien bisher auch immer noch ohne Pfand.

Nachtbus nach Brüssel

Nach zehn Stunden komme ich in London an, wo ich drei Stunden Aufenthalt habe. London ist groß, bunt und mit einem großen Koffer und Rucksack im Schlepptau eher schlecht zugänglich, also setze ich mich in ein Café und verbringe die Zeit damit, im Internet zu surfen, zu lesen und Menschen zu beobachten – interessante Gestalten gibt es in London dafür sicherlich genug, die sich in ihrer bunten Kleidung und ihren vielen Sprachen miteinander unterhalten.

Dann geht es weiter in den Nachtbus nach Brüssel. Der ist voll ausgebucht, das heißt mit viel Schlaf kann ich eigentlich von Anfang an nicht rechnen. Hinter mir sitzt eine laute Gruppe belgischer Jugendlicher, neben mir eine Französin, die sich um ein Uhr nachts beginnt die Fingernägel zu lackieren, vor mir jemand, der seinen Sitz so weit zurückstellt, dass ich komplett eingezwängt bin.

Eingeschlossen durch den Tunnel

Trotzdem döse ich ein bisschen weg, bis wir an der Grenze ankommen. Wir gehen durch die Passkontrolle, dann zurück in den Bus. Gerade als ich mir überlege, ob wir auf einer Fähre übersetzen, fährt der Bus in einen merkwürdig engen Tunnel.

Dann sehe ich, wie sich vor dem Bus und hinter dem Bus Schranken schließen, eine Durchsage erklingt und mir wird klar, dass der Bus in einen Transportzug gefahren ist. Das heißt, ich befinde mich in einem abgeschlossenen Bus, in einem abgeschlossenen Abteil eines Zuges, der durch einen Tunnel unter dem Meer durchfährt. Kurz bevor ich eine klaustrophobische Panikattacke habe, beschließe ich stattdessen, dass ich meinen Sitz doch zurücklehnen kann und schlafe fast sofort ein. Gott sei Dank ist mein psychologischer Fluchtmechanismus Schlaf.

Auf der Zielgeraden

Als ich wieder aufwache, fahren wir gerade durch Belgien und um sechs Uhr morgens erreichen wir Brüssel. Da habe ich wieder zwei Stunden Aufenthalt, bevor ich in den letzten Bus nach Freiburg steigen muss. Ich steige aus, versammele mein Gepäck und bemerke, dass ich meine Handtasche mit Geldbeutel, Handy und Pass an meinem Platz vergessen habe und sprinte gerade rechtzeitig noch einmal in den Bus, um sie zurückzuholen.

Nach einem dringend nötigen Kaffee am Bahnhof geht es weiter in den letzten Bus nach Freiburg, und immer wieder über verschiedene Ländergrenzen – Belgien, Frankreich, Luxemburg, Deutschland, alles ohne anzuhalten. Das Schengener Abkommen ist doch was Schönes. Insgesamt dauert die Strecke etwa neun bis zehn Stunden. Kurz vor Freiburg muss der Fahrer eine dreiviertel Stunde lang eine Pause einlegen und tut das auf einem MacDonalds-Parkplatz. Da ich meine eingepackten Essensvorräte bereits am Abend davor aufgebraucht habe, werfe ich Boykottvorsätze in den Wind und kaufe mir einen Veggie-Burger.

Fazit: Ich würde es wieder tun

Als ich endlich in Freiburg ankomme, geht es mir tatsächlich besser als erwartet. Da ich schon die eine oder andere Zehn-Stunden-Busfahrt hinter mir hatte, dachte ich, ein Trip der mehr als drei mal so lang ist, würde sicherlich auch dreimal so schlimm werden. Im Endeffekt war es aber höchstens anderthalb mal so schlimm, denn um ehrlich zu sein: Fertig wäre ich so oder so zuhause angekommen.

Eine halbe Tonne CO2 habe ich damit eingespart. Für meine Rückreise im September hoffe ich noch darauf, eine günstige Zugverbindung zu finden, aber um ehrlich zu sein: Wenn man ein Nackenkissen für die Reise und genug Proviant, Lesestoff und Ersatzakkus einpackt, dann gehen auch 36 Stunden klimabewusstes Reisen schneller rum, als man denkt. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

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