Wie gefährlich der neue Kanadiertrail am Kybfelsen wirklich ist

Marius Buhl

Der neue Kanadiertrail am Freiburger Kybfelsen ist für Mountainbiker das Paradies. Seit der Sonderweg für Mountainbiker im April eröffnete, rasen diese im Minutentakt die schmale Fahrrinne hinab, springen über Bodenwellen und legen ihre Downhiller in die Steilkurven. Immer wieder stürzen sie dabei, vier Mal musste auch die Bergwacht ausrücken. Ist der Trail vielleicht zu gefährlich?



Nun hat Philipp Dibah es übertrieben. Der 14-Jährige schießt aus einer Linkskurve, kurbelt sein  Rad auf 20 km/h, spannt den Rücken wie ein zum Sprung ansetzender Tiger, drückt sich von der Bodenwelle ab und fliegt durch die Luft. Langsam neigt sich sein Vorderrad gen Boden, das Hinterrad steigt höher und höher. Drei Meter fliegt Dibah in dieser Position, versucht eine Gegenbewegung. Dann schlägt er auf dem Boden auf, die Wucht des Aufpralls wirft ihn über den Lenker. Er prallt gegen einen Baum.


Philipp Dibah streckt sich kurz, dann checkt er sein Rad auf Macken. Es war nicht sein erster Sturz auf dem neuen Kanadier-Trail am Freiburger Kybfelsen. “Im Stürzen habe ich Routine“, sagt er. Die Bergwacht rufen? Dibah lacht.

Von Kanadiern erbaut

Zwei Monate ist der Kanadiertrail alt. Er windet sich von der Spitze des Kybfelsens talwärts zur Sternwaldwiese in Freiburg-Wiehre. Seinen Namen hat er von seinen Erbauern: vier Kanadiern. Im April eröffnete der Trail, seit dort wurden einige Stürze und vier  nachfolgende Bergwachteinsätze bekannt, im Internet kursierte das Gerücht eines Todesfalls. Ist der Trail zu gefährlich?

3,6 Kilometer ist der Pfad lang. Er überwindet 450 Höhenmeter und ist oftmals nur wenige Zentimeter breit. Die Steilkurven sind aus fester Erde, immer wieder wuchern Wurzeln über den Weg. Zwar haben die Kanadier größere Bäume und Steine neben der Strecke entfernt, eine wirkliche Pufferzone gibt es aber nicht. Eines ist gewiss: Mit einem gewöhnlichen Waldwanderweg ist der Trail nicht zu vergleichen – und genau darin liegen Reiz und Gefahr.



Für Philipp Dibah überwiegt der Reiz. Fast jeden Tag ist er derzeit am Kybfelsen, oft mit seinem Schulkollegen Fabian Minners vom Friedrich-Gymnasium. Ihr heutiger Tagesablauf: Lateinunterricht, Geigenstunde, Kanadiertrail. Statt des Fidels trägt Philipp Dibah nun einen Fullfacehelm, Knieschoner und Handschuhe – und fährt ein vollgefedertes Mountainbike.

Wahrscheinlich kennen wenige Mountainbiker den neuen Trail besser als der Schüler. Er schwärmt: „Der Trail ist unfassbar flowig, man kann sehr schnell fahren. Das Gefühl, das man dabei hat ist unbeschreiblich!“ Zu gefährlich findet er den Trail auf keinen Fall.  Wo aber liegen die Tücken? Dibah erklärt: „Es gibt vier potentielle Gefahren: Bodenwellen, Steilstücke, Witterung und die Selbstüberschätzung.“

Bodenwellen, Steilstücke, Witterung und Selbstüberschätzung

Erstens: die Bodenwellen. „Die machen den Trail natürlich interessant. Hier kann man springen, das macht uns am meisten Spaß.“ Gefährlich ist eine Doppelwelle im mittleren Abschnitt. Springt man bei der ersten zu wenig ab, landet man auf der zweiten und stürzt – eine Erfahrung, die eine Freiburger Mountainbikerin bereits machte. Sie musste von der Bergwacht abtransportiert werden.

Zweitens: die Steilstücke. Sie sind – zusammen mit einem Sprung über eine Holzkonstruktion – das technisch anspruchsvollste, was der Kybfelsentrail bietet. Wer die Technik nicht drauf hat, stürzt vornüber über den Lenker – die Strecke ist dann schlicht zu steil. Philipp Dibah und Kumpel Fabian Minners schrauben deswegen ihre Sattelstützen ganz nach unten – so liegt der Schwerpunkt tiefer und die Sturzgefahr verringert sich. „Außerdem empfiehlt es sich hier, es eher laufen zu lassen. Denn wer bremst, kriegt einen Stoß nach vorne und fliegt auf die Nase!“


Philipp Dibah und Kumpel Fabian Minners vom Friedrich-Gymnasium - in voller Montur

Drittens: die Witterung. Besonders bei Regen ist der Trail schwer zu befahren. Dann bilden sich Pfützen in den Kurven, die Wurzeln sind zudem höllisch rutschig. Eine Befahrung empfehle  sich dann kaum, sagt Philipp Dibah.

Und schließlich viertens: die Selbstüberschätzung. „Wer den Trail nicht kennt, sollte erstmal die Strecke erkunden!“, empfiehlt Dibah. „Dann kann man immer noch Gas geben!“

Nur vier Bergwachteinsätze

Darin ist er sich mit dem Landespressereferenten der Bergwacht Schwarzwald, David Vaulont, einig. Der sagt: „Der Trail ist nicht zu gefährlich, er ist eigentlich sogar einfacher als der andere Freiburger Trail am Rosskopf.“ Die größte Gefahr am Kanadiertrail sei das Fehlen von größeren Hindernissen. Denn die schreckten ungeübtere Mountainbiker ab, so wie am Boarderline-Trail. Dort sind größere Absätze in die Strecke eingebaut, sogenannte Drops. Diese sind so schwer zu fahren, dass Hobbyfahrer lieber einen Bogen darum machen – und die Strecke den Cracks überlassen.

Ganz anders am Kanadiertrail. Dort rauschen bei gutem Wetter derzeit zahlreiche Mountainbiker ins Tal – neben geübten Fahrern wie Philipp Dibah auch Anfänger wie Bernhard Michl. Der Freiburger Student ist zwar Radfahrer, um die schmalen Pfade hat er aber bislang einen Bogen gemacht. Vom neuen Kanadiertrail hat er in einer Zeitung gelesen – und wunderte sich noch über die Beschreibung.

„Geeignet für die ganze Familie“ habe dort gestanden. Als Michl sich dann auf den Kybfelsen hoch quälte und am Anfang des  Wurzelwegs stand, stutzte er: „Die Familie, die dort hinab rast, will ich sehen!“ Ganz langsam hat Michl sich dann den Trail hinunter getraut, ab und zu schnelleren Downhillern Platz gemacht. Gestürzt ist er nicht.

Ein Todesfall?

David Vaulont von der Bergwacht wundert das kaum. „Es waren bislang eher die erfahrenen Mountainbiker, die am Kybfelsen stürzten.“ Vier mal musste die Bergwacht  ausrücken – eine Zahl, die Vaulont überhaupt nicht beunruhigt. Im Gegenteil: Die Zahl sei genauso hoch wie in den vergangenen Jahren um diese Zeit – nur konzentrierten sich die Stürze ob der Beliebtheit des Trails nun auf den Kybfelsen.

„In drei Fällen waren die Verletzungen eher leicht. Das waren dann Armbrüche und andere Frakturen der oberen Extremität“, sagt Vaulont. Nur einmal habe sich ein Mountainbiker schwerer verletzt. Der sei im unteren Sektor in einer Steilkurve gestürzt, habe sich dabei Verletzungen an der Wirbelsäule zugezogen. Auf facebook  machte im Anschluss an diesen Sturz gar das Gerücht eines Todesfalls die Runde – Bergwacht, Polizei und umliegenden Krankenhäusern ist davon aber nichts bekannt.

Arne Grammer, 2. Vorstand des Mountainbike-Vereins Freiburg, ist genervt von diesem Gerücht: „Nirgends kriegt man dafür eine Bestätigung, es stimmt schlicht nicht. Ich will natürlich nichts unterstellen, aber man könnte schon denken, dass das politisch motiviert ist.“

Er hebt lieber die Vorzüge des Trails hervor: „Wir haben damit einen Sonderweg für Radfahrer geschaffen, der das Konfliktpotential mit den Fußgängern minimiert! Außerdem ist er unfassbar flowig, der Fahrer fühlt sich wie eine Murmel in der Murmelbahn.“

Auch Philipp Dibah liebt dieses Gefühl. Wenn das Wetter gut ist, will er bald wieder hoch auf den Kybfelsen. Dann wird er sich in Kurven legen, über Wellen springen  und bestimmt auch mal wieder stürzen. Er wird sich dann strecken, sein Rad prüfen – und weiterfahren.



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[Foto 1 : Thomas Kunz; Foto 2: Marius Buhl]