Wie funktioniert eine Vernehmung? (2)

David Weigend

Mit welchen Methoden versucht der Polizist im Verhör, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden? Mit welcher Fragetechnik wird man als Verdächtigter konfrontiert? Was bedeutet "Good guy, bad guy" im Polizeijargon? Fragen, die der zweite Teil des fudder-Vernehmungsfeatures beantwortet.

Wie will der Polizist im Verhör Wahrheit von Lüge trennen?

Menschen, die die Wahrheit sagen, sprechen anders, als Menschen, die lügen. Eine gelogene Geschichte ist meist chronologisch aufgebaut. Man konstruiert eine Story, die sich Baustein für Baustein ordentlich zusammensetzt. „Eine wahre Geschichte ist aber nie chronologisch“, behauptet Edelmann.

Er nennt das Beispiel des Kinofilms, den man vor Jahren einmal gesehen hat. „Nehmen wir den Film „Titanic“. Welche Szene fällt Ihnen spontan ein? Die Szene, die Sie emotional am stärksten berührt hat. Die ist in Ihrem Langzeitgedächtnis drin. Das fällt Ihnen ein. Aber bestimmt nicht der Anfang.“ Eine Geschichte, die der Verdächtigte Schlag auf Schlag erzählt, abstrakt, glatt und zielgerichtet, so ein Bericht ist meist gelogen.


Eine wahre Geschichte enthält Details und Nebensächlichkeiten, die das Gegenüber vielleicht gar nicht hören möchte. Diese Details stehen dann meist in Wechselwirkung mit Komplikationen. Im Leben geht so gut wie nie alles glatt, sondern meistens etwas schief. In der Lügengeschichte dagegen ist meist alles stimmig. Einen Geschehensablauf, der keinerlei Komplikationen enthält, betrachtet Edelmann kritisch.

Wie auch im Kabarett ist in der Vernehmung das richtige Tempo von Bedeutung. Genauer, das Timing der Fragen und deren Antworten. Edelmann versucht, das anschaulich zu machen. „Sagen wir, Sie haben irgendein Gasthaus besucht. Jetzt frage ich Sie zum wiederholten Male: Wo ist der Charly gesessen? Sie sagen: "Rechts von mir." Sie sagen das ohne Verzögerung.

Derjenige, der sich das aber ausgedacht hat, muss da jedes Mal von neuem drüber nachdenken. Weil die ausgedachte Information nur im Kurzzeitgedächtnis gespeichert ist. Das braucht Zeit. Und auf dieses Antwort-Zeit-Verhalten achte ich.“

Ein routinierter Fragesteller bohrt an bestimmten Stellen, die er offenbar riecht wie ein Hund den Sonntagsbraten. Der fragende Beamte bohrt nach Kleinigkeiten, die einen Lügner rasch aus dem Konzept bringen. Beim Gasthausbesuch etwa: „Was haben Sie mit der Bedienung gesprochen? Welche Mundart sprach sie? Welche Kleidung trug die Bedienung? Trug sie eine weiße Bedienungsschürze? Welche Biermarke hat sie ausgeschenkt? Hatte sie den Geldbeutel in der Schürzentasche oder in der Hand? Oder benutzte sie nicht doch einen Hand-PC zur Abrechnung? Hat sie von Hand geschrieben?“ Der Phantast kommt da schnell ins Schwitzen. Für ihn wird es immer schwieriger, die Geschichte zu kontrollieren.

Verdächtigter: „Ich habe mich geirrt. Stopp, das muss ich jetzt anders sagen.“

Polizeibeamter: „Vorher haben Sie doch gesagt, dass würden Sie noch genau erinnern. Und jetzt werfen Sie alles wieder über den Haufen.“

Das könnte sie nun sein, diese Situation, in der man als Verdächtiger tief durchschnauft, die flache Handfläche auf den Oberschenkel klatscht und sagt: „Okay, ich habe verloren. Ich gebe es zu.“ Umfallen nennt man das im Polizeijargon.

Dies ist der Wendepunkt, an dem Edelmann es auch schon erlebt hat, dass Verdächtigte weitere Straftaten zugaben, nach denen er gar nicht gefragt hatte: „Wissen Sie, dies war übrigens schon mein dritter Handtaschenraub.“ Solche Sätze hört der Vernehmer gern. Sauer wird er hingegen beim sturen Leugnen einer Tat, obwohl er belastendes Material in der Hand hat, zum Beispiel Fingerabdrücke. Allerdings müssen diese Beweise auch wirklich vorliegen, sofern sie ein Polizist beim Verhör ins Spiel bringt, andernfalls wäre das Irreführung und somit unzulässig.

In den USA ist der Polizei solch ein Täuschungsmanöver erlaubt: „Das Haus, in das sie eingebrochen sind, war videoüberwacht.“ Das darf der amerikanische Cop behaupten, auch wenn es gar nicht stimmt.

Ebenfalls aus den USA stammt die Verhörtechnik, die unter dem Namen „Good guy, bad guy“ bekannt ist. Diese Vernehmung machen zwei Polizisten. Einer von ihnen ist der freundliche, zuvorkommende, versprechende; er bringt Kaffee, eine Brezel, bietet vielleicht sogar eine Zigarette an. Der andere mimt mehr den Ruppigen. Er sagt etwa: „Auf Ihre Aussage kann ich pfeifen. Wenn Sie etwas sagen wollen, sind Sie auf unseren guten Willen angewiesen. Wir können für Ihr Urteil auch ohne Ihre Aussage Beweise zusammentragen.“

Tatsächlich werden solche Kreuzverhöre auch in Deutschland angewandt, bei den „härteren Brocken“, wie Edelmann sagt. Jedoch berge diese Taktik Gefahren. „Ich muss das ja alles nachvollziehbar protokollieren. Sonst sagt die Person vor Gericht, sie sei unter Druck gesetzt worden.“ Der böse Onkel läuft Gefahr, zu drohen. Das darf er nicht. Der gute Onkel mag Dinge versprechen, die er einzuhalten nicht imstande ist. Etwa: „Sie kommen mit einem besseren Urteil weg, wenn…“. Das darf die Polizei nicht, sie würde damit Terrain der Rechtsprechung betreten. Die Herrin des Verfahrens ist die Staatsanwaltschaft.

Zeitliche Grenzen sind einem Vernehmungsbeamten nicht gesetzt. Die Polizei richtet sich dabei angeblich aber nach der Fitness der Auskunftgeber. Ist die Aussageperson übermüdet, oder wegen Alkohol, Drogen oder Krankheit nicht vernehmungsfähig, darf eine Vernehmung nicht stattfinden, weil deren Ergebnis im Verfahren nicht verwertbar ist.

Edelmanns längste Vernehmung dauerte, mit Pausen, zehn Stunden. „Eine Frau, die ihren Ehemann erschlagen hatte. Mit einer Krücke. Eine Krücke mit Füßen. Die Vernehmung begann morgens. Die Frau hat zuerst versucht, die Straftat auf angebliche Einbrecher zu schieben. Sie hatte die Polizei per Notruf alarmiert und war völlig durcheinander: ,Einbruch! Hilfe!’ Bei der Befragung nach den Details dieses Einbruchs sind schon die ersten Unstimmigkeiten entstanden.

Die Frau war ursprünglich nur als Zeugin geladen. Gegen Mittag hat sich die Frau von der Zeugin zur Tatverdächtigen entwickelt. Am Abend hat sie gestanden.“

Lothar Edelmann steht auf dem Hof der Akademie der Polizei in Freiburg. Er reicht die Hand zum Abschied. An seinem rechten Handgelenk trägt er ein silbernes, mehrgliedriges Kettchen, das man als Schmuckstück eines Kriminalbeamten nicht gerade vermutet hätte. Es ragt unter dem Ärmel seines eleganten Anzugs hervor und mag ein kleiner Hinweis sein dafür, warum Edelmann ein Profi seines Metiers ist.

Er weiß, wie der so genannte Mann von der Straße tickt. Er spricht seine Sprache. Und vermutlich kann er, im tiefsten Inneren, auch nachvollziehen, warum jemand eine Straftat begeht. Das macht ihn für den Verdächtigen so gefährlich. Eine eingeschränkte Gefahr, schlechterdings.

Wenn einer nach Ganovenehre handelt und sagt, mit der Polizei spreche ich grundsätzlich nicht, auch dann nicht, wenn objektive Beweise für die Täterschaft vorliegen, hat selbst Edelmann keine Chance. „Dann“, sagt er, „könnte ich in den Boden beißen.“

Mehr dazu:

Wie funktioniert eine Vernehmung? (Teil1)