Interview

Wie funktionieren Kryptowährungen wie Bitcoin?

Jens Kitzler

Kryptowährungen boomen. Mancher Digital-Enthusiast prognostiziert bereits das Ende des Bankenwesens. Der Freiburger Informatiker Günter Müller über die Zukunft – und die Grenzen – von Bitcoin und Ethereum.

Günter Müller vom Institut für Informatik und Gesellschaft der Universität Freiburg sieht die Sache etwas nüchterner.

Der Sonntag: Herr Müller, eine Währung ohne Währungshüter, ohne staatlichen Eingriff, ohne regulierende Banken – was ist daran reizvoll?


Müller: Die meisten Menschen können sich eine Währung ohne Regulierung nicht vorstellen, aber diese Regulierung funktioniert ja nicht immer zum Wohle aller. In Deutschland beispielsweise hatten wir mal eine Bundesbank, die die Währung gut verwaltet hat. Wir hatten aber auch mal eine Reichsbank, die das schlecht gemacht hat. Und in Zeiten einer Europäischen Zentralbank greift die Politik auf eine Weise in Währungen ein, die mit der ökonomischen Grundlage oft nichts mehr zu tun hat.

Der Sonntag: Wenn wir nun den Staat aus so einem System herausnehmen…

Müller:…dann wird das System sicherer. Das ist die ökonomische Motivation, die hinter der Entwicklung von Kryptowährungen steckt. Aber natürlich, die Leute, die Bitcoin und Co. erfunden haben, sind geniale Mathematiker und Nerds. Die hatten auch noch ihre ganz eigenen Gründe, daran zu basteln.

Der Sonntag: Wie funktionieren Bitcoin und Co. eigentlich?

Müller: Nehmen Sie ein Stück Toilettenpapier, am besten eines aus einem besonderen Material, so dass es nicht für jeden ganz einfach selbst herzustellen ist. Darauf schreiben wir einen Wert und alle Beteiligten vertrauen darauf, dass der Wert untereinander auch eingelöst werden kann – jetzt haben Sie Ihre Währung, und anders funktionieren auch Bitcoin und Co. erst einmal nicht.

Der Sonntag: Was ist das besondere Material?

Müller: Bitcoin wird durch eine sogenannte Blockchain verwaltet, eine Kette aus Blöcken. Ein solcher Block ist im Prinzip ein Stück eines Programms, das Sie mit einem Computer herstellen – das sogenannte Mining, ein sehr schwieriger Vorgang. Dafür erhalten Sie aus einer dezentralen Organisation heraus einige Bitcoins als Belohnung. Wer nun mit Bitcoins handeln will, muss Ihnen im Tausch für Euro oder Dollar welche abkaufen.

Der Sonntag: Mining betreiben, also die Blocks erzeugen, kann jeder. Warum kann ich mir so nicht nach Bedarf jede Menge Geld herstellen?

Müller: Ein Block ist eben nur durch aufwändige und mathematisch sehr schwierige Rechenoperationen erstellbar. Der Aufwand ist ökonomisch in Relation zum Ertrag der Bitcoins viel zu groß.

Der Sonntag: Die begrenzende Funktion der Notenbank wird also ersetzt durch begrenzende Funktion der Rechenpower.

Müller: Ja. Außerdem ist die Zahl der erzeugbaren Blocks endlich, das gibt der Währung ihren Wert. Je mehr Blocks erzeugt werden, desto mehr läuft die Währungsproduktion auf ihr Ende zu, da verfolgt das System eine Theorie des Ökonoms Milton Friedmann. Die Gesamtmenge des aus Bitcoins entwickelbaren Wertes liegt umgerechnet bei etwa vier Milliarden Euro, von daher wird sich daraus keine echte Währung entwickeln – damit ließe sich wohl nicht mal der Haushalt von Südbaden verwalten.

Der Sonntag: Die Kontrolle der Kryptowährung funktioniert dadurch, dass die Gültigkeit einer Transaktion in der Blockchain für jedermann feststellbar ist. Alle Nutzer sind sozusagen auch die Buchhaltung, oder?

Müller: Sagen wir, jeder Nutzer hat Zugang zur Buchhaltung, um festzustellen, ob die Geldmenge, die er in Bitcoins bekommen hat, echt ist.

Der Sonntag: Welche Betrugsmöglichkeiten gibt es denn?



Müller: Ich kaufe gegen Bitcoins eine Pizza in Freiburg und mit dem gleichen Bitcoin eine in New York – bevor der Verkäufer in New York die Rückmeldung bekommt, dass der Bitcoin eigentlich schon ausgegeben wurde. Dadurch erzeugen Sie eine Verzweigung in der Blockkette. Dann muss entschieden werden, welches nun die gültige Kette ist.

Der Sonntag: Dann bräuchte man ja doch zentrale Stellen.

Müller: Es gibt bestimmte Zentren, die in der Vergangenheit in solchen Fällen entschieden haben. Es ist am Ende eben doch eine Machtfrage. Ich weiß nicht, was daran demokratisch sein soll, wie es viele immer sagen.

Der Sonntag: Wenn Bitcoin auf immer weiter wachsender Computerleistung basiert, wären der Ressourcenverbrauch und die Menge an verursachtem CO2 enorm hoch, wenn einmal ein gehöriger Teil des Welthandels über so ein System liefe.

Müller: Ja. Der Energieverbrauch wäre ökonomisch eine Katastrophe. Aber das ist nicht das einzige Problem. Stellen Sie sich vor, man würde Bitcoin zu einer echten Währung machen. Dann könnte ein Staat nur eingreifen, wenn er jede Menge in Rechenpower investiert. Das Ergebnis wäre eine Art Computing-Krieg. Am Ende bestünde die Welt aus vier, fünf Staaten, die die Macht im Währungssystem hätten.

Der Sonntag: Aber vielleicht könnte man die Kryptowährung als Zweitsystem installieren.

Müller: Aber warum sollte das traditionelle System dann bestehen bleiben? Der Betrieb einer Kryptowährung ist kostenmäßig unschlagbar, Kreditinstitute würden das nicht überleben, Kryptowährung brauchen weder Banken noch Zentralbanken. Ein Nebeneinander ist nicht denkbar.
Der Sonntag: Welches revolutionäre Potenzial haben Kryptowährungen nun eigentlich?

Müller: Bitcoin wird die Technik beflügeln. Mathematisch ist es eine unglaubliche Leistung und das wird sich weiterentwickeln. Außerdem ist es eine Art von Moderne. Das erzeugt derzeit starke Kursanstiege, mit einer Währung aber hat das nichts zu tun. Es ist auch kein zur Wertaufbewahrung taugliches System. Etwas anderes ist die Blockchain-Technik: Mit ihr könnten sich in der Geschäftswelt künftig vertrauenswürdige Dritte ersetzen lassen, das könnte Transparenz im Bankwesen schaffen. Die Blockchain könnte gesellschaftlich relevant werden, die Währung nicht.
Der Sonntag: Gibt es irgendeinen Grund, warum ein Normalbürger jetzt mit Bitcoins hantieren sollte?

Müller: Sie können Geld verdienen über Spekulationsgewinne. Ich hätte vor fünf Jahren 500 Bitcoins für 50 000 Euro kaufen können – ich wäre heute Millionär. Und Sie können einen Panzer im Darknet kaufen oder Drogen. Auch wenn immer mal wieder eine Pizzeria damit wirbt, Bitcoins anzunehmen – vorrangig wird die Währung für den Handel im Darknet und für Käufe im Drogenhandel verwendet. Und dazu, Geld auf den Cayman-Inseln vor der Steuer zu verstecken.
Info
Kryptowährungen sind digitale Zahlungsmittel und eigentlich eher eine Art große Buchhaltung, bei der Einheiten bei den Nutzern zu- oder abgebucht werden. So lässt sich via Internet weltweit handeln, auch ohne dass Sender und Empfänger die Identität des jeweils andern kennen. Das macht diese Zahlungsmittel für illegale Zwecke interessant. Die fünf meistfrequentierten Kryptowährungen sind Bitcoin, Ethereum, Bitcoin Cash, Ripple und Litecoin. Hinter keiner von ihnen steckt ein Staat oder eine Bank, es sind private Entwicklungen. Der oder die Urheber von Bitcoin sind nur unter einem Pseudonym bekannt.