Wie Freiburgs Brasilianer die Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland erlebten

Paul Kramer

Das 1:7 gegen Deutschland hat ganz Brasilien schockiert, der Traum vom Titel ist aus. Doch wie haben eigentlich Freiburgs Brasilianer diesen Schock erlebt? fudder-Autor Paul Kramer hat das Spiel gemeinsam mit einem Tisch Brasilianer im Biergarten der Brauerei Ganter geschaut:



Lucas gewinnt auf jeden Fall: Er hat beide Fahnen dabei, die deutsche und die brasilianische. Er ist 26, seit 10 Jahren lebt und studiert er schon in Deutschland, und schaut heute im Biergarten der Brauerei Ganter zu, wenn seine beiden Heimaten gegeneinander Fußball spielen. Es gibt eigentlich keinen Plural von Heimat, aber er ist ja auch gespalten innerlich. Um ihn herum nur Brasilianer, dicht gedrängt unter den Regenschirmen, sie diskutieren auf Portugiesisch.


Die Chancen seien schlechter ohne Neymars Tricks und Thiago Silvas Grätschen. Jetzt setzen sie auf den Teamgeist, den Heimvorteil, und den Schiedsrichter. Sie träumen vom Finale gegen den Erzrivalen Argentinien. Am selben Tisch sitzt Luciana, 28, sie arbeitet im Tourismus in Freiburg. Bei diesem Wetter blieben viele brasilianische Fans zuhause, sagt sie, aber nach dem Sieg kämen alle raus. Luciana hat sich tief in eine grün-gelbe Fahne gehüllt, die den Aufdruck "ordem e progresso", also "Ordnung und Fortschritt", trägt.

Die Stimmung bei den Deutschen drumherum ist gedämpft, bedrückt vom Regen, den Winterjacken und der Unberechenbarkeit der eigenen Mannschaft. Wie beim Kindergeburtstag sitzen sie an den langen Biertischen und warten angespannt auf die ungewisse Bescherung. Einige Jungs grölen textsicher die Hymne, stehen sogar auf und legen sich zum Scherz die Hand aufs Herz. Sie setzen sich schnell wieder, denn die Brasilianer sind anfangs obenauf, und außerdem sieht sonst keiner was.

Auch im Biergarten sind die Südamerikaner lautstärker. Das war's dann aber auch mit Parallelen zwischen Belo Horizonte und Brauerei Ganter: So frei wie Müller beim 1:0 steht hier keiner, beide Hallen und der Hof sind voll gefüllt. Dann hat sich die Mannschaft gefangen, und um 22.30 Uhr ist das Spiel gelaufen.

Die deutschen Jungs singen vom Finale, in der Pause herrscht heitere Stimmung, das Fußballherz ist reich beschenkt. Oh wie ist das schön. Die Nachricht von der Gewalteskalation in Israel interessiert die wenigsten, dabei schießen sie dort noch viel schärfer als Toni Kroos. Von Toten ist die Rede, der nahe Osten steht vor einem neuen Krieg. Aber heute Abend wird der Fußball noch nicht von der Realität eingeholt, zu berauschend ist das Spiel. Die zweite Halbzeit fließt dann sanft vorbei, allein für Manuel Neuers Paraden lösen sich die torverwöhnten Augen vom Smartphone, wo längst auf allen Kanälen die desolate Seleçao verspottet wird.

Deren Anhänger im Biergarten nehmen es mit Humor: Großer Jubel nach dem ersten Treffer in der Nachspielzeit, jetzt fehlen nur noch sechs. Zum Abpfiff gibt es Feuerwerke vor dem wolkenverhangenen Himmel. Als der Regen einsetzt, strebt jung und alt zum Ausgang. Für die einen ist diese fulminante Fußballnacht noch lange nicht beendet. Auch Lucas macht das Beste draus, winkt mit der schwarz-rot-goldenen Fahne und geht mit einem Augenzwinkern zur Theke: Ein Bier für jedes deutsche Tor.

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