Einzelhandel

Wie Freiburger Secondhand-Läden den Strukturwandel schaffen

Holger Schindler

Trotz Kleiderkreisel und Tauschgruppen auf Facebook gibt es in Freiburg rund ein Dutzend Secondhand-Läden. Kunden wollen sparen – und ökologisch und sozial handeln.

Etwa ein Dutzend Secondhand-Läden für schon getragene Textilien gibt es derzeit in Freiburg. Dabei haben sich die einzelnen Betriebe durchaus unterschiedlich entwickelt. Das Internet macht zusätzlich Konkurrenz. Auf der Nachfrageseite wandeln sich die Motive bei der Nutzung. Der Spareffekt spielt noch eine Rolle, doch auch der Wunsch nach Individualität sowie ökologische und soziale Überlegungen gewinnen an Bedeutun.


Warten auf den Barankauf

"Ich sitze hier schon zweieinhalb Stunden", sagt die Dame, die sich mit ihrem roten Koffer direkt vor der Eingangstür des Secondhand-Geschäfts "Schlepprock" an der Grünwälderstraße in der Freiburger Innenstadt niedergelassen hat. Sie will lieber anonym bleiben. Es ist Dienstag, kurz vor 10 Uhr. Bei "Schlepprock" ist Ankauftag. Zu diesem Zeitpunkt stehen dort schon rund 20 Menschen Schlange, um alte Klamotten abzugeben – gegen Bares. Im Gegensatz zu den meisten anderen Secondhand-Betrieben arbeitet "Schlepprock" nämlich nicht auf Kommissionsbasis, sondern bezahlt die Ware direkt.

Beim Kommissionsmodell wird die Ware im Secondhand-Laden ausgehängt, bis sie ein Kunde dort erwirbt. Erst dann wird der vorherige Eigentümer bezahlt. Der Laden erhält eine Provision, in vielen Fällen 50 Prozent des Verkaufspreises. Bei "Schlepprock" indes begutachtet Ladenleiterin Dagmar Augustin mit Hilfe ihre Kollegen jedes Stück und einigt sich auf einen Kaufpreis. Sie trägt dann das Absatzrisiko. Findet sie keinen Käufer, bleibt sie auf den alten Klamotten sitzen.

"Wir verkaufen auch viel für Mottopartys und besonders stilbewusste Kunden." Dagmar Augustin
"Ich denke, unser Barankauf lockt viele an", sagt Augustin. An manchen Dienstagen stünden um 10 Uhr bei Ladenöffnung schon mal 60 Leute vor der Tür. "Unser Ankauf-Budget ist aber beschränkt, sodass leider nicht immer alle Wartenden zum Zug kommen", erklärt sie – offenbar ein Anreiz, sich früh einzureihen. "Ich komme heute sicher dran", freut sich die Dame mit dem roten Koffer, die seit 7.30 Uhr in der Kälte ausharrt. Sie hat ihren Kleiderschrank ausgemistet und erhofft sich nun 20 bis 40 Euro Verkaufserlös.

Für "Schlepprock" ist die Kundenfrequenz förderlich, denn viele, die etwas bringen, kaufen auch etwas. Das Konzept mit dem Barankauf hebt "Schlepprock" von anderen Anbietern in der Stadt ab, das umfangreiche Sortiment mit Mode aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren ebenfalls. "Wir verkaufen auch viel für Mottopartys und besonders stilbewusste Kunden", erzählt Augustin. T-Shirts gebe es ab 2 Euro, Kleider für 60 Euro gehörten schon zu den teuersten Posten – eine nicht unübliche Preisgestaltung in der Secondhand-Branche.

Die Nachfrage nach gebrauchten Waren, insbesondere Kleidung, werde insgesamt zunehmen, prognostiziert das Deutsche Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt. Aktuelle harte Zahlen sind jedoch schwer zu finden. 2014 lag der bundesweite Branchenumsatz mit Gebrauchtwaren laut Statistischem Bundesamt bei rund 785 Millionen Euro.

Das Angebot an Textilien ist enorm

Beim kleinen Branchenverband "Second Hand vernetzt" mit bundesweit 33 Mitgliedern – bei schätzungsweise 3000 Betrieben insgesamt – bestätigt man die stabile Nachfrage. Dennoch seien die Secondhand-Läden vor Ort gefordert, wenn sie sich behaupten wollten, zumal durch Onlineplattformen wie Kleiderkreisel, Momox und Ebay eine starke neue Konkurrenz erwachsen sei. "Es gibt einfach ein immer größeres Angebot an Textilien, das ist enorm", sagt Britta Cordes vom Vorstand des Verbands. Auch eine Vielzahl von Flohmärkten und Kindersachenmärkten bedienen das Marktsegment. In Freiburg hatte nicht zuletzt deshalb Elke Pfeuffer nach fast 35 Jahren zum Jahresende ihr Kinder-Secondhand-Geschäft "Momo" im Stühlinger geschlossen – es habe sich nicht mehr gerechnet.

Andere Anbieter spezialisieren und fokussieren sich – etwa auf gebrauchte Markenmode wie "She-Secondhand", Leopoldring 3a, oder auf die Kombination aus Secondhand-Angebot und Nähstudio wie der Laden B2, Bertoldstraße 31. "Man muss den Mut haben, alte Konzepte zu ändern, und sollte auch die ökologischen und sozialen Aspekte betonen", sagt Britta Cordes.

In der Tat sagt eine "Schlepprock"-Kundin, Krankenschwester von Beruf: "Die günstigen Preise sind für mich nicht der Hauptgrund für Secondhand. Ich will vor allem bewusst einkaufen und den konventionellen Textilhandel vermeiden." Ähnliches berichtet Adrian Ils, Sohn der 2016 mit 107 Jahren verstorbenen früheren SPD-Stadträtin Gertraude Ils, ebenfalls Secondhand-Kunde: "Ich liebe einfach gebrauchte Hemden, die sind viel individueller, schön weich und haben eine enorme Qualität. Ich kaufe aus Überzeugung schon Getragenes."
Second-Hand-Shops in Freiburg

Freiburg zählt derzeit etwa ein Dutzend Seconhand-Kleiderläden. Hier eine Auswahl:

In der Innenstadt angesiedelt sind B2, Tel. 0761 / 38 16 16, Bertoldstraße 31, Schlepprock, Tel. 0761 / 217 14 01, Grünwälderstraße 23, sowie She, Tel.  0761 / 785 36, Leopoldring 3. In den Stadtteilen liegen Enorm, Tel. 0761 / 717 78, Eichstetter Straße 15, Brühl-Beurbarung, Klamöttchen, Tel.  0761 / 759 59, Erwinstraße 3a, Wiehre, Poems, Tel.  0761 / 459 82 36, Vaubanallee 1, Vauban, und, eigentlich schon auf Merzhauser Gemarkung, Courage, Tel.  0761 / 40 43 20, Hexentalstraße 33.

Andere Secondhand-Geschäfte haben sich auf Kindersachen spezialisiert wie die Kleine Hexe, Tel.  0761 / 488 19 92, Vaubanallee 22, Vauban, und Kunterbunt, Tel.  0761 / 70 20 75, Zasiusstraße 70, Wiehre.

In weiteren Läden gibt es gebrauchte Kleidung, die gespendet wurde und nun für gute Zwecke verkauft wird, wie das S’Einlädele, Tel.  0761 / 28 09 07, Guntramstraße 58, Stühlinger, Outfit, Tel.  0761 / 88 14 43 14, Dreikönigstraße 1, Wiehre, und Spinnwebe, Tel.  0761 / 476 40 94, Krozinger Straße 11, Weingarten.