Wie Freiburger auf den Warnstreik der Gewerkschaften reagieren

Maleen Thiele & Simon Voss

Leere Bahnsteige und genervte Pendler: Die VAG Freiburg wird am Dienstag bestreikt, es fahren keine Straßenbahnen und kaum Busse. Wie gehen die Freiburger mit dem Streik um? Die fudder-Autoren Maleen Thiele und Simon Voss haben sich umgehört.

7:45 Uhr, Moosweiher, Endhaltestelle Linie 1:

Die Haltestelle wirkt beinahe einsam. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, dass es sich heute um keinen normalen Werktag, sondern um einen Sonntagmorgen handelt, an dem es nur wenige aus dem Bett geschafft haben. Doch sind die paar Leute, die an der Haltestelle stehen, keine sonntäglichen Frühaufsteher, sondern Gestrandete des VAG-Streiks.

Auf dem Bahnsteig sitzen drei junge Schülerinnen lachend in der Sonne. Zwar müssen sie einige Minuten laufen, die sie sonst mit der Bahn fahren würden. Ihre gute Stimmung kann das jedoch nicht trüben. Vielmehr sei der Streik ein Anlass, etwas später in die Schule zu kommen.

Gestresster sieht der 27-jährige Hussein aus. Er habe zwar vom Streik gewusst, jedoch nicht, dass dieser den gesamten Tag gehe. Er könne die Streikgründe zwar nachvollziehen, "aber ich finde es nicht gut, dass alle darunter leiden müssen."

Zur gleichen Zeit in Freiburg-Herdern

Am Bahnhof steigt ein Pulk Menschen aus dem Zug und bewegt sich zügig Richtung Habsburgerstraße. Die Studentin Judith erfuhr erst im Zug von dem Streik. Ein ernsthaftes Problem sei dieser für sie jedoch nicht. Grundsätzlich habe sie auch ein gewisses Verständnis für die Streikenden.

Anders sieht das bei Christina aus, die in Günterstal wohnt und in einer Apotheke in Herdern arbeitet. "Ich bin sehr sauer auf die VAG", sagt sie. Ihr Mann hat sie im Auto mit in die Stadt genommen, nun ist sie eine Stunde früher da als sonst. Wenigstens die Kosten für die heutigen Fahrten, die ja in der Jahreskarte enthalten seien, könne man erstattet bekommen. Und das Umweltchaos aufgrund der vielen Autos auf den Straßen, käme ja auch noch hinzu.

Eine Frau überquert mit eiligen Schritten die Straße. "Streik? Davon wusste ich gar nichts. Ich habe nur auf den Bus gewartet und der kam nicht." Jetzt habe sie es wirklich eilig und keine Zeit, zu reden. So geht es Vielen, denen man begegnet.

8:30 Uhr an der Paduaallee

Normalerweise fahren hier neben der Linie 1 fünf weitere Buslinien. Die sonst so gut genutzte Haltestelle ist ausgestorben. Es scheint so, dass viele der Freiburger vom VAG-Streik rechtzeitig erfahren haben und auf andere Verkehrsmittel umgestiegen sind.

Gerade kommt einer der wenigen Busse an, die nicht vom Streik betroffen sind. Ein paar der vereinzelten Fahrgäste schauen verwirrt auf den leeren Bahnsteig und lesen sich dann mit sichtbar genervtem Blick die Anzeigetafel der VAG durch. Eine Frau drückt ihr Handy ans Ohr und fragt ihren Gesprächspartner, ob er vom Streik gewusst hätte. Nach kurzem Gespräch legt sie auf und läuft zielstrebig Richtung Innenstadt.

Die 20-jährige Alison wartet in der Nähe der Haltestelle auf einer Bank: "Da die Bahn nicht kommt, muss mich meine Chefin jetzt hier abholen – was natürlich nicht so toll ist." Alison sieht man ihre Genervtheit zwar nicht an, jedoch mache der VAG-Streik ihren Alltag deutlich stressiger.

8:20 Uhr: Innenstadt

Vereinzelt eilen Fußgänger über die Kaiser-Joseph-Straße. Am Bertoldsbrunnen muss man ausnahmsweise einmal keine Angst haben, von einer Straßenbahn erfasst zu werden.

Vor der UB sind nur noch wenige Fahrradstellplätze frei. Für diese Uhrzeit in den Semesterferien ist das durchaus auffällig. Dennoch geben sich die meisten vorbeikommenden Studierenden unbeeindruckt. Sie seien ohnehin immer mit dem Fahrrad unterwegs. Eine junge Frau läuft vorbei, die einen Kuchen transportiert. Normalerweise fahre sie Fahrrad, erzählt sie. Der Kuchen passe aber nicht auf den Gepäckträger. Ausgerechnet heute wäre sie die Strecke in die Wiehre also gerne mit der Bahn gefahren. "Aber ich bin auch gerne zu Fuß unterwegs".

Auch die beiden amerikanischen Austauschstudenten Henry und Taylor stört der Streik nicht besonders. Sie mussten vom Hauptbahnhof zu Fuß zur Uni. "Ich kenne die Gründe zwar nicht, aber eigentlich hoffe ich, dass die Angestellten der VAG alles bekommen, was sie wollen", sagt Henry. Prinzipiell unterstütze er Gewerkschaften und nehme sie öfter in Diskussionen in Schutz. Auch Taylor sagt, sie habe nichts gegen den Streik. In den USA komme es auch immer wieder vor, dass zum Beispiel Lehrer streiken. Das müsse man akzeptieren.

9 Uhr am Hauptbahnhof

Am Hauptbahnhof erlebt man an diesem Dienstag um 9 Uhr morgens ein seltenes Szenario: Auf der Stadtbahnbrücke befinden sich kaum Menschen. Vereinzelt laufen einige zielgerichtet und sichtlich gestresst über die Brücke.

Ab und zu kommen von den Bahnsteigen Menschentrauben hinauf, die soeben aus den angekommenen Zügen gestiegen sind. Unter ihnen läuft gutgelaunt der Schüler Fabian die Treppen vom Bahnhof bis zur Stadtbahnbrücke hinauf. Oben angekommen, bleibt er überrascht stehen und fragt seinen Freund lachend: "Mist, heute ist Streik oder?" Er habe gestern zwar die Anzeigetafeln der VAG gelesen, aber ein bisschen verpeilt, dass schon heute Streik ist.

Jetzt komme er zwar zu spät zur Schule, aber das könne er verkraften. "Ich kann die Streikgründe verstehen und finde es gut, dass jeder das Recht hat zu streiken." Klar seien jetzt andere die Leidtragenden, aber anders könne man den Druck auf Arbeitgeber und Gesellschaft nun mal nicht ausüben.

Am Taxistand beim ZOB herrscht reger Verkehr. Soeben fährt ein Taxi voll besetzt davon. Der Taxifahrer Ali wartet gerade auf Kundschaft. "Insgesamt merkt man schon, dass viel mehr los ist als an anderen Tagen", stellt er fest. "Es kommen natürlich mehr Kunden. Darum fahren wir längere Schichten."

Als Taxifahrer muss man den streikenden VAG-Angestellten also eigentlich dankbar sein, oder? "Eigentlich finde ich den Streik ungerecht", entgegnet Ali. "Es ist richtig, dass es diese Möglichkeit gibt, aber bei dem Streik sind so viele betroffen, die damit nichts zu tun haben." Dann muss er sich auch schon um die nächsten Fahrgäste kümmern.
Am Dienstag bestreikt die Gewerkschaft Verdi die Freiburger Verkehrs-AG, die städtischen Kitas und die Abfallwirtschaft. Die Streikenden fordern indessen nicht nur höhere Gehälter, sondern wollen auch mehr Wertschätzung für ihre Arbeit.

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