Wie findet die Uni Plagiate? 5 Antworten von Rainer Wahl

Manuel Lorenz

Wer seine Forschungsarbeit dreist zusammenkopiert, wird belangt - wenn denn jemand Wind davon kriegt. Aber: Wie kommt die Uni den Wissenschaftsfälschern auf die Schliche? Ab wann spricht man überhaupt von einem Plagiat? Und: Was passiert mit den Übeltätern? Prof. em. Dr. Rainer Wahl kennt sich da aus - und steht uns Rede und Antwort.



Wie findet die Uni eigentlich heraus, wer plagiiert hat?

Man darf sich das nicht zu leicht vorstellen bei drei- bis vierhundertseitigen Doktorarbeiten. Normalerweise ist das so, dass vielleicht jemand, der einen Aufsatz geschrieben hat, auf einmal seinen Text in einer anderen Arbeit vorfindet, ohne dass er zitiert worden ist. Das kommt aber so häufig auch nicht vor. Die zweite Möglichkeit ist, dass jemand erneut zu einem bestimmten Thema arbeitet und natürlich den zitierten Autor und die Doktorarbeit in kurzem zeitlichen Abstand liest und sich denkt: Das kenn ich doch schon. Das bringt aber nicht sehr viele Fälle ans Tageslicht, weil es doch sehr selten vorkommt.

Sie sind Ombudsmann des Untersuchungsausschusses über Redlichkeit in der Wissenschaft der Uni Freiburg. Worin besteht Ihre Aufgabe?

Ich bin quasi Anlaufstelle für all jene, die mit einem Angehörigen der Universität Probleme haben und ihm wissenschaftliche Unredlichkeit vorwerfen. Teilweise handelt es sich auch um Streitigkeiten zwischen verschiedenen Autoren einer einzelnen Studie, wo geklärt werden muss, wer den ersten oder zweiten Platz im Titel bekommt. Da ist der Ombudsmann dann dazu da, eine möglichst einvernehmliche Lösung herbeizuführen – also mehr eine ausgleichende Aufgabe, wo es jemanden gibt, der außerhalb der betreffenden Einheit steht und angesprochen werden kann, ohne dass der Betreffende Sorge haben muss, dass es gleich zu Konflikten in seiner Einheit führt. Ein Ombudsmann ist eine neutrale Stelle außerhalb einer Einheit, in der es Probleme gibt.

Ab wann spricht man von einem Plagiat?

Wann immer etwas wörtlich geschrieben steht und nicht vermerkt wurde, dass es von jemand anderem stammt. Die übliche Anforderung ist, Anführungszeichen zu setzen und in einer Fußnote zu sagen: Das ist Max Meier. Wann immer man das nicht tut, hat man einen Fehler begangen. Wie sehr eine bestimmte Anzahl an Fehlern dann tatsächlich ins Gewicht fallen, muss im Einzelfall untersucht werden. Je mehr Fehler, desto kritischer ist’s natürlich. Besonders kritisch ist, wenn Seiten übernommen und auch noch bearbeitet werden, so dass hie ein Satz fehlt und da ein Wort eingefügt worden ist - dann hat man nicht mehr den Eindruck, dass sei zufällig passiert. Wenn man mal vergessen hat, zu zitierten, wird das verziehen. Aber bei 20 oder 30 Mal kann man das nicht mehr verzeihen.

Wie geht die Uni mit Plagiatoren um?

Um es nicht so kompliziert zu machen, wie es ist: Am Ende kann nur der Promotionsausschuss der Fakultät jemandem seinen Doktortitel entziehen. Und im Vorfeld kann der Fall entweder an mich als Ombudsmann kommen oder an den Untersuchungsausschuss, was eher passiert. Der Untersuchungsausschuss kann halt wirklich untersuchen, lässt die Seiten überprüfen, sucht nach Stellen und macht eine Empfehlung samt Begründung, warum man der betreffenden Person den Doktortitel entziehen sollte. Weder der Ombudsmann noch der Untersuchungsausschuss kann jemandem den Doktortitel entziehen – das kann nur die Fakultät. Und dann, wenn die entzieht, geht es meistens ins Gerichtsverfahren.

Das dauert dann ungefähr ein Jahr, meistens geht es in die zweite Instanz, denn es müssen ja wieder die Seiten überprüft werden, es geht ja den Beschuldigten auch um etwas – einer ist sogar bis zum Bundesverfassungsgericht gegangen, ist dort dann aber gescheitert.

Es gibt auch tatsächlich Fälle, in denen es sich um Flüchtigkeitsfehler handelt, was dann aber schlüssig dargelegt werden muss. Ab einer bestimmten Menge, ab 10-15 verschiedenen Seiten der Arbeit, kann man an Flüchtigkeitsfehler nicht mehr glauben – da wird die Lage für den Beschuldigten dann immer schlechter.

Erinnern Sie sich an einen besonders dreisten Plagiatsfall?

Einer hatte 50 bis 60 Prozent abgeschrieben. Das hat dann trotzdem lang gedauert und ging bis zu den Gerichten. Mit diesem Fall haben wir dann doch zwei, drei Jahre zugebracht. Zuerst wurde ihm nämlich die Auflage gemacht, er solle die Dissertation neu schreiben; da war dann aber immer noch zuviel abgeschrieben … Dass nicht immer alles so schnell geht, liegt natürlich daran, dass sich der Betroffene mit allen Mitteln wehrt.

Eigentlich muss das Verhältnis zwischen Doktorand, Fakultät und Doktorvater aber auf Vertrauen gegründet sein. Wir können nicht mit Doktoranden arbeiten, wenn wir von vornherein jeder Zeile misstrauen.



Zur Person

Prof. em. Dr. Rainer Wahl lehrte von 1978 bis 2006 an der Universität Freiburg auf dem Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht, Verwaltungswissenschaft und Neuere Verfassungsgeschichte. 1983/1984 war er Dekan und 1985 bis 1987 Prorektor an der Universität Freiburg. Seit einigen Jahren ist er Ombudsmann des Untersuchungsausschusses über Redlichkeit in der Wissenschaft der Universität Freiburg.

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