Wie es war, Weihnachten alleine zu verbringen (weil ich es so wollte)

Cristina Morales

Einfach mal aus Weihnachten einen ganz normalen Tag machen! Das dachte sich fudder-Autorin Cristina Morales - und verbrachte den Tag (fast) ganz ohne Weihnachtsrituale alleine. Denn für Cristina ist Weihnachten das, was man daraus macht.



Jahr für Jahr treffen sich an Weihnachten Familien, die in ganz Deutschland oder vielleicht sogar über den ganzen Globus hinweg verstreut leben. An Weihnachten kommen sie zusammen. Unterschiedliche Generationen, die sonst im Alltag wenig Zeit miteinander verbringen, machen diesen einen Tag zu einem Festtag.


Die Abendplanung ist eine Abfolge von familiären Ritualen. Es gibt traditionelles Essen. Und bei manchen gehört der abendliche Kirchgang ebenso dazu wie bei anderen die musikalische Unterhaltung. Doch was ist, wenn man sich dem einmal entzieht? Einfach Weihnachten vorbeiziehen lassen, als wäre Weihnachten ein ganz normaler Tag?

Das habe ich mir dieses Jahr vorgenommen. Es ist der 24. Dezember 2015 und ich sitze in einem kleinen Café mit Wohlfühlatmosphäre im Stühlinger. Die Sonne strahlt durch die Fenster. Es könnte ein gewöhnlicher Nachmittag im Herbst sein. Ich lasse die nächsten Stunden einfach auf mich zu kommen. Ganz entspannt und ohne jegliche Erwartungen.

Ich bin kein Weihnachtshasser à la Grinch. Noch bin ich in der Einsamkeit zurückgelassen worden. Meine Familie ist quer über Europa verteilt, wir haben Weihnachten immer wieder anders verbracht.

Ich erinnere mich an einen Heiligabend, den meine Mutter, ihre beste Freundin und ich damit verbracht haben, exzessiv "Türkisch für Anfänger" zu schauen. Ein anderes Mal sind meine Mutter und ich zu unserem Nachbarn gegangen, der kurz vor der Adventszeit von seiner Freundin betrogen worden war.

Für mich ist Weihnachten das, was man daraus macht.

Als ich anderen vor Weihnachten von meinem Vorhaben erzählt habe, erntete ich Unverständnis und Mitleid. "Aber das ist doch total traurig", sagt meine Oma besorgt. Es ist interessant, wie geschockt Freunde und Bekannte reagieren. Keiner scheint mir zu glauben, dass ich mich freiwillig und gerne an diesem Tag zurückziehen möchte. Eine Freundin bietet mir bis zuletzt an, zu ihr zu kommen.

Wenn man an Menschen denkt, die den 24. Dezember alleine verbringen, hat man vor allem alte Menschen vor Augen, deren Partner gestorben ist. Oder Wohnungslose. An eine 21-Jährige denkt man da weniger.

In dem Café im Stühlinger ist einiges los. Noch zwei Stunden, dann wird auch dieser Laden schließen. Heute ist überall Ausnahmezustand. Nur das Wetter scheint dieses Jahr genauso wenig wie ich in Weihnachtsstimmung zu kommen. Freiburg macht seinem Namen als sonnigste Stadt Deutschlands alle Ehre.

Am letzten Abend des Freiburger Weihnachtsmarktes ist die Innenstadt brechend voll.
Tütenweise werden Geschenke geschleppt. Die Häuserfassaden  der KaJo sind von funkelnden Lichterketten überzogen, plötzlich düst ein verkleideter Mann in einem kitschigen Weihnachtsmannkostüm auf einem schneeweißen Mobil durch die Straßen.

Ob man all dies wirklich braucht, um am Ende des Tages zufrieden zu sein, sollte jedem selbst überlassen werden. Ohne Last-Minute-Geschenkeinkäufe und Kochstress lebt es sich in diesem Jahr erstaunlich gelassen, denke ich, und verlasse zufrieden das Café...

Am Abend zieht es mich erneut auf die Straßen. Mit kleinen Geschenken bepackt, mache ich mich auf den Weg zu der Wohnung meiner Mutter. Sie wird dieses Jahr mit einer Freundin feiern. Um ihr die Freude an diesem Fest nicht völlig zu vermiesen, bin ich ganz kurz doch in Weihnachtsmission unterwegs. Während ich die Päckchen ins Gebüsch neben dem Briefkasten lege, komme ich mir aber eher wie ein Osterhase vor als wie der Weihnachtsmann... Irgendwie ist das alles in diesem Jahr nichts so wirklich stimmig.

Danach gehe ich zum Hauptbahnhof. Hier begegne ich Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. In dem ganzen Wirbel um das Fest der Feste vergisst man ja fast, dass es Kulturkreise gibt, die den Tag genauso unspektakulär wie ich verbringen.

Vor einem Jahr sprach ich einen flüchtigen Bekannten darauf an, was er denn an den Feiertagen vorhabe. Seine Antwort, er möchte die stillen Tage nutzen, um zu arbeiten, fand ich damals kalt und herzlos. Vermutlich reagierte ich damals genauso entsetzt wie meine Familie und Freunde es nun mir gegenüber tun.

Zur späteren Stunde sitze ich mit einem Asiaten und einem Südländer an einem Tisch in der Bahnhofshalle. Statt mit "O Tannenbaum" werden wir von Eminem zugedröhnt. Willkommen im digitalen Zeitalter, denke ich mir, als wir drei damit beschäftigt sind, unsere PCs bzw. Handys aufzuladen. Viel unromantischer könnte dieser Abend nicht mehr werden. Da hilft auch das "Frohe Weihnachten" wenig, das mir jemand im Vorbeigehen zuruft.

Zum Einschlafen höre ich die einzige Weihnachts-CD, die ich finden konnte und komme zu dem Schluss: Bis auf diesen kurzen Moment der Weihnachtssentimentaliät habe ich meinen Selbstversuch erfolgreich durchgezogen. Ich war schon lange nicht mehr so produktiv an einem einzigen Tag. Ob ich 2016 erneut auf das Weihnachtsfest verzichten möchte, werde ich spontan aus dem Bauch heraus entscheiden.

Foto: privat

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