Wie es ist zu daten, wenn man eine Behinderung hat

Kathrin Müller-Lancé

Alleine durchs Leben gehen – darauf hat fast niemand Lust. Jemanden kennenlernen, sich verlieben, eine Beziehung anfangen, ein gemeinsames Leben, vielleicht heiraten und Kinder, das ist für alle Menschen kompliziert – und voller Glück. Wie ist das alles, wenn man eine Behinderung hat? Zwei Männer und eine Frau haben uns von ihren Erfahrungen erzählt.

Christoph, 36

„Meine Behinderung ist ein Filter.“

Christoph fällt auf. Der 36-Jährige ist groß, schlank – und hat eine sichtbare Körperbehinderung. Welche genau, das möchte der Freiburger nicht in der Zeitung lesen. Christoph heißt er eigentlich auch nicht. Zum Schutz seiner  Privatsphäre weicht er auf seinen Zweitnamen aus. Obwohl Christoph auch hörgeschädigt ist, geht er abends gern und viel aus. „Meine letzte Freundin habe ich auf einem Konzert kennengelernt. Sie hat meine Behinderung erst gar nicht wahrgenommen“, sagt er.

Sein Handicap funktioniert für Christoph als Filter: „Eigentlich lerne ich nur die coolen Leute kennen. Wer mich anspricht, ist schon mal nicht oberflächlich.“ Trotzdem tut es weh, oft nur als „der Behinderte“ wahrgenommen zu werden. Auf manche Frauen wirkt Christoph zunächst wegen seiner Größe. Dann rutscht der Blick nach unten – bis die Frauen sich umdrehen und wieder gehen. „Mein Handicap ist eine Hemmschwelle, mit der viele nicht umgehen können. Entweder sie gucken blöd, oder sie übersehen mich ganz.“ Christophs Strategie dagegen? Er versucht, offen mit seiner Behinderung umzugehen. Und: Er sieht sich nicht als Bittsteller: „Auch ich bin anspruchsvoll. Nur weil ich ein Handicap habe, muss ich mich nicht mit jeder Frau einlassen.“

Eine Freundin, die auch eine Behinderung hat, hatte er noch nie. Das spielt aber auch keine Rolle: „Wenn es passt, dann passt es –  egal, ob der Partner einäugig ist oder ein Holzbein hat!“ Seine erste Freundin hatte Christoph übrigens im Kindergarten. „Was Offenheit und Neugier angeht, haben Kinder uns nach wie vor etwas voraus“.



Alexandra, 37

„Was ist schon eine normale Beziehung?“

Worauf es Alexandra Goedeke bei einem Mann ankommt? Humor, Kompetenz, und dass er sich gut anfühlt. Denn Alexandra ist von Geburt an hochgradig sehbehindert. Das klassische Gucken-Zurückgucken-Flirt-Spiel fällt für die Münchnerin weg. Ihre Augen können zwar Umrisse wahrnehmen, aber keine Gesichter fixieren. Doch die 37-Jährige hat eigene Strategien entwickelt. Wenn Blickkontakt nicht geht, baut sie eben Körperkontakt auf. Zum Beispiel durch Füßeln.

Feiern gehen in Clubs meidet Alexandra. Sie orientiert sich viel über das Gehör – in einer lauten Menschenmenge ist das schwierig. Ihre bisherigen Partner hat sie hauptsächlich über Freunde von Freunden kennengelernt. Das hielt länger als Bekanntschaften aus dem Internet. „Ich habe es schon über alle möglichen Dating-Sites versucht.“ Bei einem Online-Portal lernte sie einen Mann kennen. Sein Beruf: Sozialarbeiter. Nachdem sie ihm von ihrem Handicap erzählte, kam die Ernüchterung. „Dann bist du ja ein Pflegefall! Ich will aber kein Betreuungsverhältnis.“Auf Dating-Plattformen thematisiert sie ihre Erkrankung nicht sofort. Spätestens vor dem ersten Kennenlernen aber muss Alexandra damit rausrücken, dass „Blind Date“ für sie eine andere Bedeutung hat. Die Fragen, die dann kommen, sieht sie auch als Chance: „Oft sind die Menschen fasziniert, wie souverän ich mit meinem Handicap umgehe“.

Alexandras bisherige Freunde konnten oft noch schlechter sehen als sie selbst. Vorteil: „Beide Partner sind sensibler, nicht so reizüberflutet.“ Der Nachteil: Gerade als Frau muss sie sich oft gegen Vorurteile behaupten. Da fragen dann schon mal die Eltern: „Kann dein Partner überhaupt für dich sorgen? Der kann ja nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen“. Die Rolle des Hausmeisters übernimmt Alexandra aber auch gerne selbst. Und kontert mit der Frage: „Was ist schon eine normale Beziehung?“



Phil, 32

„Ich würde gerne sagen, dass meine Behinderung keine Rolle spielt.“

„Schön, dass ihr trotzdem lächelt!“ Diesen Satz bekamen Phil Hensel und seine Freundin kürzlich beim Gang durch die Freiburger Innenstadt von einem Passanten zugerufen. „Im ersten Moment habe ich das nicht geblickt“, sagt der 32-Jährige, immer noch verwundert. „Dann wurde mir klar, dass das wegen meines Rollstuhls  war.“Phil hat eine Querschnittslähmung – und ist mit einer Fußgängerin zusammen. „Eigentlich würde ich gerne sagen, dass meine Mobilitätseinschränkung in unserer Beziehung keine Rolle spielt“, sagt er. „Aber das wäre schon stark verkürzt.“

Bei Entscheidungen, die alle Menschen in Beziehungen treffen – von so banalen Fragen wie dem nächsten Urlaubsort bis hin zu folgenschweren wie einem gemeinsamen Kinderwunsch – muss die Behinderung mitgedacht werden.Ungewollt Single sein – darunter hat der Student lange gelitten. „Als Teenager war ich unter den Kumpels  immer der einzige, der ohne Freundin da war, der noch nie eine hatte – das hat schon sehr geschmerzt.“ Phils beherrschender Gedanke damals: „Warum sollte jemand mit mir zusammen sein wollen, wenn er auch jemanden ohne Rollstuhl haben könnte?“ Nach langem Überlegen meldete er sich beim Dating-Portal handicap-love.de an – das war  vor mehr als zehn Jahren noch etwas ganz Neues. Hier lernte er seine erste Freundin, auch Rollstuhlfahrerin, kennen. „Für den Anfang einer Beziehung ist es praktisch, wenn der Partner die gleiche Behinderung hat. Man muss sich nicht erklären, ist auf einer Ebene“, sagt Phil. Trotzdem war das Zusammenleben eine Herausforderung: Zwei Rollstühle – das behindert eben auch, beim Einkaufen, beim Reisen. „Ein Handicap allein reicht als Verbindung nicht aus, es muss auch der Mensch dahinter stimmen.“

Mit einer nichtbehinderten Frau zusammen sein, das musste Phil erst lernen.  „Ich musste das Selbstbewusstsein aufbauen, dass jemand in mir wirklich mich sieht“, sagt er. „Sonst hätte ich nie glauben können, dass jemandem meine Behinderung auch wirklich nichts ausmacht.“ Ihn nervt es wahnsinnig, wenn seine Freundin wegen ihm angestarrt wird. „Das ist ungerecht und  respektlos. Ich warte auf den Tag, an dem unsere Beziehung kein Aufsehen mehr erregt“.

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[Bild 1: tunejadez @ Fotolia.com, Bild 2: Privat; Bild 3: Konstantin Görlich]