Wie es ist, während des Fastenmonats Ramadan zu studieren

Paula Kühn

Tahira ist 21 Jahre alt und studiert Molekulare Medizin in Freiburg. Und sie ist Muslima. fudder hat sich mit ihr über das Lernen und Studieren während des Ramadan unterhalten, und wie schwer es wirklich ist den Tag über nichts zu Essen und zu Trinken.

Tahira, wie viel Zeit und Energie steckst du normalerweise in dein Studium?

Schon sehr viel Zeit, weil ich die Vorlesungen und Pflichtveranstaltungen habe und dann noch Zeit für Vor- und Nachbereitung brauche – mehrere Stunden jeden Tag. Es ist eine Vollzeitbeschäftigung.

Und jetzt während dem Ramadan – investierst du da ein bisschen weniger Zeit ins Studium?

Diesen Ramadan bisher nicht. Letztes Jahr war es schwierig mit dem Studium. Dieses Jahr läuft es sogar sehr gut. Man ist im Ramadan nicht so abgelenkt. Ich bin jemand, der normalerweise gern zum Kühlschrank läuft und sich leicht ablenken lässt. Man merkt ja oft gar nicht, wie viel man manchmal isst. Wir haben ja alles da. Da isst man gerne auch mal nebenher.

Also hat es fürs Studium sogar Vorteile?

Ja, weil man sowieso weiß, dass man bis zum Abend nichts essen und nichts trinken kann. Dann ist man konzentrierter. Und man muss die Zeit ja irgendwie überbrücken. Dann ist es gut, wenn man etwas zu tun hat.

Außerdem gehören für mich zur Ibada (Anm.: Erfüllung des Gottesdienstes) irgendwie auch meine Unisachen und das Lernen. Das ist ein sehr wichtiger und schöner Aspekt im Islam: Er richtet sich nicht nur ins Jenseits, sondern auch auf das weltliche Leben. Man soll schauen, dass man sein Leben gut einrichtet. Es geht um die Frage: Wie gestalte ich mein weltliches Leben.


"Ramadan ist eine Zeit des In-sich-Kehrens und Zusammenkommens"

Was bedeutet der Ramadan für dich?

Für mich ist der Ramadan eine Zeit des In-sich Kehrens. Auch eine Charakterschule, weil man lernt, auf das, worauf man eben gerade Lust hätte, auch mal zu verzichten. Auf der anderen Seite ist es auch eine Möglichkeit. Man ist nicht so in Anspruch genommen von prinzipiellen Dingen wie Essen vorbereiten, essen, putzen und so weiter. Dafür geht ja normalerweise ganz schön viel Zeit drauf. Und wenn man fastet, hat man da plötzlich Zeit, die man sonst nicht hat und die kann man dann für andere Dinge nutzen. Und der Ramadan ist eine Zeit des Zusammenkommens. Vielleicht ein bisschen so, wie das hier im Christentum mit Weihnachten ist.

Betest du?

Ja. Das mache ich sowieso immer. Und jetzt nochmal intensiver. Auch den Koran rezitiere ich. Ich habe mich auch mit Freunden zusammengetan. Wir haben uns vorgenommen, gemeinsam den Koran einmal durchzulesen während dem Ramadan. Eigentlich ist es auch das Ziel, den Koran im Ramadan einmal durchzulesen. Das ist etwas Besonderes: Man nennt das "Hatim".

Ist das schwierig in einem nichtmuslimischen Land und mitten in einem anspruchsvollen Studium, wie dem deinen?

Ja … das ist vielleicht schon ein bisschen schwieriger. Für uns ändert sich ja auch der Alltag nicht. Man kann nicht sagen, dass man jetzt mal ein bisschen zurückschraubt, weil Ramadan ist. Das ist in anderen Ländern sicher anders. Hier muss man sich das selbst ein bisschen einteilen. Und was man auch merkt: Das Feeling ist ein bisschen anders. Man muss sich das selbst bewusst aufbauen. Es wird einem nicht geschenkt. Zum Beispiel in der Türkei: Da gibt es dann die Ramadan-Dekoration. Die Moscheen. Die Gebete an sich, die Leute laden sich gegenseitig ein. Es gibt öffentliche Fastenbrechen und so weiter. Das gibt’s hier auch. Im islamischen Zentrum, aber eben im kleineren Rahmen. Alles ein bisschen mehr improvisiert.

"Mit vollem Magen legst du dich nicht ins Bett."

Was ist denn dein Ziel für diesen Ramadan?

Ich will den Rhythmus beibehalten. Die letzten Jahre hat das nicht so gut geklappt. Da hatte ich auch andere Ziele. Aber dieses Jahr wäre das mein Ziel. Weil ich mir denke, der Prophet hat auch seinen Alltag so gehabt, dass er sogar nach dem Morgengebet immer aufgestanden ist.

Machen das viele, dass sie Nacht und Tag umdrehen?

Ja, das machen viele. Das wird automatisch ein bisschen so. Gerade jetzt im Sommer ist das Fastenbrechen sehr spät und dann isst man spät und dann wird man wieder wach. Mit vollem Magen legst du dich nicht ins Bett.

Ist das nicht ein bisschen ein Schuss nach hinten?

Ach, ich würde das jetzt auch nicht nur negativ sehen. Es hat ja auch sein Schönes. Und es läuft auch wirklich viel gesellschaftlich ab.

Wie geht denn dein nichtmuslimischer Bekannten- und Freundeskreis damit um, dass du fastest?

Es gibt keinen Widerstand, aber schon ein bisschen Irritation. Zum Beispiel die klassische Frage: "Was? Auch kein Wasser?" Aber die Meisten nehmen das einfach hin. Manche, mit denen man redet, sehen auch die Schönheit im Ramadan. Andere finden es hart und sind beeindruckt, dass man es durchzieht. Aber Widerstand erlebe ich nicht, zum Glück!

Bist du schon Mal in die Versuchung gekommen während dem Ramadan doch etwas zu trinken oder zu essen?

Irgendwie gar nicht. Also noch nie so, dass ich gedacht habe: Ach, das sieht jetzt keiner, jetzt trinke ich mal was. Irgendwie ist da so eine Grenze. So hart es manchmal ist.

"Wir sind fast dehydriert"

Was war denn deine härteste Erfahrung?

Das war vor meinem Abi-Jahr in Istanbul. Das war so hart! Vom Trinken her. Aber der Gedanke ging gar nicht in die Richtung, dass ich jetzt was trinken will. Mein Vater fand es lustig alles zu Fuß zu laufen und es war super heiß. Und wir haben alle gefastet und sind wirklich fast alle dehydriert. Aber irgendwie haben wir es alle trotzdem durchgezogen. Und am Abend war es um so schöner Wasser zu trinken. Wasser bekommt wieder einen ganz anderen Wert. Man schätzt einfach alles wieder viel mehr und lernt dankbar zu sein, für Dinge, die sonst selbstverständlich sind.

Wenn du dich jetzt in die Zukunft versetzt, den 25. oder 26. Juni, und du denkst an diesen Ramadan zurück – wie muss er verlaufen sein, dass du zufrieden bist?

Für mich ist es ein Prozess. Es ist ein Ideal, dass man im Ramadan einen Schritt weiter kommt. Also nicht, dass man sein Ziel schon erreicht hat, aber dass man einen Schritt weiter gekommen ist, die Gebete nochmal eine andere Tiefe bekommen.

Und unabhängig davon geht es auch um ein Geschenk von Allah, darum bitte ich: Dass es gut verlaufen ist, mit meinen Mitmenschen, meinem seelischen Zustand, wie ich mich selbst gefühlt habe. Auch psychisch und gesundheitlich wär es toll, wenn es so bleibt. Aber das Hauptding ist schon, dass ich mit meinen Mitmenschen eine schöne Zeit verbracht habe.
Der Ramadan ist der neunte Monat nach dem islamischen Kalender und findet dieses Jahr vom 27. Mai bis zum 24. Juni statt. Ein Monat im Islam beginnt nachdem der Neumond das erste mal zu sehen ist und endet, wenn der abnehmende Mond nicht mehr zu sehen ist. Während dem Monat Ramadan zu fasten ist eine der fünf Säulen im Islam und für jeden Moslem Pflicht. Ausnahmen gibt es jedoch zum Beispiel bei Krankheitsfällen, wenn die Person auf Reisen oder Schwanger ist. Gefastet wird von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Je nachdem in welche Jahreszeit der Ramadan also fällt, ändert sich auch die Länge des Fastentages. Vor Sonnenaufgang gibt es dann das Sohour - die Mahzeit vor dem Morgengebet - und nach Sonnenuntergang das Iftar. Auch bestimmte Gebetszeiten sind festgelegt, die jedoch je nach Region und Kultur variieren. Besonders im Ramadan sind die letzten 10 Tage. In diese Zeit fällt auch die Laylat al-Qadr - die Nacht in der Mohamed seine Offenbahrungen erfuhr. Am Ende des Ramadan wird das Eid al-Fitrd begangen - das Fest in der Nacht, in der sich der Neumond wieder zeigt.