Wie es ist, sein Knochenmark zu spenden

Aljoscha Harmsen

Fast 3 Millionen Menschen sind in der Deutschen Knochenmarkspendedatei (DKMS) als potentielle Spender registriert. 4.576 dieser Menschen haben im Jahr 2012 Stammzellen oder Knochenmark für Menschen mit Leukämie und anderen Krankheiten gespendet. Einer von ihnen: fudder-Autor Aljoscha Harmsen. Wie er die Knochenmarkspende erlebt hat:

„Sie sind eventuell der einzig passende Spender für den Patienten, daher möchten wir Sie bitten, sich baldmöglichst zu melden.“ Im Januar 2012 bekomme ich von der Tübinger Zweigstelle der Deutschen Knochenmarkspendedatei (DKMS) einen Brief, der diesen Satz enthält. Noch heute bin ich angespannt, wenn ich ihn lese. Mein Knochenmark könnte einem Menschen das Leben retten.


Seit ich mich im Jahr 2003 – noch während der Schulzeit – für die DKMS typisieren ließ, bestand die Möglichkeit, dass ich eines Tages um mein Knochenmark gebeten werden würde. Jenseits aller 'Du-könntest-ein-Leben-retten'-Rhetorik war das allerdings nur ein Gedankenexperiment, eine moralische Überzeugung, eine Entscheidung, die mich damals lediglich ein paar Milliliter Blut kostete. Wer sich heute typisieren lässt, muss noch nicht einmal sein Blut hergeben: Es reichen ein paar Zellen aus der Mundschleimhaut, abgewischt mit einem Wattestäbchen, per Post an die DKMS versendet.

Mit diesem Brief der DKMS wurde die Entscheidung real: Mein Knochenmark könnte einem Menschen das Leben retten. Ich würde allerdings eine Vollnarkose hinnehmen und etwa eineinhalb Liter Stammzellenblut aus meinem Beckenknochenkamm hergeben müssen.

Ich lasse mir ein paar Tage Zeit, dann rufe ich bei der DKMS an. Am Telefon klärt mich eine Mitarbeiterin über die nächsten Schritte auf, wenn ich denn spende. Sie ist freundlich, stellt viele Fragen und betont, dass ich immer noch „nein“ sagen kann – niemand zwinge mich zu spenden und es sei nicht verwerflich, sich jetzt noch dagegen zu entscheiden. Ein bisschen kommt es mir vor, als müsste ich die DKMS-Mitarbeitern überzeugen, dass ich tatsächlich spenden will. Denn das will ich.

Wem ich meine Zellen spenden soll, das darf ich zunächst nicht wissen. Die Anonymität zwischen Spender und Empfänger wird in Deutschland und einigen anderen Ländern zwei Jahre aufrechterhalten; in anderen Ländern wird sie komplett gewahrt. Wäre mein Empfänger etwa Franzose, würde ich nie erfahren, wer das Knochenmark erhalten hätte. Die Anonymität soll beide, Spender und Empfänger, gleichermaßen vor Forderungen und Bedingungen, aber auch vor rassistischen, ethnischen, sexuellen Ressentiments schützen - und auch vor der Enttäuschung, falls es schief gehen sollte.

Mein Hausarzt nimmt mir kurz darauf drei Röhrchen Blut ab, das genauer typisiert wird, um festzustellen, ob ich tatsächlich der richtige Spender sein könnte. Auf das Ergebnis muss ich einige Monate warten; eine Zeit, in der mich der Gedanke nie in Ruhe lässt, ob mein Knochenmark tatsächlich gut genug sein könnte um das Blutsystem eines anderen Menschen von Grund auf neu zu bilden.

Denn genau das passiert bei einer Knochenmarkspende. Bei Leukämiepatienten gibt es irgendwo auf dem Weg von der Stammzelle zur ausgebildeten Blutzelle einen Defekt. Das Ziel der Knochenmarktransplantation: Nachdem die kranken Zellen des Empfängers durch eine intensive Chemotherapie und manchmal auch durch Bestrahlung abgetötet worden sind, sollen sie durch die gesunden Stammzellen des Spenders ersetzt werden. Stammzellen werden bei erwachsenen Menschen nur noch im Beckenknochenkamm gebildet.

Nachdem die Voruntersuchungen ergeben, dass ich tatsächlich der geeignete Spender bin, entscheide ich mich endgültig dafür, meine Zellen herzugeben. Ein egoistischer Gedanke kommt mir während der Wartezeit vor der Transplantation: Egal, was in meinem Leben noch geschieht - dass ich überhaupt existiere, wird in jedem Fall für einen anderen Menschen von großem Wert gewesen sein.

Fünf Monate nach dem Brief der DKMS muss ich zur Voruntersuchung in die Uniklinik Freiburg. Einen Tag lang werde ich so intensiv untersucht, wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Zwölf Röhrchen Blut werden mir im Laufe des Tages entnommen, zwischendurch muss die Armbeuge gewechselt werden -  bis heute weiß ich nicht, wofür das alles genau gebraucht wird. Lunge, Herz und Unterbauch werden gecheckt, Röntgenaufnahmen, Ultraschall und EKG gemacht. Nur meine Sehstärke wird nicht gecheckt.

Der Tag ist - abgesehen von den körperlichen Untersuchungen - gar nicht mal so unangenehm: Als gesunder Mensch werde ich wie ein VIP-Patient behandelt, muss nirgendwo warten, komme überall sofort dran. Am Ende des Tages gibt es ein Aufklärungsgespräch mit dem Hämatologen und Onkologen Professor Hartmut Bertz, der alle meine Fragen zum Eingriff und den Wochen danach beantwortet.



Drei Wochen später ist es soweit: Am Morgen des 28. Juni werde ich für die Operation vorbereitet. In Thrombosestrümpfen und einem hinten schwer zu schließendem Nachthemd schiebt mich eine Krankenschwester in den OP. Dank des Outfits ist mir kalt, dank eines Beruhigungsmittels bin ich trotzdem bester Laune. Dann werde ich unter Vollnarkose gesetzt, und die behandelnden Ärzte führen zwei Hohlnadeln, etwa kugelschreiberminendick, in den Knochen meines Beckenkamms, um aus dem Knochenmark Blut und Stammzellen abzusaugen - 1,4 Liter in meinem Fall. Die Stabilität des Knochens wird durch die Entnahmen nicht beeinträchtigt. Innerhalb von zwei Wochen wird das Knochenmarkblut wieder nachgebildet. Der Eingriff dauert nicht lange - nach 40 Minuten ist er vorbei. Es gibt keine Komplikationen.

Später im Aufwachraum schimpft eine Krankenschwester eine halbe Minute über meine Sauerstoffsättigung, woraufhin ich einen Witz übers Rauchen machte, der bei ihr nicht gut ankommt - sie schmunzelt nicht einmal. Zurück im Zweibettzimmer bin ich überrascht, wie wenig Schmerzen ich habe – bis ich versuche, mich zu bewegen. Die Rückenschmerzen sind ungefähr so schlimm, wie die Schmerzen am Tag nachdem man einen Halbmarathon gelaufen ist - untrainiert, selbstverständlich. Aber schon am nächsten Tag fällt es mir leichter, mich zu bewegen; bei einem Spaziergang auf dem Klinikgelände halte ich aber ständig Sichtkontakt zu Bänken. Am Nachmittag kann ich die Klinik wieder verlassen - keine 36 Stunden nach dem Eingriff.

Die Art der Knochenmarkspende, die bei mir durchgeführt wurde, ist selten geworden: in vier von fünf Fällen können Spender ohne Vollnarkose und ohne Punktion des Knochens Stammzellen spenden. Denn Stammzellen können auch aus dem peripheren Blut entnommen werden. Bei einer solchen Spende wird die Anzahl der Stammzellen und ihr Übertritt  vom Knochenmark ins periphere Blut einige Tage lang durch ein Medikament erhöht, bevor die Zellen in einem mehrstündigen Filterprozess aus dem Blut entnommen.

Meine Schmerzen bleiben noch einige Tage; sie sind aber wohl nichts im Vergleich zu dem, was der Empfänger wohl durchmachen musste, der vor dem Termin der Spende ja mittels Chemotherapie und manchmal auch Bestrahlung auf meine Zellen vorbereitet werden musste.



Einige Wochen später, im August, schreibt mir die DKMS wieder einen Brief: Die Transplantation bei meinem Empfänger sei gut verlaufen -  es sei übrigens eine Empfängerin, und ihr gehe es bereits besser. Meine transplantierten Zellen hätten bereits mit der Bildung gesunder Zellen begonnen. Als mich diese Nachricht erreicht, macht mein Herz einen Sprung.

Die DKMS sendet mir auch einen Brief der Mutter der Empfängerin mit. Zwar wird die Anonymität gewahrt, aber ich erfahre, dass ich mein Knochenmark einer 19-jährigen US-Amerikanerin gespendet hatte. Sie hatte gerade ihr Studium begonnen, als sie krank geworden sei, schreibt ihre Mutter. Und sie hat einen 15-jährigen Bruder. Zwölf Tage nach der Transplantation sähe es bereits sehr gut aus.

Der Brief macht mich froh. Ich freue mich schon, eines Tages diese Menschen kennen zu lernen. Wie diese Situation wohl sein würde? Wie würde ich mich ihr vorstellen? Ich als ihr Lebensretter? Hätten wir wohl etwas zu reden? Ähnelt mir ein Mensch, wenn sich unsere Blutmerkmale so sehr ähneln? Hoffentlich ist mein Englisch gut genug!

Elf Monate nach dem ersten Brief der DKMS erreicht mich eine neue Botschaft per Post: „Die Transplantationsklinik hat uns mitgeteilt, dass die Patientin verstorben ist. Eine Ursache wurde uns aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitgeteilt.“

Es ist ein seltsamer, trauriger Gedanke, dass ich mit meiner Spende letztlich keinen Beitrag zu einem ganz neuen Leben leisten konnte; die Empfängerin hat nur einige Monate mehr gelebt. Es wäre unangemessen, von meiner Enttäuschung zu schreiben, denn ich habe nur ein paar Zellen, ein bisschen Blut hergegeben, hatte ein paar Tage lang Rückenschmerzen. Wer eine Knochenmarktransplantation braucht und erhält, ist schwerkrank, die Heilungschancen nach einer Transplantation liegen zwischen 40 und 80 Prozent – je nach Blutkrebserkrankung, Alter, Konstitution und der Dauer der Spendersuche.

Ich versuche das Erlebte nicht zu verklären. Wenn eine Spende gelingt, und einem anderen Menschen ein gesundes Leben ermöglicht wird,  stelle ich mir das großartig vor. Durch die Anonymität der Spende ist der Prozess größtenteils etwas sehr Abstraktes. Die Gefühle, die ich entwickelt habe, basieren nicht auf einer tatsächlichen Beziehung, nur auf Möglichkeiten, auf Hypothesen. Und ich hoffe sehr, dass die Lebenszeit, die meine Spende der Empfängerin ermöglicht hat, für sie und ihre Familie wertvolle, schöne Momente sein konnten.

Knochenmark- und Stammzellspende

Weltweit erkranken jährlich über 840.000 Menschen an Leukämie, in Deutschland etwa 32.500. Leukämiekranke und Menschen mit anderen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems benötigen in vielen Fällen eine Knochenmark- oder Stammzellenspende.

Wer gesund und zwischen 18 bis 55 Jahre alt ist und einen Body-Mass-Index unter 40 hat, kann sich als potentieller Spender bei der DKMS registrieren lassen. Die Registrierung erfolt, nachdem man eine Zellprobe aus dem Mundraum an die DKMS geschickt hat; Registrierungs-Sets kann man auf der DKMS-Website bestellen: DKMS: Spender werden.

Mehr dazu:

[Bild 1: Benedikt Nabben, Bild 2: Symbolbild, DKMS; Bild 3: Privat]