BZ-Interview

Wie es ist, nackt im Theater Freiburg vor Hunderten Zuschauern aufzutreten

Frank Zimmermann

In der aktuellen "Sommernachtstraum"-Inszenierung am Theater Freiburg ist viel nackte Haut zu sehen. Was empfinden die Schauspieler, wenn sie ganz ohne Kostüm vor den Zuschauern stehen? Ein Interview.

Frank Zimmermann sprach mit den beiden Schauspielern Rosa Thormeyer und Thieß Brammer, die seit dieser Spielzeit dem festen Ensemble des Theaters angehören.

BZ:
Als Sie erfahren haben, dass Sie Nacktauftritte im "Sommernachtstraum" haben werden, wie war Ihre erste Reaktion?

Brammer: Ich habe zuerst ein Grummeln gespürt und mich schon gefragt: Traue ich mich das? Mit meiner jetzigen Erfahrung kann ich aber sagen: Als Zuschauer empfindet man es schlimmer, als wenn man selbst nackt ist. Das erste Mal vor Leuten war schon ein ganz seltsamer, aber auch spannender Moment. Es war da aber kein Gefühl der Beklemmung.

BZ: Haben Sie sich auf das Nacktspielen speziell vorbereitet?
Brammer: In den Proben wurden einem viele Bedenken genommen. Das Grummeln war bei mir vorbei, als ich das erste Mal in den Proben die Unterhose ausgezogen hatte. Ich dachte: "So, jetzt ist es passiert." Das war ein wirklich befreiender Moment für mich.
Thormeyer: Als die Regisseurin es uns gesagt hat, war ich zunächst nicht damit beschäftigt, wie das für mich sein wird, sondern mit der Frage: "Oh Gott, was werden die anderen denken? Das Publikum? Die Kollegen? Die Leute wollen doch bestimmt nur Frauen sehen, wie man sie aus Zeitschriften kennt." Durch die Proben habe ich dann so ein Vertrauen bekommen, dass es sich für mich sehr natürlich angefühlt hat. Ich habe mir gar keine Gedanken mehr darüber gemacht, was die anderen von mir denken.
Rosa Thormeyer
Die 25-Jährige aus Frankfurt am Main studierte an der renommierten "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Berlin. Sie spielte bereits an der Schaubühne Berlin, dem Schauspiel Hannover und am Thalia-Theater Hamburg sowie in einigen Film- und Fernsehproduktionen. Dem Ensemble des Theaters Freiburg gehört sie fest seit dieser Spielzeit an, es ist ihr erstes festes Engagement.

Thiess Brammer
Der 27-Jährige besuchte ebenfalls die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und trat bereits an der Volksbühne Berlin auf, ehe er 2015 ans Theater Oberhausen wechselte, wo Peter Carp Intendant war. Mit diesem ging Brammer im vergangenen Sommer ans Theater Freiburg.

BZ: Die Proben sind das eine, die Aufführungen vor Publikum das andere.
Thormeyer: Auf der Bühne ist es kein Unterschied. Anders fühlt es sich erst an, wenn wir nackt ins Publikum gehen. Wir hatten alle ziemlich Angst davor, was da passiert. Die Regisseurin hatte uns gebeten, es in der öffentlichen Generalprobe einmal nackt auszuprobieren. Wir waren sehr überrascht über die positiven Reaktionen.

"Wir waren sehr überrascht über die positiven Reaktionen"

Rosa Thormeyer
BZ: Die Situation war entspannt?
Thormeyer: Ja, sehr. Wir gehen mit einer Energie ins Publikum, und das überträgt sich wie eine Welle. Nicht auf alle natürlich, es gibt auch Zuschauer, die rausgehen.
Brammer: Es hat mich auch überrascht, wie positiv die Leute reagiert haben. Vielleicht hat es am Ende damit zu tun, wie wir es machen, ich jedenfalls freue mich inzwischen darauf. Die Beklemmung findet, wenn es sie denn gibt, eher bei den Zuschauern statt. Unsere Aufgabe ist es, sie ihnen zu nehmen. Wir selbst haben schließlich nichts mehr zu verbergen, es gibt in diesem Moment keine Geheimnisse mehr.

BZ: Ist Nacktheit auf der Bühne für Sie beide, als ob Sie ein unsichtbares Kostüm tragen?
Brammer: Bei dieser Inszenierung eher nicht, denn es wird ja das Nacktsein selbst thematisiert. In diesem "Sommernachtstraum" steht die Nacktheit für ein Gefühl von Freiheit und die Überschreitung von Grenzen und hat insofern für mich keinen Kostümcharakter.
Thormeyer: Ich fühle mich nicht entblößt, weil die Gruppe ein geschützter Raum ist.



BZ: Sie sprechen gerade von jener Szene, in der Sie sich als Gruppe wie in einer Tanzchoreografie gemeinsam nackt über die Bühne bewegen.
Brammer: Ja, da findet eine Art Rollenauflösung statt, wir sind keine Individuen mehr, sondern eine Art Organismus von Körpern, die sich miteinander wohl fühlen. Wenn die Nacktheit hingegen konkret mit der Figur des Demetrius zu tun hat, die ich spiele, ist sie für mich eher ein Kostüm.
Thormeyer: Ich habe auch Szenen, in denen es konkret um die Liebe zwischen Lysander und Hermia geht, das ist eine normale Liebesszene. Da stimmt das Nacktsein für mich: Es ist das erste Mal der beiden miteinander, das ist für sie ein so schamhafter und schüchterner Moment.
Brammer: Für Regisseurin Ewelina Marciniak stand im Vordergrund, dass wir uns auf der Bühne wohl fühlen und "Pleasure" haben [Engl. für "Vergnügen"; die polnische Regisseurin arbeitete auf Englisch mit dem Ensemble, Anm. der Red.].

"Wir sind keine Individuen mehr, sondern eine Art Organismus von Körpern."Thieß Brammer
BZ: Haben Sie sich immer wohl gefühlt oder gab es auch unangenehme Momente?
Thormeyer: Die Regisseurin hat von Anfang an so mit uns als Gruppe gearbeitet, dass wir untereinander alle ein großes Vertrauen hatten. Sie hat nicht einfach gesagt: "So, ihr müsst euch jetzt ausziehen", sondern wir sind in den Proben Schritt für Schritt vorgegangen: Zunächst haben wir lange Zeit in Unterwäsche gespielt. Man hatte dann gegenüber den Kollegen von sich schon so viel gezeigt, auch emotional, dass das Ausziehen kein so großer Akt mehr war, sondern einfach noch ein weiterer Schritt.

BZ: War Ihnen zu Beginn der Proben klar, dass es dazu kommen würde?
Thormeyer: Ja. Die Nacktheit wollte die Regisseurin von Anfang haben, und so haben wir uns das dann zusammen erarbeitet, damit es für alle geht.
Brammer: Es war der Regisseurin wichtig, dass wir die Nacktheit nachvollziehen können und als Schauspieler verstehen. Es gibt ja auch Inszenierungen, in denen sie bloß cool sein oder schockieren will. Das Nacktsein war immer inhaltlich untermauert. Das ist schon eine Hilfe. Es gab für mich nur einen Moment, in dem ich mich nicht wohl fühlte.


"Wir kennen uns durch die Proben ja schon so gut, dass wir keine Scham haben" Rosa Thormeyer
BZ: Nämlich?
Brammer: Als ich der Kostümassistentin, mit der ich privat gut befreundet bin, bei der ersten Nacktprobe meine Unterhose gegeben habe, die sie aufhängen sollte. Das war ein Moment, in dem ich dachte: "Das ist jetzt gerade seltsam." Das hatte nichts Spielerisches mehr, sondern war ein ganz profaner Vorgang.
Thormeyer: Neulich hatten wir auf der Bühne eine Situation, in der wir regelrecht ineinander verknotet waren, und plötzlich war mein Kopf ...
Brammer:... an meinem Penis. Und auch deine Hände zweimal!
Thormeyer: Das war aber wirklich eher lustig. Wir kennen uns durch die Proben ja schon so gut, dass wir keine Scham haben, wenn so etwas mal passiert.

BZ: Warum gehen Sie in einer Szene des Stückes nackt ins Publikum? Was ist die Idee dabei?
Brammer: Die Regisseurin wollte die größtmögliche Fallhöhe – dass wir nicht nur den Genuss auf der Bühne spielen, sondern auch das Publikum Genuss hat. Ich schaue immer vorher, wer im Publikum nett aussieht und gehe dann da erst einmal hin.
Thormeyer: Titania sagt kurz vorher, dass es im Wald nur Freuden gibt. Und diesen Moment der absoluten Freude soll diese Szene im Publikum darstellen.

BZ: War das für Sie beide der allererste Nacktauftritt?
Brammer: Ja.
Thormeyer: Ja. Das lernt man auch nicht auf der Schauspielschule.

BZ: Das wäre meine nächste Frage gewesen: ob überhaupt und wenn ja, wie man das Nacktsein auf der Bühne "trainieren" kann.
Brammer: Es gibt auf der Schauspielschule den ganzen Tag sehr viel engen körperlichen Kontakt zu Kommilitoninnen und Kommilitonen. Mit der Zeit sind da bei mir die Hemmschwellen gefallen und ich habe ein anderes Gefühl für den Körper, meinen eigenen und den der anderen, bekommen.
Thormeyer: Es wird auf der Schauspielschule viel daran gearbeitet, dass man sich so annimmt, wie man ist.
Ein Sommernachtstraum, Komödie von William Shakespeare: Theater Freiburg, Großes Haus. Aufführungen: 14., 17. und 22. März, jeweils 19.30 Uhr, 1. April, 18 Uhr; 20. und 28. April, 19. Mai und 30. Juni, jeweils 19.30 Uhr. Tickets: Tel. 0761/201-28 53;
http://www.theater.freiburg.de

BZ: Viele Schauspieler haben ja keinen Modelkörper.
Thormeyer: Zum Glück. Wir stellen die Gesellschaft auf der Bühne dar und bilden nicht irgendwelche Magazine ab.
Brammer: So richtig im Reinen mit sich ist man nie. In der Schauspielschule wird einem beigebracht, zu sich zu finden, bei sich anzukommen. Ich denke oft, dass ich viel zu dünn bin, aber wenn ich das akzeptiert habe, kann ich mit Humor damit umgehen. Das finde ich wahnsinnig wichtig.
Thormeyer: Die jetzige Arbeit hat mich diesbezüglich schon einen Schritt weiter gebracht.

BZ: Filmstars beginnen Monate vor Drehbeginn, ihren Körper zu trainieren, um vor der Kamera gut und fit auszusehen.
Brammer: Zum Teil hat das ein ungesundes Ausmaß. Diese Schauspieler haben in der Regel immer nur ein Projekt, aber wenn man wie wir Repertoire spielt, ist das schwierig – ich kann ja nicht an einem Tag als Muskelprotz daherkommen und bei einer anderen Rolle in einer Aufführung am Tag darauf nicht.

"Einem Kollegen wurde von einer älteren Dame schön auf den Poppes gehauen"Thieß Brammer
BZ: Inzwischen haben Sie mehrere "Sommernachtstraum"-Aufführungen hinter sich. Hat das Publikum immer gleich reagiert? Haben Sie selbst sich stets wohl dabei gefühlt?
Brammer: Tatsächlich hat speziell die Publikumsszene immer gut funktioniert. Letztens hat mich ein Zuschauer gefragt, ob mir nicht kalt sei und ich seinen Pulli haben wolle.
Thormeyer: Und mich hat neulich eine Frau angefasst und gesagt: "Sie können sich das leisten, Sie sind ja noch schön knackig."
Brammer: Und einem Kollegen wurde von einer älteren Dame schön auf den Poppes gehauen.

BZ: Wenn es die Leute mit so viel Humor nehmen, ist das schön. Man kann bei Nacktheit im Theater aber auch schnell vieles falsch machen.
Brammer: Gerade jetzt, mit der "Me too"-Debatte, muss man wirklich aufpassen, dass kein Voyeurismus stattfindet, wenn sich junge Frauen auf der Bühne ausziehen.
Thormeyer: Das hat Regisseurin Ewelina Marciniak toll gemacht. Das war ihr wichtig – zu schauen, dass man mit den Bildern bewusst umgeht.
Brammer: Wichtig ist auch das Gefühl, dass wir als Gruppe das letzte Wort haben. Die Vereinbarung ist: Wenn sich einer von uns unwohl fühlt, machen wir es alle nicht.
Thormeyer: Ja. Wenn einer von uns aus irgendeinem Grund nicht nackt ins Publikum gehen kann, dann würden wir als Gruppe eine andere Lösung finden müssen.
Brammer: Diese Gruppensolidarität ist schön.

BZ: Der Ensemblegedanke ist hier wichtiger denn je.
Thormeyer: Ja, das war der Regisseurin mit das Wichtigste.
Brammer: Schön fand ich auch den Humor. Dass man auf sehr schöne, liebevolle Art Witze übereinander machen kann.
Thormeyer: Es war wahnsinnig lustig...
Brammer: ... ganz ohne Verkrampfung.