Wie es ist, mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zu studieren

Kerstin Ernst

Wenn Oli einen Satz schreibt, dann fehlen häufig ganze Wörter – ohne dass er es merkt. Oli ist Legastheniker. Trotzdem studiert er in Freiburg zwei Sprachen: Französisch und Polnisch. fudder hat mit ihm über sein Studium gesprochen.

Oli ist 25 Jahre alt und studiert an der Uni Freiburg Französisch im Hauptfach und Polnisch im Nebenfach – und er hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Im Alter von 19 Jahren hat sein Chemielehrer ihn darauf hingewiesen, dass er sich darauf überprüfen lassen sollte. Die ganze Schulzeit lang hatte niemand etwas davon bemerkt. Bis kurz vor dem Abitur.


Oli, als Legastheniker hat man Probleme mit dem Lesen und Schreiben: Wie äußert sich das bei dir?

Oli: Hauptsächlich beim Schreiben, beim Lesen eher weniger. Ich schreibe einen Satz und jemand, oft meine Schwester, liest ihn sich durch – und erkennt die Fehler. Sie fordert mich dann immer wieder auf, den geschriebenen Satz laut vorzulesen, damit ich erkenne, dass dort ein Wort oder Satzteil fehlt. Vorgelesen habe ich die Variante, wie ich sie in meinem Kopf hatte, diese Version ist richtig, stimmt allerdings nicht mit dem überein, was ich geschrieben habe. Im Mündlichen bin ich besser als im Schriftlichen. Wenn ich gezwungen bin, etwas zu schreiben, fällt mir das nicht so leicht als zu reden.

Warum hast du dich trotzdem entschieden, zwei Sprachen zu studieren?

Es fragen mich viele, warum ich nicht lieber irgendwas mit Zahlen studiere. Meine Leidenschaft ist es seit der Grundschule, Sprachen zu lernen. Deshalb studiere ich jetzt auch zwei Sprachen. Auch wenn sich das viele fragen und es vielleicht nicht verstehen können: Ich möchte es mir nicht verbieten lassen, Sprachen zu lernen, nur weil ich mit dem Schreiben Probleme habe.

Wo liegen die Schwierigkeiten speziell beim Sprachenstudium für dich?

Gerade in Sprach- und Grammatikkursen, wo es um Rechtschreibung und Grammatik geht, da habe ich größere Schwierigkeiten. Da ist es auch für viele Dozenten schwer, mich zu bewerten, trotz Berücksichtigung meines Problems. Sie begründen das mit ihren Bewertungskriterien, die sie in dem Kurs einhalten müssen. So etwas ist ärgerlich, denn ich kann ja normal und richtig sprechen nur auf dem Papier kriege ich es halt nicht hin. In Frankreich hat das in den Übersetzungs-Kursen komischerweise sehr gut funktioniert. Vielleicht lag das an der Umgebung, dass dort alle meine Legasthenie so offen angenommen und berücksichtigt haben.

Du warst ja ein halbes ja im Auslandssemester in Frankreich, wie war das dort für dich?

Dort waren die Leute an der Uni viel offener und zuvorkommender. Da fühlte man sich gleich viel entspannter, weil man so akzeptiert wird. Bei meinem Erasmus-Aufenthalt in Frankreich meinte die Zuständige für Leute mit Handicap, dass ungefähr jeder Dritte damit an die Uni kommt und es viele verschiedene Möglichkeiten an Hilfsmitteln gibt. Hier in Deutschland ist es schwieriger mit dem Nachteilsausgleich, weil der bürokratische Aufwand mit den Anträgen und den Bescheinigungen größer ist. Ich musste bei meinem Antrag in Deutschland zusätzlich zu dem ärztlichen Nachweis auch angeben,welche Probleme ich konkret habe und begründen, welche Hilfsmittel ich brauche. Dann muss ich jedes Semester mit jedem Dozenten von Neuem sprechen und eine Lösung aushandeln.

In Frankreich musste man nur den Nachweis vorzeigen, dass man Legasthenie hat und es wurde mit dem oder der Zuständigen individuell besprochen, welche Hilfsmittel man benötigt. Dort durfte ich in der Klausur an einem PC schreiben mit einer Rechtschreibkorrektur, sodass ich meine Fehler selbst erkennen und korrigieren konnte.

Du sagst, du musst jedes Semester wegen des Nachteilausgleichs mit den Dozenten sprechen, wie fassen die das auf?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass manche Dozenten meinen, ein Legastheniker sollte keine Sprachen studieren. Das ist aber nicht überwiegend der Fall. Meine Erfahrungen mit den meisten Dozenten sind relativ positiv. Sie gehen offen damit um und sind bemüht mir zu helfen.

Was sagen deine Kommilitonen dazu?

Grundsätzlich gehen meine Kommilitonen positiv damit um. Es wissen aber auch nicht alle davon, hauptsächlich die Dozenten und ein paar gute Freunde. Ich möchte so normal wie möglich behandelt werden und keine Sonderbehandlung bekommen. Die meisten Kommilitonen wundern sich bei Klausuren, warum ich länger schreiben darf als sie, meistens fragen sie dann nicht weiter danach.

Du bekommst einen Nachteilsausgleich, der dir in Klausuren und Hausarbeiten helfen soll: Wie sieht dieser Ausgleich aus?

Also bei Hausarbeiten habe ich keinen Nachteilsausgleich, weil ich das ja auch von zu Hause aus schreiben kann. Bei Klausuren ist zunächst einmal fest geregelt, dass ich mehr Zeit bekomme. Merke ich aber, dass ein Kurs bestimmte Anforderungen hat, die es mir noch schwieriger machen würden, dann frage ich beim Dozenten nach, ob ich noch zusätzlich mehr Zeit bekomme um mich noch besser konzentrieren zu können. Ich bin aber trotzdem immer wieder erleichtert, wenn es eine mündliche Prüfung oder ein Referat gibt, denn reden kann ich.

Deine Krankheit ist lange unentdeckt geblieben, warst du nach der Diagnose dann in einer Therapie?

Als ich die Diagnose gestellt bekommen habe, wurde mir vorgeschlagen, eine Therapiegruppe zu besuchen. Das habe ich aber nicht gemacht. Ich dachte mir: Ich bin jetzt so weit gekommen ohne Hilfe, da brauche ich keine Therapiegruppe, um mir irgendetwas zeigen zu lassen. Als junger Kerl ist das auch irgendwie unangenehm in eine Therapiegruppe zu müssen. Irgendwann habe ich aber selbst gemerkt, dass es Klick gemacht hat und das Schreiben immer besser wurde. Inzwischen sind es meistens nur Wörter, die falsch sind.

Wenn du keine Therapie gemacht hast, mit welchen Tricks hast du dich dich da verbessert?

Ich wollte das selbstständig ohne fremde Hilfe schaffen. Ich habe dann eben angefangen viel mehr zu schreiben: Mit Freunden am Handy, viele Emails, wie es an der Uni üblich ist, aber auch Texte für die Uni. Mit den einfachen Sätzen ist das immer so eine Sache, da bin ich vielleicht auch etwas stur im Kopf: Für manche hat Legasthenie immer noch etwas mit geringer Intelligenz zu tun. Deshalb will ich schon versuchen komplexere Sätze zu schreiben, um zu beweisen, dass ich es kann. Gezwungenermaßen muss ich etwas vereinfachte Sätze schreiben, mache es aber nicht so gerne.

Legasthenie hat ja nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, welche Erfahrungen hast du damit bisher so in der Schule oder dem Studium gemacht?

Ich selbst habe bisher meistens gute Erfahrungen damit gemacht, weil die meisten mit meinem Problem relativ gut umgegangen sind. Manche Freunde meinten zu mir, wenn ich es nicht gesagt hätte, wäre ihnen gar nichts aufgefallen. Ich glaube schon, dass die meisten sehr offen damit umgehen, aber es gibt grundsätzlich noch das Vorurteil, dass Legasthenie gleich Dummheit bedeutet.

Wie konnte das sein, dass die Krankheit so lange nicht auffällt in der Schule?

In der Schule war ich mündlich immer ein Ass und konnte dadurch meine Note verbessern. Schriftlich stand ich in Deutsch immer so auf drei oder vier, das kam immer aufs Thema an. Da Rechtschreibfehler ja immer in die Note mit rein gezählt haben, war ich da dementsprechend eher schwach und in Diktaten war ich eine Niete. Erstaunlicherweise ging es in der Grundschule aber noch recht gut. Woran es dann letztendlich lag, weiß ich selbst nicht genau.
Die Krankheit

Legasthenie wirkt sich bei den Betroffenen jeweils sehr unterschiedlich aus, sie haben Schwierigkeiten mündliche Sprache in Schrift oder Schriftliches in gesprochene Sprache umzuwandeln. Das können Rechtschreibfehler sein oder Fehler im Satzbau und der Grammatik, aber auch Schwierigkeiten beim Lesen.

Als Stereotyp wird Legasthenie oft mit einer mangelnden Intelligenz gleichgesetzt, da viele Legastheniker einen niedrigeren Schulabschluss haben. Legasthenie kann allerdings bei normal und überdurchschnittlich intelligenten Menschen auftreten und deshalb auch bei Studierenden. In Deutschland sind laut dem deutschen Studierendenwerk circa elf Prozent aller Studierenden von einer studienerschwerenden Beeinträchtigung betroffen. Bei vier Prozent wirkt sich diese Teilleistungsstörung, wie zum Beispiel Legasthenie am stärksten studienerschwerend aus, das heißt die Betroffenen sind mit vielen Schwierigkeiten im Studium konfrontiert und benötigen zusätzliche Hilfe.