Wie es ist, mit 20 Mutter zu werden

Hannah Klima & Charlotte Bodinek

Mit 20 stehen einem alle Möglichkeiten offen. Was will ich machen, in meinem Leben, wer will ich sein? Was aber, wenn man als junge Frau genau zu diesem Zeitpunkt schwanger wird? Eine ungeplante Schwangerschaft stellt junge Erwachsene vor eine große Herausforderung: Will ich das? Kann ich das? Wir haben mit zwei jungen Frauen gesprochen, die mit 20 Mutter geworden sind.



„Vorsicht, Noah!“ Franziska, 23 (Bild oben), steht in der Küche ihrer kleinen Wohnung in Grunern, einem Dorf in der Nähe von Staufen, und versucht den Elan ihres zweijährigen Sohnes beim Abwasch zu bremsen. Noah steht auf einem Stuhl an der Spüle und möchte am liebsten Teller, Tassen und Gläser gleichzeitig mit dem Schwamm bearbeiten. Franziska stellt sich hinter ihn, nimmt seine Hände und spült mit ihm gemeinsam einen Teller nach dem anderen. Kein Zweifel: die beiden sind ein eingespieltes Team.


Franziska ist alleinerziehend, aber von Unsicherheit oder Unzufriedenheit über ihre Situation ist nichts zu spüren, wenn man sie zusammen mit ihrem Sohn sieht. „Als ich schwanger geworden bin, fühlte mich selbst noch als Kind und eigentlich noch nicht reif genug, um Mutter zu werden.“ Zur heutigen Gelassenheit war es ein langer Weg.

Als Franziska bemerkt, dass sie schwanger ist, ist sie zwanzig. Sie hat gerade eine Ausbildung an einer hauswirtschaftlichen Schule in Hessen begonnen, ist noch keine drei Monate mit ihrem damaligen Partner zusammen, die Beziehung ist nicht gefestigt. Und jetzt ein Baby?

"Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, sagt Franziska. Sie fühlt sich zu jung und denkt darüber nach, die Schwangerschaft abzubrechen. Als sie bei einer Ultraschalluntersuchung den Herzschlag des zu dem Zeitpunkt gerade einmal 1,5 cm großen Fötus sieht, stellen sich bei Franziska nicht sofort Muttergefühle ein. Im Gegenteil: sie fühlt sich hilflos und hat Angst.

Ein Kind verändert doch alles. Was wird aus ihrem Leben? Banale Dinge erscheinen plötzlich besonders wichtig. Erst vor wenigen Wochen ist Franziska last-minute mit einer Freundin in Urlaub gefahren. Wird so etwas noch einmal möglich sein? Kurz vor der zwölften Schwangerschaftswoche, dem Ende der Frist, während der ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland straffrei möglich ist, nimmt sie eine Schwangerenkonfliktberatung bei Pro Familia in Anspruch.

Aber Franziska entschließt sich, das Kind zu bekommen: „Warum Leben zerstören, wo Leben wachsen will?“ Heute sagt sie über ihre damaligen Sorgen: „Die waren völliger Quatsch!“, trotzdem ist sie überzeugt, dass es damals richtig war, sich diese Gedanken zu machen. Trotz der Entscheidung für das Kind, empfindet Franziska in den ersten Monaten der Schwangerschaft Abneigung ihm gegenüber. Erst als sie die ersten Bewegungen des Kindes spürt, nimmt dieses Gefühl ab. Zusammen mit dem Vater trifft sie Vorbereitungen, sie zieht mit ihm in eine gemeinsame Wohnung in ihrer alten Heimat. Kurz vor der Geburt, im achten Monat, gelingt es ihr, eine Bindung zum Baby aufzubauen. Franziska ist bereit, Mutter zu werden.



In einer Dezembernacht bringt sie Noah zur Welt. Und Noah verändert alles. Wenn auch nicht so, wie befürchtet. „Meine Ängste vor Noahs Geburt waren unberechtigt“, sagt Franziska heute. Ihr Leben ist durchgeplanter als das einer durchschnittlichen 23-Jährigen, aber immer noch das Leben einer 23-Jährigen. „Man verpasst nichts“, sagt sie „ich kann mich trotzdem noch mit Freunden treffen.“ Von Noahs Vater hat sie sich kurz nach der Geburt getrennt, mittlerweile hat Franziska eine Ausbildung als Raumausstatterin begonnen. Zwar wünscht sie sich manchmal ihre alte Flexibilität zurück, die ihr vor allem als Alleinerziehende verloren gegangen ist, aber mit der Hilfe von Freunden und Familien meistert sie ihren Alltag und sie hat gelernt, diese Hilfe auch annehmen zu können.

Heute, beim Spülen mit dem übereifrigen Noah kann Franziska optimistisch in ihre Zukunft blicken. „Das Kind wächst, da wächst man mit“, sagt sie gelassen, während sie Noah die Hände abtrocknet.



Bis Sandra (Bild oben) und ihre Tochter Paula gemeinsam an der Spüle stehen, dauert es noch eine Weile. Vor einem halben Jahr ist Sandra Mutter geworden. Wie bei Franziska war auch ihre Schwangerschaft ungeplant und auch Sandra wurde durch die Aussicht, mit zwanzig Mutter zu werden aus der Bahn geworfen. Auch ihr merkt man heute nicht an, wie unruhig ihr Weg zum Muttersein war, wenn sie Paula in der neu eingerichteten Küche in Haslach routiniert das Fläschchen gibt. „Ich wusste zuerst überhaupt nicht, was ich machen sollte, als ich zu Beginn meiner Ausbildung zur Medienassistentin schwanger wurde", sagt sie. Heute ist sie überzeugt davon, dass sie damals die richtige Entscheidung getroffen hat, als sie sich für das Baby und gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hat.

„Es war nicht einfach für mich, eine Entscheidung zu treffen, denn ich bin gerne viel und lange ausgegangen“, sagt Sandra. Auch Alex, Paulas Vater und mittlerweile Sandras Ehemann, mit dem sie vor der Schwangerschaft mehr als zwei Jahre zusammen war, sieht die damalige Situation kritisch. „Ich war nicht immer mit Sandras Lebenswandel einverstanden“ erklärt Alex, während er Paula im Arm wiegt. „Ich war mir zuerst nicht sicher, ob sie bereit wäre, so viel Verantwortung zu übernehmen.“

Dass sie ihr unbeschwertes Partyleben für ihre Tochter aufgeben musste, kann Sandra heute locker nehmen. „Doch manchmal vermisse ich die Freiheit, die ich früher hatte“, gibt sie zu. Seit Paula da ist, ist das Feiern weniger geworden. Meistens sind Sandra und Alex jetzt abends zuhause in der gemeinsamen Wohnung, die sie schon während der Schwangerschaft bezogen haben. Manchmal passen Sandras Eltern auf Paula auf, dann genießen die beiden die Zeit zu zweit, die seltener geworden ist.



Trotz des Trubels während der Schwangerschaft, hat der 28-jährige Alex es geschafft kurz vor Paulas Geburt sein Studium der Elektrotechnik abzuschließen und hat eine Vollzeitstelle gefunden und kann den Unterhalt der Familie sichern. Auch Sandra hat Pläne: „Ich mache über eine Fernschule mein Abitur und möchte später, wenn Paula in den Kindergarten kommt, Biologie studieren.“, erzählt sie und legt die schlafende Paula in ihren Stubenwagen.

Beratungsstellen für werdende und junge Eltern


http://maps.google.com titel="">Beratungsstellen für werdende und junge Eltern größer angucken

Hannah Klima (21, Germanistik & Skandinavistik) und Charlotte Bodinek (23, Germanistik & Skandinavistik) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

Mehr dazu: