Wie es ist, mit 20 Hautkrebs zu bekommen

Fabienne Hurst

Vor drei Jahren bekam Rebecca aus Freiburg eine Nachricht, die ihr Leben verändert : Sie hat schwarzen Hautkrebs. Wie die heute 23-Jährige ihre Krebserkrankung überstanden hat, und warum sie wütend wird, wenn ihre Freunde ins Solarium gehen:



Der Leberfleck an der linken Seite juckt. Die Zettelchen mit der Waschanleitung, die immer in den Pullis eingenäht sind, scheuern daran. Rebecca geht zum Arzt, sie ist 15 Jahre alt. Rebecca hat sehr helle Haut, Porzellanhaut, blonde Haare, viele Leberflecke. Ein „Risikotyp“ laut der deutschen Krebshilfe. Doch der Arzt schüttelt den Kopf, alles in Ordnung, der Fleck kann bleiben, eine Operation wäre übertrieben. Fünf Jahre später lässt sich Rebecca noch einmal untersuchen, besteht darauf, den Fleck entfernen zu lassen und wird trotz der Beschwichtigungen der Mediziner operiert.


Ein paar Tage vor dem schriftlichen Abi bekommt sie die Ergebnisse der Untersuchung: „Sie haben ein malignes Melanom“, eröffnet ihr die Ärztin. „Zuerst war mir gar nicht klar, was das überhaupt für mich bedeutet“, erinnert sich die 23-Jährige heute. „Ich dachte nur: Wie, ich muss ins Krankenhaus? Das geht nicht, ich schreib' doch Abi!“

Rebecca schreibt ihr Testament

Erst auf dem Weg in die Hautklinik wird ihr bewusst, was die Diagnose Krebs überhaupt bedeutet.  „Plötzlich dachte ich: Du könntest ja vielleicht sterben“, erzählt Rebecca. „Und was habe ich gemacht? Mein Testament geschrieben! Ich wollte festlegen, wer welche Videospiele und Klamotten vererbt bekommt. Völlig bescheuert.“ Rebecca lacht. Es ist ein fröhliches Lachen, hell und freundlich. Ein Lächeln, das sagt: Ich habe den Krebs besiegt.

Die eigentliche Todesursache bei Melanompatienten ist nicht der Primärtumor, der entfernt werden kann, sondern dessen Metastasen in anderen Organen. Da der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose bereits einzelne Tochterzellen über die Lymphbahnen abgesiedelt haben kann, entfernen die Ärzte die vom Krebs befallenen Lymphknoten in der Nähe des Tumors. „Lymphknoten sind quasi die Abfalleimer des Körpers. Die waren in meinem Fall voll – und mussten raus“, erklärt Rebecca. Bei ihr werden alle Lymphknoten unter dem linken Arm entfernt.

18 Monate lang Kopfschmerzen

Auf ihrer Krankenakte liest sie, dass das Melanom circa fünf Jahre alt ist. Ein kleiner Stich für die 20-Jährige – genau damals, als sie zum ersten Mal zum Arzt gegangen ist, war das Melanom also schon da. Ist sie sauer auf die Mediziner, die den Tumor nicht früh genug erkannt haben? „Manchmal bin ich schon ein bisschen wütend, selbst meine letzte Hautärztin wollte den Fleck auch nicht entfernten. Aber mal ehrlich: Es sind Ärzte – keine Heiligen.“ Sie erzählt ihre Geschichte mit einer einnehmenden Atemlosigkeit in der Stimme, kann sich an Details erinnern, tragikomische Anekdoten. „Kurz nach der OP stand der Abiball vor der Tür und ich hatte immer noch einen ganz gelben Arm vom Desinfektionsmittel. Wir mussten stundenlang schrubben!“

Die Operation überstanden, schreibt Rebecca auf gut Glück ein paar Bewerbungen. Sie will Hebamme werden, macht sich aber keine großen Hoffnungen auf eine Zusage. Zur Überbrückung der Wartezeit reist sie an die Ostsee, arbeitet in einem Freizeitheim und beginnt dort mit der Interferon-Therapie zum Aufbau des Immunsystems.

Dreimal pro Woche muss sie sich das Protein unter die Haut spritzen, die Nebenwirkungen belasten sie stark. Sie hat 18 Monate lang Kopfschmerzen, die Haare fallen ihr büschelweise aus. Damit es nicht so auffällt, schneidet sie sich die blonden Haare streichholzkurz. Am schlimmsten aber empfindet sie die Stimmungsschwankungen. „Ich war plötzlich ein ganz anderer Mensch, von einem Moment auf den anderen wurde ich meist grundlos wütend.“ Aus Angst Freunde und Familie mit ihrer aggressiven Art zu verletzten, zieht sie sich immer mehr zurück. „Es fühlte sich so an, als ob ich mir selbst beim Handeln zusehe.“

Im September 2010 beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, sagt aber niemandem, dass sie krank ist. „Ich wollte behandelt werden wie ein gesunder Mensch.“ Sobald jemand erfährt, dass Rebecca Hautkrebs hat, kann er nur schwer damit umgehen. „Entweder die Leute denken: Ja, dann wird eben der Leberfleck entfernt und gut ist. Oder sie denken, ich muss auf der Stelle sterben und behandeln mich auch so. Das ist richtig unangenehm.“ Als Rebecca ihren Schulkameradinnen davon erzählt, werden die meisten sehr still. Eine beginnt zu weinen. „Das war so komisch, ich musste sie sogar trösten! Eigentlich müsste doch ich getröstet werden.“ Doch es ist eine Erleichterung für Rebecca, endlich darüber zu sprechen.

Wie eine Katze im Regen

Alle drei Monate muss Rebecca zur Untersuchung. Auch wenn der Tumor entfernt und die Interferon-Therapie abgeschlossen ist, bedeuten für sie die Besuche in der Freiburger Hautklinik Stress. „Man fragt sich jedes Mal: Finden sie etwas oder nicht? Und wenn nicht, kann man der Diagnose wirklich vertrauen?“ Mittlerweile darf Rebecca wieder in die Sonne gehen, gut eingecremt und nicht in der „Brutzelzeit“, das sind die Stunden von 11 und 15 Uhr. „Vorher war die Sonne mein Feind, wie eine Katze im Regen bin ich von Schattenplatz zu Schattenplatz gehuscht.“

Seit September 2011 besucht sie die Hautkrebs-Selbsthilfegruppe in Freiburg, gegründet von dem Hautkrebspatienten Volker Hodel aus Teningen. Einmal im Monat treffen sich Betroffene, manchmal referieren Experten zu Themenen wie Ernährung oder Therapie-Möglichkeiten. „Es geht hauptsächlich darum, Erfahrungen auszutauschen,“ sagt Volker Hodel. „Man hat so viele Fragen, die man nicht unbedingt einem Arzt, sondern jemandem stellen will, der die gleiche Leidensgeschichte hat.“ In dieser Gruppe sieht Rebecca auch zum ersten Mal Statistiken und erfährt Fakten über ihre Krankheit, die sie zuvor verdrängt hat.



Jedes Jahr erkranken 26 000 Menschen in Deutschland

Wie die meisten Jugendlichen in ihrem Alter hat sich Rebecca bis zur Diagnose nie Gedanken um das Thema Hautkrebs gemacht. Dabei steigt die Anzahl der Krankheitsfälle rapide. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 224.000 Menschen neu an Hautkrebs, davon 198.000 an weißem Basalzell- oder Stachelzellkrebs. Bei 26.000 Menschen in Deutschland wird schwarzer Hautkrebs diagnostiziert, wie bei Rebecca. Daran sterben rund 3.000 Menschen im Jahr.

Der Grund für diesen alarmierenden Anstieg liegt nach Angaben der deutschen Krebshilfe in dem  verbreiteten Wunsch nach Bräune um jeden Preis. Vor allem in jungen Jahren registriert der Körper jeden Sonnenbrand auf seinem „Krebskonto“. Auch junge Menschen sollten sich unbedingt gegen zu viel Sonne schützen, denn Prävention und Früherkennung sind die wichtigsten Waffen gegen den Hautkrebs.

„Cremt euch ein!“, erinnert Rebecca ihre Freunde vor jedem Schritt in die Sonne. Eine Sache macht sie besonders wütend: „Wenn ich jemanden aus einem Solarium gehen sehe, habe ich immer Lust ihn zu schütteln und zu schreien: Sag mal weißt du eigentlich, dass du dich gerade umbringst?“



Schwarzer Hautkrebs

Das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs) entsteht aus den Pigmentzellen der Haut. Demnach ist die Farbe meist schwarz, es gibt jedoch auch helle Varianten, die besonders schwierig zu erkennen sind. Betroffene sind häufig zwischen 50 und 60 Jahre alt, der schwarze Hautkrebs kommt jedoch auch bei jungen Menschen ab 16 Jahren vor. Ein heller Hauttyp mit hoher Sonnenempfindlichkeit ist der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung von Hautkrebs. Für das maligne Melanom stellt die Zahl der Leberflecken einen wichtigen Risikofaktor dar. Wenn mehr als 50 Leberflecken vorliegen, besteht eine besondere Gefährdung.

Dear 16-year-old Me



Quelle: YouTube


Mehr dazu:

[Bild 1: Fabienne Hurst, Symbolbild 2: © wildworx - Fotolia.com; Symbolbild 3: Archiv Badische Zeitung]