Wie es ist, einen Magneten im Finger zu haben

Konstantin Görlich

Peter Marquardt aus Freiburg ist Webentwickler, Musiker, Nerd, Podcaster – und er hat ein Magnetimplantat im Finger. Damit kann der 31-Jährige elektromagnetische Felder spüren. Wie das ist und wofür das gut ist, darüber hat er mit fudder-Autor Konstantin Görlich gesprochen:



Wer braucht einen Magneten im Finger - und wofür brauchst du ihn?


Peter Marquardt:
Ich brauche das überhaupt nicht. Ich hab das gemacht, um die Erfahrung zu haben, wie es ist, einen weiteren Sinn zu haben. Wie ist das, wenn sich dieses Gefühl im Finger nach einer Weile im Gehirn als sechster Sinn manifestiert?

Und ich kann damit ein paar Bar-Tricks, weil einige ferromagnetischen Gegenstände daran haften, Kronkorken zum Beispiel, die ich dann mit einem Finger vom Tisch aufheben kann. Es macht auch unheimlich Spaß, mit ner Büroklammer rumzuspielen. Und natürlich bin ich einer der Ersten auf der Welt, die so ein Ding haben.

Du kannst damit auch elektromagnetische Felder fühlen?

Es ist ein sechster Sinn, der über etwa ein halbes Jahr nach dem Einbau sein volles Potential entwickelt, und das ist total spannend. Natürlich weiß ich, wo ich starke Felder zu erwarten habe. Trafos von Halogenlampen zum Beispiel, oder der Motor eines Tischventilators. Sowas spürt man von Anfang an, weil man es ja erwartet, wenn man es ausprobiert.

Spannend wird es, wenn man ein Feld spürt, mit dem man nicht gerechnet hat. Ich spürte zum Beispiel plötzlich, während ich am Notebook saß, ein Zucken in einer Ecke des Trackpads, und verstand dann, dass das die Festplatte ist, die gerade auf Daten zugreift. Oder das Netzteil des Konferenztelefons in meinem Büro: Das hat ein unglaublich starkes Magnetfeld, auch wenn es nicht in Betrieb ist, und verbraucht so vermutlich eine Menge Strom. Da wäre ich sonst nie drauf gekommen! Oder in manchen Läden, da werden die Diebstahlschutzstreifen auf den Artikeln an der Kasse mit einem sehr starken Magnetfeld entschärft.

Wie fühlt sich ein elektromagnetisches Feld an?

Am ehesten wie eine Vibration, als würde man seinen Finger an eine Lautsprechermembran halten. Der Magnet bewegt sich im Finger hin und her, stärker oder schwächer je nach Stärke und Nähe des Feldes. Die Küchenmaschine meiner Mutter spüre ich zum Beispiel aus anderthalb Metern.

Wenn ich nah dran bin, dann spürt man es auch von außen, wenn man seinen Finger auf meinen legt. Andere Felder sind viel schwächer, die nehme ich viel filigraner wahr, und auch erst seit einigen Monaten.

Ist das wirklich wie ein weiterer Sinn?

Anfangs war es so, dass einfach etwas in meinem Finger vibriert. Aber das Gehirn hat immer wieder diese Erfahrung und kategorisiert das irgendwann als neuen Sinn. Früher war es “Oh, eine Vibration! Hey, das muss ein elektromagnetisches Feld sein!”, jetzt ist es “Hey, ein magnetisches Feld! Ach ja, und eine Vibration”. Würde irgendetwas anderes meinen Finger vibrieren lassen, würde ich inzwischen zu erst an ein elektromagnetisches Feld denken.

Wie lang hast Du den Magneten jetzt schon?

Den Magnet hab ich seit September 2013.

Und wie lange hast Du drüber nachgedacht, bevor du ihn dir hast machen lassen?

Sehr lange, mindestens seit 2006. Auf die Idee kam ich überhaupt, weil eine amerikanische Technologiejournalistin, Quinn Norton, sich aus journalistischen Zwecken so ein Ding hat einsetzen lassen und dann in Wired einen Artikel drüber geschrieben hatte.

Sie hat auch auf dem 23C3, dem Chaos Communications Congress 2006, einen Vortrag über Functional Body Modification gehalten, bei dem es auch um den Magneten ging. So wurde ich darauf aufmerksam, dass das überhaupt geht und was für Vorteile das bringen kann.

Sowas selbst zu haben hab ich dann aber ganz schnell wieder verworfen. Erstens weil sie medizinische Probleme bekam: Die damals noch nicht so ausgereifte Beschichtung des Magneten ging kaputt und ihr Körper hat ihn abgestoßen. Und zweitens aus finanziellen Gründen: Ich hätte in die USA fliegen müssen, und mir das vom Entwickler selbst einsetzen lassen.



Dann hab ich immer wieder von diesen Implantaten gelesen und irgendwann festgestellt, dass es in Deutschland inzwischen auch Piercingstudios gibt, die das anbieten, und dass die Magneten inzwischen die selbe Ummantelung haben, wie medizinische Implantate.

Also hab ich bei meinem Piercer, wo ich gerade eine Woche vorher einen Ohrring bekommen hatte, nachgefragt - in der Erwartung, sie würden nein sagen. Schließlich gibt es in Deutschland nur eine handvoll Studios, die das machen. Aber hier in Freiburg, bei Visavajara, sagten sie: „Ja, klar, machen wir!“ Dann haben sie mir alles erklärt: wie die Prozedur aussieht, wie so ein Magnet aussieht, wie stark der sein kann, was sie für Erfahrungen damit haben.

Zehn Finger - ein Magnet. Wie hast Du Dir ausgesucht, wo der reinkommt?

Ich hab mir die Außenseite vom Ringfinger der linken Hand ausgesucht, weil man damit recht wenig greift und weil ich Rechtshänder bin. Meine Sorte Magnet ist recht groß, was den Vorteil hat, dass er relativ stark ist, aber auch den Nachteil, dass es mal kurz weh tut, wenn ich Druck drauf bekomme, zum Beispiel wenn ich etwas greife. Zwischen Knochen und Haut ist einfach relativ viel Magnet und relativ wenig Gewebe.

Hat’s weh getan?

Ja klar! Der Piercer darf ja nicht lokal betäuben, er ist ja kein Arzt! Man sollte also etwas schmerzresistent sein. Es wird mit einer dicken Nadel von der Hand weg in die Fingerspitze gestochen, ein wenig Fettgewebe entfernt und der Magnet reingedrückt. Der Einstich ist aber sehr klein und ist schnell wieder verschlossen.

Dann hab ich in dem Finger erstmal etwas weniger gespürt, weil dabei natürlich ein paar Nerven draufgingen. Die haben sich aber nach ein bis zwei Monaten wieder komplett neu gebildet, so dass ich da wieder genau so viel Berührungsempfindlichkeit hab, wie vorher.

Functional Body Modification ist das ja. Wie hältst Du’s mit Bodymods, die keine Funktion haben, außer vielleicht ne künstlerische? Ist das was völlig anderes?

Ich glaub, das fließt so ein bisschen ineinander über. Für mich ist es nicht ‘functional’, wenn sich jemand mit seinen Body Modifications hinterher an die Decke hängen kann, für ihn vielleicht schon. Für mich ist das was völlig anderes. Über Ohrringe hinaus wäre ich vorher nie auf die Idee gekommen, mir irgendwas implantieren zu lassen, wo ich dann zum Beispiel Hörner an der Stirn hab.

Jetzt, wo ich den Magneten im Finger habe, ist das wie eine Einstiegsdroge. Man sieht den zwar nicht, wenn man nicht ganz genau hinguckt, aber inzwischen wäre ich wohl bereiter, mir auch ein anderes Piercing zu holen, das man auch sieht.

Aber eher ein funktionales, oder?

Gerne. Aber das ist schwierig. Transdermale, die also durch die Haut gehen, sind unglaublich schwierig zu pflegen, weil das ja nie richtig abheilt, und weil sie kaum Belastungen vertragen. Man kann also eigentlich nichts daran anschließen.

Selbst für den Magneten muss man schon etwas verrückt sein, oder?

Ja. Ich bin jemand, der gern mal spontan entscheidet, aber grundsätzlich kein risikofreudiger Mensch, grad wenn’s um den eigenen Körper geht. Ich hab vorher wirklich das ganze Internet leergelesen über diese Implantate, und was das so mit sich bringt. Ich kann zum Beispiel sehr wahrscheinlich nicht in einem Magnetresonanztomographen untersucht werden, ohne dass der Magnet vorher entfernt wird, denn das sehr starke Magnetfeld würde ihn mir sonst wohl einfach aus dem Körper reißen.

Ein Trend wird es vielleicht nicht, aber werden mehr und mehr Leute das haben?

Ja. Es wird immer einfacher und günstiger: ich habe 50 Euro für den Magneten und 150 Euro für den Einbau bezahlt. Ich merke auch am Feedback auf meine YouTube-Videos, daß das Thema an Fahrt gewinnt. Und es gibt ja auch Berufe, in denen so ein Magnet sinnvoll sein kann, zum Beispiel Elektriker, die dann von außen spüren können, ob irgendwo Strom drauf ist.

Es ist aber auch durchaus praktisch, wenn ich etwas repariere, und kleine Schrauben aufheben muss und nicht verlieren will. Die haften dann am Finger und ich kann die einfach wieder abpflücken, wenn ich sie brauche. Als meine Mutter einen neuen Induktionsherd bekam, konnte ich ganz einfach herausfinden, welche ihrer Töpfe darauf funktionieren werden, und welche nicht.

Das Experiment ist also geglückt und behältst deinen Magneten?

Ja, wenn es keinen triftigen Grund gibt, den irgendwann rausnehmen zu lassen, dann bleibt der da drin. Ich hab mich sehr daran gewöhnt, diesen Sinn zu haben, und auch die Haftfähigkeit, damit rumzuspielen. Ich würde beides einfach vermissen.

The strong Magnet in my Finger - Part 1

Quelle: YouTube


The strong Magnet in my Finger - Part 2

Quelle: YouTube


The Speaker in My Finger

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

  [Disclosure: Peter Marquardt hat seinen Magneten im Piercingstudio des Lebenspartners von fudder-Redakteurin Caro Buchheim einsetzen lassen. Caro war jedoch weder an der Planung dieses Artikels noch an seiner Redigatur beteiligt.]