Wie es ist, ein Avatar zu sein

Sophia Spillmann

Im Oktober 2006 hat die Bevölkerung von Second Life noch aus einer Million Menschen bestanden. Schon acht Wochen später hat sich die Anzahl der Avatare auf zwei Millionen verdoppelt, gegenwärtig sind knapp vier Millionen Benutzer registriert. Je nach Tageszeit tummeln zwischen 15 000 und 30 000 Personen in Second Life "in world". Was ist das faszinierende an Second Life, das immer mehr Menschen dazu bewegt, sich zu registrieren? Wie ist es, ein Avatar zu sein? Ein Gespräch mit cms, der für fudder sechs Wochen lang aus dem Second Life berichtete.



Second Life ist eine virtuelle Welt, die in den vergangenen Monaten ungemein schnell gewachsen ist. In den letzten Wochen hast du für fudder aus Second Life berichtet. Bist Du auch vom Second-Life-Virus infiziert worden?

Nein, ganz bestimmt nicht. Mir gefällt das reale Leben einfach zu gut. Ich muss nicht unbedingt auch noch über Second Life ganz viele Leute aus Amerika, Schweden oder Brasilien kennenlernen. Das virtuelle Leben ist in meinen Augen kein Ersatz für die Erlebnisse, die man in der realen Welt haben kann. Klar, man kann dort spazierengehen oder am Strand liegen, aber man spürt keinen Sand und keine Sonne. Virtueller Sex ist albern. Man sieht, wie die Avatare ihre Pixel ineinander schieben und sich über Chat dabei anfeuern.

Welches Bedürfnis treibt Menschen in dieses zweite Leben?

Dass es viele gibt, die sich stundenlang in der virtuellen Welt bewegen, hat meiner Meinung nach vor allem damit zu tun, dass Leute in der wirklichen Welt nicht so leicht ihren Geltungsdrang befriedigen können wie im Second Life. In der virtuellen Welt kann man das Geschlecht wechseln, man kann sich sein Aussehen aussuchen, man kann aus sich rausgehen, man kann seine Träume ausleben. Die Anderen wissen ja nicht, wer man ist. Sex ist natürlich eine große Sache. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Wirtschaft, das reale Geld, das man in einer virtuellen Welt verdienen kann. Das ist aber nur für einen kleineren Teil interessant.

Was sind das für Menschen, die solch ein zweites Leben führen?

Die meisten sind wahrscheinlich erstmal neugierig und wollen schauen, was das Internet zu bieten hat. Internet ist in der westlichen Welt ein Unterhaltungsfaktor. Als Avatar kann man in ferne Länder reisen, ohne einen Fuß aus der Wohnung zu setzen, beherrscht Sportarten, ohne sie je gelernt oder geübt zu haben. Für Second Life braucht man erstmal nur wenig Backgroundwissen.

Vorhin hast du gesagt, dir würde die reale Welt zu gut gefallen, um viel Zeit im Second Life zu verbringen. Heißt das, dass hartgesottene Second Life Fans mit ihrem Leben unzufrieden sind?

Auf keinen Fall. Das Second Life bietet ja auch Anreize, wie zum Beispiel, dass man Geld verdienen kann. Es trifft aber schon zu, dass es auch ein Rückzugsort für Leute ist, die mit ihrem Leben in der wirklichen Welt nicht zufrieden sind.



Und was bietet ihnen diese Welt? Welchen Nutzen zieht man daraus?

Der größte Nutzen ist, dass man Geld verdienen kann. Der Unterhaltungsfaktor spielt eine große Rolle. Second Life ist Ausdruck unserer Konsumgesellschaft. Der Punkt ist erreicht, an dem wir unser Konsumbedürfnis nicht mehr nur in der Realität, sondern auch in der virtuellen Welt befriedigen wollen.

...Kommunikation?

Das ist natürlich ein Argument, das viele bringen. Ich konnte sie aber nicht so erleben. Ich ziehe es vor, mich mit einem realen Menschen zu unterhalten.

Hast du im zweiten Leben neue Freundschaften geschlossen?

Ich habe ein paar Freundschaften geschlossen, beispielsweise mit einem Schweden, denn ich kurz nach meinem Einstieg ins Second Life kennengelernt habe. Gegen Ende habe ich ihn mal wieder getroffen. Bleibender Eindruck:
Freundschaften zu schließen geht auf Knopfdruck und meist sehr schnell vonstatten. Das ist nichts, was ich als wirkliche Freundschaft bezeichnen würde.

Wie kann man sich in so einer riesigen virtuellen Welt überhaupt wiederfinden?

Namen kann man mit einer Suchfunktion finden. Bei Freunden wird angezeigt, ob sie offline oder online sind.

Wie gestalten sich menschliche Beziehungen im Second Life?

Man muss davon ausgehen, dass keinerlei Sicherheit geboten wird. Alle Informationen, die du über einen anderen User hast, können gefaked sein, man weiß nie, ob der Benutzer hinter dem anderen Avatar Mann, Frau oder Kind ist. So was muss einem dann egal sein, die Reallife-Fakten interessieren die meisten Second Lifeler wahrscheinlich gar nicht.

Besteht die Gefahr, dass die Grenzen zwischen virtueller und wirklicher Welt verwischen?

Wer in der wirklichen Welt versucht, zu fliegen, wird höchstens auf die Schnauze fliegen, soviel ist klar. Die Grenzen sind sogar schon verwischt, dadurch, dass man in der Virtualität reales Geld mit Produkten machen kann, die immer nur virtuell bleiben werden.

Kann Second Life süchtig machen?

Ich denke, der Suchtfaktor ist immens. Je mehr Zeit man im virtuellen Leben verbringt, desto größer wird vermutlich die Gefahr. Je mehr Freunde man hat, je mehr Zeit man bereits in seinen Besitz investiert hat, desto schwerer fällt es, davon abzulassen. Es gibt Leute, die den größten Teil des Tages im Second Life leben und während dieser Zeit auch nichts essen und keine Anrufe entgegen nehmen. Die legen dann auch mehr Wert auf virtuelle Kontakte als auf reale. Da kann man schon von einem Realitätsverlust sprechen. Für mich wäre es nichts, mehr Zeit in Second Life als in der wirklichen Welt zu verbringen. Das ist dann mehr als nur eine digitale Geschichte und das ist eben auch der Aspekt, den ich bedrohlich finde.



Wie im wirklichen Leben geht es im Second Life auch um Sex...

Es geht sogar noch mehr um Sex als im wirklichen Leben. Fakt ist, dass es viele Leute gibt, die wegen Sex im Second Life sind, vielleicht wegen Bedürfnissen, die sie im realen Leben nicht ausleben können.
Sex im Second Life findet in Swingerclubs statt. Diese nennen sich beispielsweise „Free Sex Paradise“ und es ist möglich, reale, meist sehr detaillierte Bilder hochzuladen.
Geschlechtsorgane muss man geschenkt kriegen oder kaufen. Die ganze Sache ist schon sehr interessant, aber nach einiger Zeit denkt man auch "Ihr spinnt doch alle!"

...und um Geld.

Sex und Geld sind wirklich die wichtigsten Faktoren. Anshe Chung, die erste Second Life Millionärin, hat vorgemacht, dass man in der virtuellen Welt sehr viel Geld verdienen kann. Australische Medien haben ausgegraben, dass sie auch mal einen Begleitservice angeboten hat, als sie es noch als Online-Rollenspiel verstanden hat. Unternehmen sind präsent im Second Life und suchen dort mittlerweile Mitarbeiter für die reale Welt, Bewerbungsgespräche werden also virtuell geführt.
Viel Geld fließt aber auch in der Immobilienbranche. Firmen programmieren Immobilien. Man muss aber nicht Programmierer sein, um Geld zu verdienen. Ganz simpel sind zum Beispiel Geldstühle. Man setzt sich drauf und kriegt im 10/15 Minuten Takt Linden-Dollar. Reich werden kann man damit allerdings nicht.

Welches Erlebnis wird dir am stärksten in Erinnerung bleiben?

Die Italienerin, die meinte, die Insel, die sie in Second Life ihr Eigen nennt, sei ihr Zuhause.

Was ist es für ein Gefühl wenn dir jemand einen Penis zum Kauf anbietet?

Rockt micht nicht wirklich. Ganz am Anfang meiner Zeit als Avatar hat eine Frau mir übrigens Nippel geschenkt, und meinte: "Die wirst du noch brauchen."

Wie werden sich diese virtuellen Welten deiner Einschätzung nach weiter entwickeln?

Second Life ist graphisch eine Katastrophe. Da wird sich auf jeden Fall viel tun in der nächsten Zeit. Linden Lab ist ziemlich überfordert. Die Software wird etwa  einmal pro Woche upgedatet. Interessant ist, dass Abläufe, die digitalisiert wurden, wie zum Beispiel Online-Banking, nun wieder personalisiert werden können. Die holländische Bank ABN Amro ist bereits in Second Life vertreten. Auch für Online-Shopping eröffnen sich nun ganz neue Dimensionen. Shoppen ist ein Gemeinschaftserlebnis, aber nicht immer hat man die Zeit, sich mit seinen Freunden zu treffen und in die Stadt zu gehen. Second Life könnte genau diese Möglichkeit bieten, indem Avatare sich verabreden und Artikel im Shop anprobieren können. Diese Marktlücke wird sicher bald gefüllt sein.

Schon länger gibt es Gerüchte darüber, dass Google Earth eine fotorealistische Welt starten will. Parallel zu meinen eigenen ersten Schritten in Second Life habe ich das Buch 'Snow Crash' gelesen. Es wurde vor 15 Jahren geschrieben und zumindest die virtuelle Komponente, die darin beschrieben wird, ähnelt Second Life. Wenn man das Buch gelesen hat, kann man sich vorstellen, was noch auf uns zukommen wird. Ich bin überzeugt, dass Second Life nur der Anfang ist.

Wirst Du dein zweites Leben weiterführen?

Ich werde es ganz sicher weiterführen, wenn auch in vermindertem Umfang. Ich bin gespannt, wie Second Life sich weiterentwickelt.