Wie es auf einer Metal-Kreuzfahrt nach Jamaika zu geht - eine Südbadener Metal-Legende erzählt

David Weigend

Musikfestivals sind meist eine schlammige oder staubige Angelegenheit. Nicht so das Metal-Festival "70000 Tons of Metal" – das findet auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik statt. Die legendäre Thrash-Metal-Band Destruction aus Weil ist mitgefahren. Redakteur David Weigend hat mit Marcel "Schmier" Schirmer über das Phänomen "Metal Cruise" und die Auftritte auf hoher See gesprochen.



Schmier, du bist mit Destruction im Januar bei der „70000 Tons of Metal“-Kreuzfahrt dabei gewesen. War das euer erstes Mal auf einem Konzert-Schiff?

Nein, das dritte Mal. 2007 waren wir schon bei der Sweden Rock Cruise dabei, eine Metal-Kreuzfahrt zwischen Schweden und Finnland. Das war allerdings ein ziemliches Saufgelage. Alle Fans total dicht, weil der Alkohol viel billiger war als auf dem skandinavischen Festland. An Schlafen war nicht zu denken, da wurdest du 24 Stunden lang mit Metal zugenagelt. Ich feiere ja gern mal, aber das war mir echt zu heftig.

Und bei „70000 Tons of Metal“ ging es manierlicher zu?

Oh ja. Keine Besoffenen, keine Schlägereien, keine Probleme. Bevor wir in Florida an Bord gingen, hatten wir zwar Bedenken, da du als Musiker auf so einem Schiff ja keinerlei Abgrenzung zu den Fans hast. Das kann ganz schön nervig sein. Aber die Fans waren total relaxt. Man unterhält sich an der Bar, aber du hast nicht dieses Paparazzi-Ding. Insgesamt waren 5270 Menschen an Bord, davon 3000 Metalheads aus aller Welt.

Das Schiff ist aber so riesig, dass sich diese Menschenmasse verläuft. Du fühlst dich nicht beengt und hast auch mal deine Ruhe. Sogar der Kapitän fand es entspannt. Er sagte zu mir: „Normalerweise haben wir hier die reichen Amis an Bord. Die kippen sich fünf Whiskey hinter die Binde und danach hauen sie sich die Fresse ein. Das ist mit Euch Metal-Leuten ganz anders.“ Das Einzige, was nicht so gut lief, war der Wellness-Bereich.

Die Kreuzfahrt dauerte vier Tage, die Route verlief von Florida nach Jamaika und zurück, insgesamt spielten auf vier Bühnen 60 Bands. Quasi ein Wacken auf dem Metalmeer. Wieviel verdienst du, wenn du bei „70000 Tons“ anheuerst?

Die Gage ist gering und du bekommst auch als Musiker an Bord keine Extras. Die alkoholischen Getränke zum Beispiel muss ich genauso bezahlen wie jeder normale Passagier. Du gehst nicht auf dieses Schiff, um Geld zu verdienen, sondern fürs Renommee.

Es ist ein Wahnsinnserlebnis. Viele junge Bands spielen da praktisch für Kost und Logis, die Flugtickets kaufen sie sich selber. Bei anderen fließt schon Geld. Michael Schenker hat sicher eine gute Gage bekommen. Oder Arch Enemy, die haben die meisten Leute gezogen.



Für den jüngeren Fan  ist die Fahrt auf dem Metal-Kreuzfahrtschiff ein teures Vergnügen. Ein Ticket kostet bei „70000 Tons“ um die 1000 Dollar, für die  „Full Metal Cruise“  ab 1200 Euro.

Das stimmt. Für viele junge Menschen sind diese Fahrten allerdings der Höhepunkt des Jahres, für den sie monatelang sparen. Natürlich verursacht der Preis Exklusivität, aber dafür feierst du eine Art Familientreffen auf einem Luxusschiff. Du stehst mit einem Cocktail an Deck und schaust dir deine Lieblingsgruppen an. Das ist schon ziemlich abgefahren. Viele Fans hängen an die Kreuzfahrt noch ihren Jahresurlaub dran.

Wie hast du den Destruction-Gig auf dem Schiff in Erinnerung?

Wir haben zweimal gespielt. Einmal im großen Theater vor 3000 Menschen und einmal im sogenannten Eishockey-Ring. Eigentlich hätten wir an Deck auftreten sollen, aber dafür war an diesem Abend das Wetter zu schlecht. Schwerer Seegang, Sturm und Regen.

Da wird’s ganz schön wacklig. Ist eh ein seltsames Gefühl, wenn du zum Mikrofonständer läufst und merkst, wie der schwankt. Außerdem hatte ich mir an diesem Abend beim Landgang auf Jamaika ’nen üblen Sonnenbrand geholt, weil ich den Lichtschutzfaktor bei der Sonnencreme verwechselt hatte. Wenn dann die heißen Bühnenlampen auf deine Haut brennen, brauchst du danach echt Abkühlung.

Gab es so etwas wie einen badischen Moment bei eurem Auftritt?

Klar. Nimm zum Beispiel den Song „Bestial Invasion“. Den haben wir, wie meistens, zuletzt gespielt. Die Leute fahren total drauf ab, das ist Thrash der alten Schule. Der Song ist von 1985, ich war 17, als wir den geschrieben haben. Meine Mutter musste damals noch den Plattenvertrag für mich unterzeichnen. Der Song entstand in unserem Proberaum in Istein im Markgräflerland, im Keller des damaligen Bürgermeisters Pius Schwanz.

Wir wollten ursprünglich im Raum der örtlichen Guggenmusik proben, aber der Gemeinderat stimmte dagegen, weil die Angst hatten, dass wir deren Instrumente zerstören. Schwanz fand das uncool und sagte: „Dann probt halt bei mir.“ Da haben wir dann „Bestial Invasion“ komponiert. Irgendwann haben sich dann die Nachbarn über den Krach beschwert und wir mussten uns was Neues suchen.

Was hat dich während der Metal-Kreuzfahrt persönlich berührt?

Eine junge Frau war für ein Online-Magazin an Bord und führte mit mir ein Interview. Die Sonne schien, wir blickten auf den Ozean, ein herrlicher Tag. Plötzlich fing sie an, zu heulen und sagte mir, dass sie schwer krank sei. Auf dem Schiff hatte sie das erste Mal die Möglichkeit, ihre Rock-Heroes kennenzulernen. Das war für sie das Allergrößte. Denn sie wusste nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Das hat mich ziemlich mitgenommen.

Zur Person

Marcel „Schmier“ Schirmer ist Sänger und Bassist der Band Destruction. Sie wurde 1982 in Weil am Rhein gegründet und gilt als das badische Aushängeschild für Metal schlechthin. Neben Kreator, Sodom und Tankard zählt Destruction zu den „Big Teutonic 4“ – den vier erfolgreichsten Thrash-Bands der Republik. Schirmer lebt in Lörrach.