Krankheit

Wie eine junge Frau in Freiburg ihrem krebskranken Freund aus Nicaragua hilft

Anika Maldacker

Natascha Giadone hat in Freiburg studiert und kämpft um das Leben ihres Freundes Yader aus Nicaragua. Er hat zum dritten Mal Krebs, die Ärzte sind skeptisch – die Behandlung kostet mehrere tausend Euro.

Natascha Giadone sitzt in der Wohnung ihrer Schwester in Denzlingen. Hinter ihrem Rücken erstreckt sich das Kandelmassiv. Draußen sind es 26 Grad. Natascha trägt trotzdem Pulli und lange Jeans. "Seit ich wieder in Deutschland bin, ist mir ständig kalt", sagt sie. Am 3. Juli ist sie aus Nicaragua nach Deutschland zurückgekehrt. Sie kam mit ihrem krebskranken Freund Yader Zamora. Diagnose: Halskrebs. Hinter Natascha liegen anstrengende Wochen, die nächsten Monate könnten noch härter werden. Denn die Ärzte haben Yader und ihr wenig Hoffnung gelassen und die Chemo- und Strahlentherapie wird voraussichtlich knapp 60.000 Euro kosten. Trotzdem wirkt Natascha gefasst, freundlich und optimistisch.


Und das, obwohl die 29-jährige, die in Bonndorf aufgewachsen ist, vor einer großen Herausforderung steht. Denn da der 34-jährige Yader in Deutschland nicht krankenversichert ist, werden die Behandlungskosten nicht übernommen. Yader und Natascha müssen die Kosten für Behandlung und Nachuntersuchung selbst aufbringen. Fast 32.000 Euro haben sie und ihre Schwester Nicoletta bisher durch eine Crowdfunding-Kampagne gesammelt.

Der Krebs am Hals verfolgt Yader schon länger

Natascha weiß, dass es schlecht aussieht. Denn Yader kämpft schon seit Jahren mit Tumoren am Halsbereich. "Das erste Mal bekam er die Diagnose 2015", sagt Natascha, "da war es aber nur ein kleiner Tumor im Stimmband, der entfernt werden konnte." Nach einer Chemo- und Strahlentherapie hätten die Ärzte damals noch gesagt, er brauche sich keine Sorgen zu machen.

Damals lebte Natascha noch nicht in Nicaragua bei Yader, die beiden waren noch kein Paar. Kennengelernt hatten sie sich 2010, als Natascha nach dem Abitur für ein Jahr in dem Kinderhilfsprojekt Sonflora im Stranddorf Poneloya am Pazifik einen Freiwilligendienst absolvierte. Yader arbeitete dort als Hausmeister. Damals waren sie nur Kollegen. Nach einem Jahr kehrte Natascha nach Deutschland zurück, studierte in Freiburg Ibero Cultura. Sieben Jahre später, nach ihrem Studienabschluss ging sie im Januar 2017 nach Nicaragua zurück. "Ich wollte immer zurück, weil mir das Projekt am Herzen lag", erinnert sich Natascha. Es sollte nur eine Übergangslösung sein, bis sie wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

Doch dann verliebten Yader und sie sich. Das war Anfang 2017, gerade als bei Yader zum zweiten Mal Krebs diagnostiziert wurde. Der damals 32-Jährige wurde im März 2017 wieder operiert, der gesamte Kehlkopf und das zweite Stimmband herausgenommen. Danach konnte Yader nicht mehr sprechen, ihm wurde ein Tracheostoma eingesetzt, mit dem er seither atmet. "Danach hat er sich seine eigene Art zu sprechen beigebracht, indem er in den Backen Luft sammelt und beim Ausatmen spricht", sagt Natascha. Sie entscheidet zu bleiben. Im April 2017 kehrt sie nach Freiburg zurück, kündigt ihr WG-Zimmer und verkauft all ihre Sachen.

Der Rückschlag

Doch im April 2019 blutet er aus seinem Tracheostoma. In der Klinik in Nicaragua wird beschwichtigt, Yader wird von Arzt zu Arzt geschickt, am Ende wollen die Ärzte seine Speiseröhre entfernen, obwohl die gar nicht vom Krebs befallen war. Yader reicht es. "Er sagte nur, dass wenn das die einzige Möglichkeit ist, er lieber nichts machen wolle", erinnert sich Natascha. Ihre Schwester Nicoletta, die in Denzlingen wohnt, schlägt vor: Kommt nach Deutschland. Innerhalb von zwei Wochen bereiten Natascha und Yader alles vor. Es muss schnell gehen, denn der Tumor hatte sich innerhalb einer Woche stark ausgebreitet.

Einen Tag nach der Ankunft geht das Paar an die Freiburger Uniklinik. "Die Ärzte haben ihn angeschaut und sofort gesagt, dass der Tumor inoperabel sei", erzählt Natascha. Eine Bestrahlung, so die Ärzte, sei der einzige Weg. "Sie haben gesagt, dass wir uns nicht zu viel Hoffnung machen sollten", erinnert sich Natascha. Trotzdem will Yader alles versuchen. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn zu nichts zwingen werde und es auch verstehen kann, wenn er nichts mehr machen wolle", sagt Natascha.

Die Therapie hat begonnen

Am vergangenen Donnerstag hat Yaders Therapie an der Freiburger Uniklinik begonnen. Das Geld für die Strahlen- und Chemotherapie haben Natascha und ihre Familie inzwischen Dank vieler Spenden beisammen. Doch sie sammeln weiter für Nachuntersuchungen. Erst am Sonntag hatten sie in einem Freiburger Café eine Spendenaktion organisiert. "Wir hatten auch überlegt zu heiraten, damit Yader mit mir familienversichert ist", sagt Natascha. Aber dafür bräuchten sie Papiere vom Konsulat, müssten nach Karlsruhe fahren. "Das kann er im Moment nicht, er ist zu schwach." Kurz nach seiner Ankunft in Deutschland hat er zudem eine Infektion bekommen. Nun kann Yader nicht mehr essen und wird über eine Magensonde ernährt.

Für Natascha fühlt sich das alles wie ein 24-Stunden-Job an. "Mir ging es schlechter in Nicaragua", sagt sie. Dort habe sie sich hilflos gefüllt. "Aber es ist schon anstrengend", sagt Natascha, "ich bewundere Yader, er will leben. Und ich habe die Krankheit ja nicht. Ich will einfach für Yader da sein, damit es ihm gut geht." Yader und sie sind mittlerweile optimistisch. "Ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Ärzte sagen, dass man nichts mehr machen könne", sagt Natascha. Aber sie sagt auch das, ohne die Beherrschung zu verlieren: "Bei ihm ist es schon wahrscheinlich, dass der Krebs wiederkommt." Oder: "In Südamerika spricht man anders über den Tod, da ist es kein Tabuthema wie hier."

Am Ende geht die Reise wieder nach Nicaragua

Auf ihrer Suche nach einer Finanzierung hat Natascha auch schon bei der Deutschen Krebshilfe angeklopft. "Aber die unterstützen nur Deutsche", sagt Natascha. Andere, beispielsweise kirchliche Einrichtungen, wollten die Spendenaktion auch nicht in ihrem Namen lancieren. Und die Crowdunding-Plattform, über die Natascha sammelt, zahlt den gespendeten Beitrag nur häppchenweise aus.



Vier bis fünf Monate sollten Yader und Natascha laut der Ärzte für die Therapie und die Nachuntersuchung einplanen. "Eigentlich machen wir nun eine Behandlung und wissen gar nicht, wie es ausgeht", sagt Natascha. "Aber wir machen keine Pläne mehr." Danach – egal ob die Therapie erfolgreich ist oder nicht – wollen die beiden wieder zurück nach Nicaragua. Das restliche gesammelte Geld will Natascha eventuell für einen medizinischen Rückflug nutzen. "Ich will ihn auf jeden Fall seiner Familie wiederbringen."
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