Wie eine Freiburgerin nach Mazedonien fuhr, um Flüchtlingen auf ihrer Reise zu helfen

Katharina Liebke

Wenn Syrer nach Europa flüchten, kommen sie über den Balkan. Nachts hat es dort Minusgrade, die Flüchtenden brauchen Schuhe, Pullis, Schals. Die Freiburgerin Katharina Liebke fuhr nach Mazedonien, um zu helfen - und hat dort festgestellt, wieviel Glück sie im Leben hatte:



Eine Selbsterfahrung, so der Duden, bedeutet "das Sich-selbst-verstehen-Lernen durch Sprechen über sich selbst und seine Probleme und durch Konfrontation mit ähnlichen Problemen bei Anderen". Konfrontation kann man das auf jeden Fall nennen, was ich Mitte Dezember als Teil des Teams von "BalkansRelief" in Mazedonien, an der Grenze zu Serbien, erlebt habe.


Die Gruppe "BalkansRelief" gründete sich im November diesen Jahres, als Reaktion auf die Geschehnisse an den Grenzen verschiedener Balkanländer. Studenten aus Ländern wie Großbritannien, Dänemark und Deutschland schlossen sich zusammen, um über Crowdfunding Geld zu sammeln und dieses in absehbarer Zeit vor Ort in Sachspenden zu verwandeln. Wichtig dabei war, dass die Gruppe durch ihre Größe flexibel sein und spontan entscheiden konnte, wo Hilfe nötig sein wird. Und es funktionierte: Innerhalb von acht Wochen konnten via Facebook, Mailverteiler, Partys, Kuchen und T-Shirt-Verkäufe mehrere tausend Euro eingenommen werden.

Als die drei Hauptorganisatoren von "BalkansRelief" im Dezember nach Mazedonien starteten, um die Lage vor Ort zu checken, sagte ich zu, bei Bedarf hinterherzufahren. Ich rechnete nicht wirklich damit, zu wenig war Mazedonien in den Nachrichten gewesen, um ein sogenannter "Brennpunkt" zu sein, wo täglich tausende Menschen passieren. Doch dann kam sie, die Nachricht: Ja, sie könnten mehr Hände gebrauchen, jeden Tag kommen mehrere tausend Menschen mit Zügen aus Griechenland an. Ich war überrumpelt, buchte aber zusammen mit einer Freundin einen Flug für den nächsten Tag nach Skopje, Mazedonien.

Dort angekommen, ging es direkt mit dem Mietwagen an die Grenze, in ein sogenanntes "Camp", ein Durchgangslager auf dem Weg gen Westen. Es ist ein nicht wirklich zu beschreibendes Gefühl, wie es ist, dieser sehr oft diskutierten "Flüchtlingsproblematik" plötzlich wirklich nah zu sein und gleichzeitig doch gar nicht zu wissen, auf was man sich einlässt.



Als wir auf den Platz fuhren, war ich irritiert. Werden wir hier wirklich gebraucht? Große Banner von UNHCR, DRK, SOS-Kinderdorf und Terres des Hommes wehten über weißen Containern und riesigen Zelten. Doch wie sich herausstellte, gehörten zu den Bannern kaum zuständige Menschen und wenn, waren diese nur sehr selten anzutreffen. Es war schnell klar, dass Hilfe gebraucht wird - und die kam: Durch viele Freiwillige, auch viele Mazedonier, die sich in Schichten abwechselten, war das Camp bald ganz gut aufgestellt.

Mit dem über die Plattform youcaring.com gesammelten Geld kauften wir Tag für Tag mehrere hundert Handschuhe, Schals, Mützen, Socken, Leggings und einige paar Schuhe, um diese während den Nachtschichten im Camp an die Menschen verteilen zu können. Zusätzlich gab es viele Kleiderspenden, die vermutlich aus Altkleidersammlungen an die verschiedenen Grenzen und Brennpunkte Europas verteilt werden. Zwei Drittel waren meist unbrauchbar, weil Sommersachen, und es wurde zu einer unserer größten Geduldsaufgabe, die Kleider immer wieder auszumisten und zu sortieren. Das Rote Kreuz stellte Essens- und Hygienepakete; allerdings nicht genug Helfer, um die Pakete austeilen zu können, wodurch auch immer wieder jemand von uns sechs Freiwilligen mitanpacken musste/durfte.



Und so standen wir, mal besser, mal schlechter vorbereitet, sortiert und gerüstet da, wenn der erste Zug unserer Schicht ankam. Oft etwas desorientiert, mitten im Nichts in der Kälte aus dem Zug gescheucht, stolperten viele junge Männer, aber auch Familien mit mehreren Kindern und alte Männer und Frauen aus den Wagons. Pro Zug mindestens 500 bis höchstens 1000 Menschen, die mit "offiziellen" griechischen Papieren das Privileg haben, weiterreisen zu dürfen, da sie Syrer, Afghanen oder Iraker sind.

Und dann standen wir da, hinter unserem "Tresen" im Container und verteilten die Mützen, Schals und Handschuhe, mussten irgendwie entscheiden, wer die warme Winterjacke aus den Kleiderspenden bekommt oder wer die paar zur Verfügung stehenden Schuhe wohl am ehesten nötig hat. Die Temperaturen sanken nachts auf -5 bis -8 Grad, die nächste Möglichkeit mit dem Zug weiterzukommen, lag 14 Kilometer entfernt; die Zubringerbusse hatten von 23 Uhr bis 7 Uhr morgens Pause. Das bedeutet mindestens eine Nacht in den unbeheizten UNHCR-Zelten oder am einzigen kleinen Holzofen mit einem Chai-Tee in der Hand und drei Decken auf dem Rücken zu warten, voller Hoffnung auf den nächsten Morgen. Zum Glück gab es für Frauen und Kinder von SOS-Kinderdorf und Terres des Hommes jeweils ein beheiztes Zelt.

Nicht zu vergessen sind aber auch die Menschen mit noch weniger Privilegien, die aus Ländern, wie dem Iran oder aus Somalia kommen. Dort, wo die politische Lage und die Bürgerkriege noch nicht schlimm genug sind, als dass sie nach Europa "dürften". Diese Menschen sah man dann auf den Rückwegen vom Camp, einige Kilometer von der Grenze entfernt, auf der Autobahn aus dem Lieferwagen springen und einfach nur rennen, weg von der Polizei.

Jetzt versuche mal in Worte zu fassen, wie du dich dabei fühlst. Du, der die Möglichkeit hat, wenn du die Kälte nicht mehr aushältst, ins Auto zu steigen und die Heizung aufzudrehen. Du, der nach einigen Stunden Frieren weiß, dass eine geheizte Wohnung auf dich wartet. Du, der im Kleiderschrank zuhause noch mehr Wollpullover hat. Du, der einfach mal ins Flugzeug steigt und innerhalb von 3 Stunden wieder Zuhause, in der Heimat, ist. Du, die du mit blonden Haaren da stehst und der mit leuchtenden Augen „Almanya!?“ zugerufen wird.



Und dann die Menschen, die voller Hoffnung sind auf ein besseres Leben, auf ein Leben in Sicherheit. Menschen, die diese Flucht, so hat man den Eindruck, oft wie in einem Tunnel, mit starrem Blick geradeaus durchlaufen und einfach hinter sich bringen wollen.

Ja, Almanya, Deutschland. Da bin ich wieder, in Sicherheit, im Warmen, in meinem Leben. Nach nur so kurzer Zeit ist es irgendwie anders und doch so gleich. Ich wurde konfrontiert mit Problemen Anderer; mit derart großen Problemen, dass es kaum vorstellbar ist. Diese Probleme hatte ich noch nie und werde sie höchstwahrscheinlich auch nie haben; einfach nur Glück gehabt.

Ich weiß nicht, ob ich mich besser verstehen kann. Aber ich kann besser verstehen, was im Leben dieser Leute wohl passiert sein muss, was in ihrer Heimat vor sich geht, als dass sie diesen unglaublich langen und beschwerlichen Weg auf sich nehmen.

Auf Youcaring werden weiterhin Geldspenden gesammelt, um Anfang des nächsten Jahres wieder zu fahren - zu einem eigentlich nicht vorhandenen Brennpunkt.

Info

BalkansRelief ist eine NonProfit-Organisation, die von drei Europäern gegründet wurde: James Bonham aus England, Natasha Lund Andersen aus Dänemark und Julia Winkler aus Deutschland. Mitmachen kann jeder, der sich der Gruppe anschließen will. Über Crowdfunding sammeln die Organisatoren Spenden und fahren dann mit dem Geld auf den Balkan, um den Flüchtenden auf ihrer Route durch Europa zu helfen. Das Wort Relief bedeutet übersetzt:  Erleichterung, Hilfe, Linderung.

Zur Person



Katharina Liebke ist 23 und Freiburgerin. Sie ging auf das Kepler-Gymnasium und studiert heute an der Katholischen Hochschule in Freiburg "Soziale Arbeit".

Mehr dazu:

[Fotos: BalkanRelief]