Wie eine Freiburger Facebook-Gruppe Flüchtlingen hilft - und dafür jetzt sogar einen Preis gewonnen hat

Simone Lutz

Sie veranstalteten Willkommensfeste, Kuchenbuffets und Dattelpartys: Die Facebook-Gruppe "Flüchtlingshilfe Freiburg" half Flüchtlingen, als anderswo noch gegrübelt wurde. Nebenbei bewiesen die drei Organisatorinnen, wie wichtig Facebook ist. Dafür gab es jetzt auch einen Preis:



Sie sind 1600 Menschen, die sich zum größten Teil noch nie gesehen haben. Innerhalb von wenigen Wochen haben es einige von ihnen geschafft, zahllose und höchst unterschiedliche Hilfsaktionen für Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle an der Lörracher Straße auf die Beine zu stellen. Dafür haben sie den Integrationspreis der Stadt Freiburg bekommen: Die ganz und gar erstaunliche Geschichte der Gruppe "Flüchtlingshilfe Freiburg".


Aus der Facebook-Gruppe ist ein echtes Netzwerk geworden

Bunt und fröhlich sehen sie auf dem Erinnerungsfoto aus, sie strahlen stolz mit Blumenstrauß und Urkunde in die Kamera, die sechs Aktivisten und die zwei Flüchtlinge, die sie mitgebracht haben. Im Hintergrund steht der Oberbürgermeister, der sie gerade mit einer Rede gewürdigt hat. Vor kurzem war ein stolzer und unvorhergesehener Tag für die Flüchtlingshilfe Freiburg: Sie hatte den Integrationspreis der Stadt Freiburg bekommen.

"Irre", sagt Slavica Markovic. Die 34-jährige Jurastudentin hatte die Gruppe "Flüchtlingshilfe Freiburg" erst Anfang September auf Facebook eröffnet. "Mich hat das so umgetrieben", sagt sie, "ich wollte eine Plattform bieten für Ideen, wie man Flüchtlingen helfen könnte." Interessierte stießen zur Gruppe, es gab ein erstes Treffen im Jos Fritz Café und eine erste Aktion: An einem Sonntag hieß das noch kleine Grüppchen Flüchtlinge aus der Erstaufnahmestelle an der Lörracher Straße auf dem benachbarten Edeka-Parkplatz mit selbst gebackenem Kuchen und gespendetem Orangensaft willkommen. "Einfach mal machen!" war die Devise. Das wiederholten sie am folgenden Sonntag.

42 Kuchen, einfach so

Am dritten Sonntag, dem Weltkindertag, tauchte auch Anna Veeser auf, 34 Jahre alt, Veranstaltungskauffrau, mit sage und schreibe 42 Kuchen aus einer Kuchenbackaktion. Die Dinge griffen ineinander. An diesem Sonntag gab es ein improvisiertes Buffet, Kinderschminken, das Spielmobil war da, das Ape-Café schenkte aus, Musiker schauten vorbei, Flüchtlinge kamen aus der Erstaufnahmestellen, man lernte sich kennen und auf einmal merkten alle: Das kann ein richtig gutes, richtig großes Ding werden. Die Aktivisten der "Flüchtlingshilfe Freiburg" hatten sich gefunden.

Von da an ging’s ab, auf Facebook und im richtigen Leben. Anika Kohler, 33 Jahre alt, Chemielaborantin und ebenfalls von Anfang an dabei, zählt ein paar von den Dingen auf, die sich die Flüchtlingshilfe ausdachte: Deutschkurse am Zaun der Erstaufnahmestelle, im Jugendzentrum Let’s Fetz und im Rasthaus. Begleitung von Flüchtlingen zu Ämtern und Ärzten. Eine Bastelgruppe. Eine Spendengruppe. Sonntags Dattelpartys, Brot-und-Spiele-Treffen. Die Netzwerkerinnen von "Freiburgerinnen aus aller Welt" kamen vorbei und halfen mit, ebenso Neugierige. Aus einer Facebook-Gruppe wurde ein Netzwerk, aus spontaner Hilfsbereitschaft wurde ein stetiges Miteinander und als Folge davon wurden aus vielen Flüchtlingen und Freiburgern Freunde.

Sonntagstreff in der Turnhalle der Waldorfschule St. Georgen

Die Treffen von Flüchtlingen und Helfern an Sonntagen auf dem Parkplatz des Edeka-Marktes sind jetzt, bei niedrigeren Temperaturen, in die Turnhalle der Waldorfschule in St. Georgen verlegt worden. "Ideal" sei das, sei Anika Kohler, wo doch immer bis zu 150 Flüchtlinge kämen und rund 50 interessierte Freiburger. Dann wird dort gegessen, Tee getrunken, Kleidung sortiert, Kuchen aufgeschnitten, man häkelt Mützen, Kinder spielen, junge Mädchen lackieren Nägel. Freiwillige Helfer holen vorher gespendete Kuchen bei der Bäckerei Pfeifle, der Bäckerei Lay und bei Reiß-Beck, bauen alles auf und hinterher ab, Flüchtlinge helfen.

Der nächste Schritt steht an. Aus der relativ unverbindlichen Facebook-Gruppe soll Anfang 2016 ein Verein werden, man braucht ein Konto und eine Versicherung. "Wir wollen seriös auftreten", sagt Slavica Markovic, "alles bekommt professionelle Züge." Das sei ein kleines Wunder, meint Anna Veeser, "wir sind doch total chaotisch und improvisieren an allen Ecken und Enden." Dass es zudem an allen Ecken und Enden menschelt, verschweigen die Drei nicht. Auch sind längst nicht alle der Facebook-Gruppenmitglieder auch echte Helfer; den aktiven Kern schätzen die Organisatorinnen auf 50 Leute. Und trotzdem: Die Facebook-Gruppe "Flüchtlingshilfe Freiburg" hat in wenigen Monaten ganz Erstaunliches geschafft. "Wer mitmachen will", sagt Slavica Markovic, "ist herzlich willkommen."

Mehr dazu:

[Foto: Thomas Kunz]