Wie eine Facebook-Seite einer Freiburgerin hilft, mit ihrem Brustkrebs umzugehen

Gina Kutkat

Vor vier Monaten bekommt die 39-Jährige Freiburgerin Sandra Haase die Diagnose Brustkrebs. Kurz darauf fängt sie an, ihre Erfahrungen und Gefühle aufzuschreiben – öffentlich bei Facebook. Mit ihrer Seite "Plötzlich Krebs" möchte sie andere motivieren.

"Ich bin Sandra und habe Krebs. Außerdem habe ich 1 Sohn, 1 Freund und 1 Auto." So beginnt ein Eintrag vom 14. Oktober 2017 auf der Facebook-Seite "Plötzlich Krebs". Geschrieben hat ihn Sandra Haase. Im Juli dieses Jahr erfuhr die Freiburgerin, dass sie Brustkrebs hat.


Der Eintrag, der sich an neue Besucherinnen und Besucher ihrer Seite richtet, wurde 150 Mal geteilt und über 40 Mal kommentiert. Unter den Kommentatoren finden sich Frauen und Männer, Fremde und Bekannte, andere Betroffene, Menschen, die Sandra Kraft wünschen und ihren Mut bewundern. "Für mich ist das besser als jede Psychotherapie", sagt die 39-Jährige. "Es ist für mich auch nicht unangenehm, wenn Fremde das alles lesen. Dafür mache ich das Ganze ja."

Sandra hat eine seltene Form von Brustkrebs

Ihren ersten Eintrag schreibt sie, kurz nachdem sie ihre erste Diagnose erhalten hat. Hinter der gelernten Bürokauffrau und freiberuflichen Zumbalehrerin liegen zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre, die von Müdigkeit, Schmerzen, zahlreichen Arztbesuchen, Fehldiagnosen- und Behandlungen geprägt waren. Erst, als ihre Mutter sie in die Notaufnahme der Uniklinik bringt, weil sie starke Schmerzen im Bein hat, stellen die Ärzte Sandra komplett auf den Kopf. "Abends nach 7 Stunden stand es dann fest: Krebs. 7 Stunden - und davor 7 Monate Schmerzen. Vor 2 Tagen noch Zumba und jetzt … plötzlich Krebs."

Mit diesen zwei Worten endet Sandras erster Beitrag auf ihrer Seite. Sandra hat einen Tumor in der Brust, es handelt sich um eine seltene Form von Brustkrebs. "Ein muzinöses Karzinom, schwer tastbar, im Gewebe verwachsen", sagt Sandra. Danach die zweite Hiobsbotschaft: Der Tumor hat Metastasen gebildet, in Knochen und Knochenmark. Sie haben die Schmerzen im Bein verursacht. "Mein erster Gedanke war: Ich sterbe jetzt."

Schreiben als Katharsis

Nach ein paar Tagen ändert sich plötzlich ihre Einstellung, sie schöpft Kraft, fühlt sich mental stark und sagt sich, dass sie die Krankheit aus einem bestimmten Grund bekommen hat. "Ich weiß nicht, woher das kommt." Sandra beginnt zu schreiben, es ist für sie wie eine Katharsis: Sie wird ihren Ballast los, und will anderen Frauen helfen. Sie, die früher nie geschrieben hat, schreibt über die beginnende Chemotherapie, über die ersten Haare, die ihr ausfallen. Über ihre Eltern, ihren achtjährigen Sohn, Erwartungen, Liebe und depressive Schübe.

Fast jeden Tag berichtet sie über ihren Zustand, postet Videos und Fotos. Ihre Posts werden gelesen, geteilt und kommentiert. Ihre Vlogs erreichen etwa 7000 Menschen. 3325 Mal wurde ihre Seite bisher geliked, über 1000 Nachrichten haben sie bisher erreicht. "Frauen schreiben mir, dass sie wegen meiner Seite zur Brustkrebs-Vorsorge gegangen sind." Der Austausch mit meist völlig fremden Menschen hilft ihr. "Ich fühle mich erfüllt und bestätigt", sagt Sandra.

Die Facebook-Community fiebert mit

Mitte November sind vier Monate seit der ersten Diagnose vergangen. Sandra postet ein Video und erzählt von ihrem Gespräch mit der Oberärztin, es gibt neue Befunde: " Die gute Nachricht: Ich lebe noch. Es hat sich nicht viel getan. Die lebensbedrohliche Situation hat sich verbessert. Aber der Krebs ist immer noch im Knochenmark." Die Chemotherapie läuft weiter, in drei Monaten steht das nächste CT an. An eine schulmedizinische Heilung glaubt Sandra nicht mehr, aber sie ist trotzdem positiv, dass sie mit der Krankheit leben wird. Die Facebook-Community hat mit ihr mitgefiebert, schickt wieder Kraft und gute Besserung per digitaler Nachricht: "Weiterhin viel Kraft und alles Liebe". "Du schaffst es." "Du bist sooooo stark."

Warum sie alles über Social Media teilt? "Ich möchte so viele Menschen wie möglich erreichen und motivieren, öfter zum Frauenarzt zu gehen", sagt Sandra. Wäre ihr Tumor früher entdeckt worden, wäre sie nicht ein ganzes Jahr falsch behandelt worden. Der Krebs habe ihr Leben und ihre Einstellung verändert. Sie möchte aufklären, Mut machen und zum Nachdenken anregen. "Ich habe die Krankheit nicht, um zu sterben."
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Fotoaktion
Die Fotografin Sandra Meyer fotografiert für Plötzlich Krebs gegen Spende. Jeden Sonntag bis Weihnachten wird es bei gutem Wetter ein Sammelshooting geben. Der Erlös geht an den zukünftigen Verein "Plötzlich Krebs". Infos unter Sandra Meyer Photographie.