Wie eine Ernährungsmedizinerin Soylent einschätzt: "Das ist Ernährung für Schwache und Kranke"

Carolin Buchheim

Seit mehreren Wochen ernährt sich fudder-Autor Frank Lachmann von Soylent. Der selbstgemischte Proteinshake enthält - rein rechnerisch zumindest - alle Nährstoffe, die man braucht. Kann man sich damit also ganz einfach gesund und ohne großen zeitlichen Aufwand ernähren? Carolin Buchheim hat mit Andrea Engelhardt, Ärztin der Sektion Ernährungsmedizin und Diätetik der Uniklinik Freiburg, über die Flüssignahrung gesprochen.



Frau Engelhardt, kann man sich vollständig von flüssiger Nahrung ernähren?

Andrea Engelhardt: Wenn es sein muss, kann man sich ausschließlich flüssig ernähren. Es gibt schon lange  industriell hergestellte Trinknahrung oder Pulver zum Einrühren in Suppen, die eine ausgewogene Ernährung nachbilden und gedacht sind  für Menschen, die geschwächt oder krank sind, zum Beispiel Kau- und Schluckprobleme haben. Das ist aber meistens eher eine Ergänzung zu anderem Essen.

Außerdem gibt es flüssige Sondennahrung für Menschen, die krankheitsbedingt gar nicht essen können. Für gesunde Menschen beginnt nach dem Abstillen, also etwa  ab dem zweiten Lebensjahr, die erfreuliche Zeit, sich mit Essen nicht nur zu ernähren, sondern auch Genuss  erleben zu können.

Wie bewerten Sie den Versuch von gesunden jungen Menschen, sich ausschließlich von Soylent zu ernähren?

Es gibt immer wieder Trends, beim Essen was Neues zu probieren. Immerhin ist Soylent eine relativ ausgewogene Ernährung im Gegensatz zu vielen Süßgetränken und Knabbereien neben dem Computer. Es ist vielleicht eine gute Erfahrung, dass es so etwas wie eine relativ richtige Mischung beim Essen gibt, die anders satt macht als Süßigkeiten. Aber es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass die, die es ausprobieren, bisher beim Essen nicht besonders glücklich sind.

Lange kann das auch vermutlich niemand durchhalten, dann wird sicher die Lust auf ewas Neues kommen. Zur Trinknahrung muss jedenfalls ab und zu was Saures und Kaugummi dazu, sonst leiden Speicheldrüsen und Zähne.

Wie schätzen Sie die Inhaltsstoffe des Shakes ein?

Auf die Schnelle durchgesehen scheint es orientiert an den offiziellen Empfehlungen für ausgewogene Ernährung, vor allem die neuere Version. Wer sich genauer interessiert, sollte sich bei AID und DGE  kundig machen. Die Nahrung ist  sehr leicht verdaulich –  eben gut für Kranke und Geschwächte. Komplexe Kohlenhydrate, grobe Ballaststoffe und vielerlei Aromastoffe fehlen. Die Multivitamintabletten mit Spurenelementen  sind vielleicht nicht mehr optimal wirksam, wenn sie reingemörsert sind und eine Woche stehen, diese lieber extra nehmen.

Gibt es etwas Positives an Soylent?

Allgemein kann ich das nicht beantworten. Bei dem Autor scheint es mir eine gute Übergangsphase. Vorher Supermarkt-Schlange, Einkaufsfrust, viel Schokoriegel – das war vielleicht nicht super.

Jetzt fängt er an, sich auf seine Art mit ausgewogener Ernährung zu beschäftigen und sich auch etwas selbst zu mixen und entwickelt schon neue Fantasien. Als nächstes vielleicht ein Kochkurs? Slow Food? Anders Einkaufen? Vielleicht erzählt er in einem Jahr, was draus geworden ist.

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    [Bild: Frank Lachmann, Nessi/Fotolia.com]