Wie eine 26-jährige Freiburgerin mit ihrer Depression lebt

Gina Kutkat

Die 26-jährige Lena aus Freiburg hat seit vielen Jahren Depressionen – und gelernt, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Sie hat Fudder von ihrem Leben mit einer Krankheit erzählt, die noch immer tabuisiert wird.

Lena hat ein Belohnungssystem: Immer, wenn sie eine depressive Phase überstanden hat, kauft sie sich ein Paar Sneaker. Seit zehn Jahren hat die 26-jährige Freiburgerin immer wieder Depressionen, auf 32 Paar ist ihre Sneaker-Sammlung angewachsen.


Lena L. (Name von der Redaktion geändert) liegt allein in ihrer Wohnung, starrt an die Decke und sieht keinen Ausweg. Die Jalousien sind runtergezogen, es ist still. Leise heult sie vor sich hin. Am nächsten Tag dasselbe. Und am übernächsten. Manchmal dauert so eine Phase mehrere Wochen.

Mittlerweile weiß Lena, dass die Depression vorbei geht

"Tage später weiß ich nicht mehr, warum ich so traurig und entmutigt war", sagt die 26-Jährige. Ein typisches Symptom von Depressionen, sagt Mathias Berger. Er ist ehemaliger ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg und Vorsitzender des Freiburger Bündnisses gegen Depression, das versucht, die Bevölkerung über die Krankheit und ihre Behandlung aufzuklären.

"Man kann Depressionen mit dem vergleichen, was einem manchmal in der Nacht passiert: Da wacht man auf und sieht alles durch einen dunklen Schleier, den man am Morgen gar nicht nachvollziehen kann." Bei einer depressiven Erkrankung kann der Schleier wochenlang bleiben – so wie bei Lena.

Duschen, schminken, zur Arbeit fahren – unvorstellbar

Als es ihr zum ersten Mal richtig schlecht geht, ist Lena 17 und im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Sie hat Stress in der Firma, fühlt sich unwohl, bekommt Magenschmerzen. Ihre chronische Migräne wird schlimmer. Nach einem Zusammenbruch fährt ihre Mutter sie in eine Klinik. Eine Neurologin merkt an, dass Lenas Zustand psychische Ursachen haben könnte. Die Ärztin spricht von Depression. Lena und ihre Mutter verstehen, dass es sich nicht um eine pubertäre Phase handelt.

Aufstehen geht zu dieser Zeit manchmal nicht. Duschen, schminken, zur Arbeit fahren – unvorstellbar. Lena fehlt oft in der Firma. Sie möchte das ihren Vorgesetzten erklären und vereinbart einen Termin in der Personalabteilung. Die Reaktion: Jeder Teenager sei mal hysterisch. Lena fühlt sich nicht ernstgenommen, macht sich gleichzeitig Vorwürfe. Die Ausbildung schließt sie mit Ach und Krach ab.

Kampagne #deinwegraus will Depressionen entstigmatisieren

Dass Depressionen wieder vorübergehen, wüssten die meisten Menschen nicht, sagt Mathias Berger. Die Unwissenheit in der Gesellschaft über die Erkrankung sei immer noch sehr groß. "Das ist inakzeptabel und schrecklich", sagt Berger. "Weil die meisten Depressionen gut behandelbar sind."

Mit der Kampagne #deinwegraus will sein Bündnis Depression entstigmatisieren. Denn, so die Botschaft: Diese Krankheit kann jeden treffen, sie hat viele Gesichter, und sie ist behandelbar.

Lena kennt ihre Depression schon ihr halbes Leben. Seit mehreren Jahren geht sie regelmäßig zur Gesprächstherapie und nimmt Medikamente, die ihre Stimmung aufhellen. Mittlerweile fällt es ihr leichter, über ihre Erkrankung zu reden. "Sie gehört zu meinem Leben. Ich habe gelernt, damit umzugehen."

Die Depression hat Lena auch stärker gemacht

Wenn Lena merkt, dass sich eine depressive Phase nähert, unternimmt sie Dinge, die ihr guttun: Ein Spaziergang im Wald. Fröhliche Musik hören. Mandalas malen. Und wenn dann trotzdem ein Schub kommt, weiß sie, "dass es wieder gut wird." Die Depression habe sie stärker gemacht. Lena hat sich vor einigen Monaten entschieden, offen über ihre Erkrankung zu sprechen. "Die Leute können meistens nicht damit umgehen, wenn man ihnen sagt, man ist depressiv. Wenn ich anderen Betroffenen mit meiner Offenheit helfen kann, bedeutet mir das sehr viel", sagt sie.

Lena ist ein Familienmensch. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist sehr eng, besonders zur Mutter. Als Lena im Teenageralter erfährt, dass ihre Mutter einst eine Krebserkrankung überstand, ist das ein Schock. Seitdem plagen sie Verlustängste.

"Auch einschneidende Erlebnisse wie der Beginn ihrer Ausbildung oder der Auszug von Zuhause können Gründe für eine Depression sein", sagt Mathias Berger. Warum erkranken manche Menschen an Depressionen und andere nicht? "Wenn man eine genetische Belastung hat oder die Kindheit schwierig war, ist man empfindlicher, an einer Depression zu erkranken", sagt Berger.

Laut der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland erkranken 11, 3 Prozent der 18- bis 34-Jährigen im Laufe eines Jahres an einer Depression. Bei den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren sind es, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, drei bis zehn Prozent, die aktuell an einer Depression erkranken.

Beim Therapeuten kann Lena alles rauslassen

Ihr zweiter heftiger Zusammenbruch beschäftigt Lena noch heute. 2015 war das. Wochenlang lag sie abgeschottet in ihrer Wohnung, weinte, wollte mit niemandem reden. "Die Medikamente haben nichts mehr genützt, jeder Schritt vor die Tür löste Herzrasen in mir aus." Lena konnte weder essen noch schlafen, nahm mehrere Kilo ab.

Um mit den Panikattacken klarzukommen, ritzte sie sich. "Es fühlte sich an wie eine Erlösung", sagt sie. "Das Ritzverletzen als Spannungsreduktion ist inzwischen sehr häufig. Es kann bei allen möglichen psychischen Krisen auftreten", sagt Mathias Berger. Lena hat auch Suizidgedanken, aber der Gedanke an ihre Familie hält sie ab.

Was sie braucht: Menschen, die ihre Krankheit verstehen

Was Lena hilft, herauszukommen? Gespräche mit dem Therapeuten. "Da kann ich mich richtig auskotzen, ohne das Gefühl zu haben, jemanden zu verletzen. Ich kann das nur jedem empfehlen", sagt sie. Dass sie dauerhaft stimmungsaufhellende Medikamente nehmen muss, findet sie nicht schlimm. Nur, dass die den Stoffwechsel durcheinander bringen und sie deswegen schnell zunimmt, findet sie blöd.

Lena hat eine zweite Ausbildung beendet, arbeitet in einer Firma, in der es ihr gut geht. Kollegen und Chefs wissen über ihre Depression Bescheid und verstehen, wenn sie deswegen mal nicht zur Arbeit kommen kann. Sie lebt in einer eigenen Wohnung, ist seit Längerem in einer glücklichen, festen Beziehung und hat viele enge Freunde. Sie hat immer noch depressive Phasen, in denen sie Zeit für sich braucht. Und Menschen, die ihre Krankheit verstehen.
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