Wie ein syrischer Flüchtling den Rosenmontag in Freiburg erlebte

Marius Buhl

Für den Syrer Abdulrhman Abdullah, der aus dem zerstörten Homs nach Freiburg flüchtete, ist derzeit alles neu: Sprache, Land, Menschen - und jetzt auch noch dieses Straßenfest, das sie in seiner neuen Heimat Fasnet nennen. Marius Buhl hat ihn zum Rosenmontagsumzug begleitet:



Abdulrhman Abdullah vermisst die Schweine. Bis in die erste Reihe des Freiburger Rosenmontagsumzug hat er sich geschoben, hat als Ziegen verkleidete Männer beobachtet, keifende Mäuse, Narren mit Ochsenmaske. Nur Schweine waren nicht dabei. Leise fragt er mich, der ich heute sein Begleiter bin: „Schweine stehen in Deutschland doch für Glück. Warum verkleidet sich dann niemand als eines?“


Es ist ein ekliger Rosenmontag, 15 Uhr, Dauerregen. 45.000 Menschen säumen die Narrenroute in der Freiburger Altstadt, der Wind bläst ihnen die Kapuzen vom Kopf. Franzosen sind darunter, Kirchzartener, Breitnauer, Tiengener, ein paar Schweizer auch. Und dann ist da noch Abdulrhman Abdullah, genannt Abdo, der im Sommer 2015 nach Deutschland geflohen ist und sich über all das wundert: über das Konfetti, über die Ochsenmasken und darüber, dass niemand als Schwein verkleidet ist.

Er lerne derzeit jeden Tag etwas Neues über sein Deutschland, sagt Abdo. Mal liest er ein neues Wort, mal entdeckt er eine Gasse und mal ist eben Fasnet und die Deutschen sind plötzlich nicht mehr die Deutschen sondern grölende, feiernde, tanzende Draufgänger, die alle in den Arm nehmen und ihre Hände ausstrecken, wenn eine langnasige Hexe Kamellen wirft. Die Deutschen, das weiß Abdo jetzt, lieben die Fasnet. Wie aber gefällt es ihm? 

"Warum feiert ihr Fasnet?"

Abdulrhman Abdullah ist 25, bis vor zwei Jahren lebte er in Westsyrien, in der Stadt Homs. Vor wenigen Tagen geisterte ein Video von seiner Heimat durchs Internet, aufgenommen von einer russischen Drohne. Darin sieht man graue Hausgerippe, die aussehen wie zertrampelte Pappkartons. Abdo hat das Video auch gesehen. „Ich habe meine Stadt nicht wiedererkannt“, sagt er. Als die Armee ihn damals einziehen wollte, flüchtete er. „Ich würde kämpfen, wenn es für mein Land wäre. Aber ich müsste auf meine eigenen Leute schießen“. Seine Eltern und seine Schwester wohnen noch immer in Homs. 

Als Abdulrhman Abdullah nach Deutschland kam, suchte er Schutz vor dem Krieg. Jetzt steht er am Absperrgitter, vor ihm die kreischenden Narren, und will verstehen, wo er gelandet ist.

„Warum feiert ihr Fasnet?“

„Am Aschermittwoch“, erkläre ich, „beginnt die Fastenzeit. Deshalb feiern wir in den Tagen zuvor ein letztes großes Fest.“

„Wissen das alle, die hier stehen?“ 

„Gute Frage. Vermutlich nicht. Es ist eher so, dass das Fest sich verselbstständigt hat. Es geht ums Verkleiden und vor allem ums Trinken.“

„Also ist es einfach Tradition und die Bedeutung gar nicht so wichtig?“

„Ja, vermutlich ist es einfach Tradition. Die Kostüme, die die Zünfte tragen, werden teilweise seit Generationen weitergegeben.“

„Das finde ich sehr schön.“

In Freiburg studieren, das ist der Traum

Hinter dem Zaun, wo vorhin Hexen und Ochsen vorbei zogen, marschieren jetzt die Musikanten einer Guggenmusik. Aus den weißen Tubas dröhnt „The Lion sleeps tonight“, Abdo hat seine Handykamera auf die Szenerie gerichtet. Das Video will er später per WhatsApp nach Hause schicken, an seine Schwester. So macht er es, seit er in Freiburg ankam. Er hat Fotos von seiner Unterkunft in der Hermann-Mitsch-Straße geschickt, von seinen Freunden, jetzt eben Fasnet. „Meine Schwester kennt Freiburg so gut wie ich“, sagt er.

Was es mit einem Menschen macht, wenn die eigene Familie in ständiger Gefahr vor dem Bombentod lebt und man selbst in vollständiger Sicherheit ein Straßenfest feiert, verrät Abdos Mimik nur spärlich. Wer ihn beobachtet, wie er lacht, wie er den Narren „Narro“ zu ruft, merkt nichts von diesem Schmerz. 

Den merkt man erst, wenn er von Zuhause erzählt. Davon, wie schön Homs einst war, wie gerne er eines Tages dorthin zurückgehen will, um seine Stadt neu aufzubauen. Wenn alles vorbei ist. Man merkt es aber auch, wenn er von seiner Schwester redet und dann plötzlich abbricht. Weg sieht. Das Thema wechselt. Und dann doch wieder von seinen Plänen und Träumen erzählt.

„Ich möchte in Freiburg studieren“, sagt er. In Homs hat er das bereits, in Freiburg will er einen Master in Mikrosystemtechnik machen. Außerdem will er sobald wie möglich aus dem Flüchtlingswohnheim ausziehen, am liebsten in eine Studenten-WG. Er will Leute kennen lernen, mit denen er Deutsch sprechen kann. Seit Freitag ist das alles möglich: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ihm seine Papiere geschickt. Er darf in Deutschland bleiben, sogar studieren. Die Papiere trägt er seitdem in einer schwarzen Aktentasche mit sich herum, eagl wohin er geht. Auch beim Umzug hat er sie dabei.

Als die letzten Hexen vorübergezogen sind, betreten Abdo und ich noch eine Bar. Drinnen hat der Wahnsinn gerade begonnen: Eine Krankenschwester verschüttet ihr Bier, weil eine Biene Maja sie angerempelt hat, eine Gruppe junger Teufel grölt „Sweet Caroline“. Abdo und ich stoßen an: auf seine erste Fasnet, auf seine neue Heimat.  Er freue sich schon auf nächstes Jahr, sagt er schließlich. Dann will er richtig Fasnet feiern, sich selbst auch verkleiden. Wird er dann als Schwein kommen, weil das Glück bringt? Auf keinen Fall, sagt er. Da falle man viel zu stark auf. Aber Astronaut, sagt er, Astronaut könne er sich sehr gut vorstellen.'

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