Wie ein Stück Ewigkeit: Die wichtigsten SC-Momente der Bundesliga-Saison 2012/13

Clemens Geissler

Ein Superspiel - nur mit dem falschen Endergebnis. Wild gefeiert haben wir am Samstag nach dem Spiel des SC Freiburg gegen Schalke natürlich trotzdem. Denn was war das für eine Wahnsinns-Saison! SC-Fachmann Clemens Geißler mit sechs Momenten dieser Saison, die wir nicht vergessen werden:



Sieg auf Schalke

Vor dem 17. Spieltag war es für den Sportclub eine gute Halbserie. Platz neun in der Tabelle, beruhigender Vorsprung zu den Abstiegsrängen, erfrischender Fußball und ein Kader mit Perspektive. Nach dem Spiel in Gelsenkirchen ist der Sportclub plötzlich Fünfter und wäre damit für das internationale Geschäft qualifiziert. Ein Jahr zuvor konnte man sich – Tabellenletzter und 13 Punkte – kaum vorstellen, überhaupt die Klasse zu halten. Ein Sprung nach oben, wie es ihn selten gibt.

Mitverantwortlich: Zahlreiche starke Auswärtsauftritte: Am Ende der Runde werden es elf ungeschlagene Partien sein, die der Streich-Elf in der Fremde gelingen: Niederlagen nur bei den “großen Drei”, sowie in Frankfurt, Stuttgart und Hoffenheim.

Auswärtsmacht Freiburg - auch im Pokal: Drei Tage später gelingt mit einem Derbysieg im Wildpark der Einzug ins Viertelfinale. Eine gute Vorrunde wird binnen weniger Tage zu einer herausragenden.

Wahnsinn in Mainz

Die Fortsetzung des Pokalmärchens gelingt in Rheinhessen. Ein denkwürdiges Spiel: Nach 202 Sekunden steht es 0-2. In der zweiten Hälfte drehen die Breisgauer richtig auf. In einer der heißesten Schlussphasen mit Freiburger Beteiligung gibt es alles: 30-12 Torschüsse, Platzverweis, vier Mal Aluminium, Elfmeter in der Nachspielzeit, Verlängerung und schließlich das frenetisch gefeierte 3-2 durch Daniel Caligiuri. Ein Boulevardmagazin überschlägt sich: “Der geilste Klub Deutschlands”.

Ausverkauf zum Frühjahr

Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Dass Freiburg immer wieder Akteure zu zahlungskräftigen Konkurrenten ziehen lassen muss, ist nichts Neues. Dass aber innerhalb weniger Wochen der halbe Stammkader an anderen Bundesligastandorten gehandelt wird, ist nicht nur Übungsleiter Christian Streich zu viel – er beschwert sich über Zustände wie auf dem “Viehmarkt”.

Begleiterscheinungen sind Unklarheit, Nebenkriegsschauplätze und Missstimmung im sonst so harmonischen Mannschaftsgefüge. Besonders die “verwurzelten” Abgänger (Caligiuri, Rosenthal) kämpfen fortan mehr mit sich selbst als dem Gegner.

Beerdigung in Stuttgart

Ob es diese Ungereimtheiten sind oder etwas anderes, ist schwer auszumachen. Jedenfalls agieren die Badner im Pokal-Semifinale wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Die Voraussetzungen schienen doch bestens: 12.000 mitgereiste Anhänger, eine fantastische Choreographie, heimschwache Stuttgarter, auswärts- und pokalerprobte Freiburger.

Aber an diesem Tag will der Sportclub einfach nicht zu seinem Spiel finden und scheidet auf denkbar bitterste Weise – in der Vorschlussrunde – im Pokal aus. Ade Berlin! Und angesichts der beiden kommenden Liga-Aufgaben (Stuttgart, die zweite und Bayern) rückt mit einem Mal auch der internationale Wettbewerb in weite Ferne.

Auferstehung in Fürth

Typisch für diese Saison ist aber, dass die junge Truppe aus dem Breisgau auch mit dieser Drucksituation umzugehen weiß. Parallelen zum Pokalauftritt in Mainz drängen sich auf: Früher Rückstand, hoher Aufwand, lange wenig Ertrag, späte Wende und eine turbulente Schlussphase: Baumanns Elfmetergriff packt das Saisonglück beim Schopf – und kann nebenbei Millionen bedeuten. Nach dem Schlusspfiff tanzen Spieler und Trainer mit dem mitgereisten Anhang : “Wir sind total international”.

Glückseligkeit allenthalben, die Harmonie ist zurückgekehrt: Vor dem Gastspiel in Fürth wurde bekannt, dass Trainer Christian Streich sein Engagement in Freiburg langfristig verlängert hatte. Und nicht in Schalke unterschrieben hat.



Beinahe-Himmelfahrt gegen Schalke

Am Ende hat es zum ganz ganz großen Wurf dann doch nicht gereicht. Nicht, weil Schalke besser gewesen wäre. Sondern eher, weil das Endspiel um die Königsklasse ein Eigentor zu viel und einen Handelfmeter zu wenig hervorbrachte.

Und trotzdem: Auch weil in diesem bedeutungsvollen Aufeinandertreffen in Sebastian Kerk ein 19jähriger debütierte, setzt Freiburg sich, seiner Philosophie und einer ganzen Saison die Krone auf. Danke, danke und immer wieder danke!

Wie viele außergewöhnliche Momente hat uns diese Mannschaft beschert! Wir staunen andächtig, wir verneigen uns vor einer einzigartigen Saison: 39 Pflichtspiele, fast die Hälfte gewonnen! 22 Auswärtsspiele, nur sieben verloren! Fünfter! Die Großen geärgert: Hamburg, Hannover, Gladbach, Stuttgart, Wolfsburg, Bremen hinter sich gelassen. Die drittbeste Abwehr der Liga! Ohne Heimspiel den Pokal gerockt!

Der Abstieg blieb eine Chimäre, Berlin ein lange sehr echter Traum. Europa aber ist real, der Sportclub ist – wie man schon vor dem letzten Heimspiel auf vielen Shirts lesen konnte - “mittendrin, statt nur daheim”.

Mehr noch zum Abschied: Kruse ist Nationalspieler! Tschüs und danke, Max, Calli, Flummi, Jan und Co! Und wenn es im nächsten Jahr so schlimm kommt, wie es die Unkenrufer wissen wollen?  Dann genießen wir trotzdem den Moment, weil wir wissen: Diese Saison war ein Stück Ewigkeit!

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Der letzte Spieltag: Das Match gegen Schalke

    [Fotos:dpa]