Wie ein irakischer Flüchtling über seinen Abschied aus Freiburg nachdenkt

Marius Buhl

Der Iraker Hassan Raid al-Marsomi ist aus Bagdad nach Deutschland geflüchtet, weil er Morddrohungen erhielt. Er ist 20, Jura-Student und sprachbegabt. In Deutschland kann er nicht studieren und findet keine Wohnung. Die Gedanken eines Flüchtlings, der zurück nach Hause möchte:



"Ich komme aus Bagdad, mitten im Irak. Bei uns herrscht kein Krieg, der Krieg ist weiter im Norden. Trotzdem kann ich im Café nicht nahe bei den Scheiben sitzen. Niemand tut das. Wenn draußen ein Auto vor fährt, zucken wir zusammen. Es könnte ein Killerkommando sein.


Es war im August des vergangenen Jahres als mein Vater mir eine Drohung zeigte. Sie war an mich gerichtet, auf dem Zettel stand: "Wir bringen dich um!"

Ich bin 20 Jahre alt, mein Name ist Hassan Raid al-Marsomi. Im Irak habe ich Jura studiert, ich will unbedingt Anwalt werden. Ich habe neben meinem Studium bereits als Menschenrechtler gearbeitet. Als mein Vater mir die Drohung zeigte, wusste ich, dass ich fliehen musste.

2003 hatten Extremisten meine Mutter getötet. Mein Vater hatte Angst, dass ich als nächstes dran sei. Er wollte, dass ich in den Süden des Landes gehe, dort sei es sicherer. Aber die Kultur im Süden des Iraks hätte ich nicht ertragen. Ich habe mich als Menschenrechtler auch für Frauen eingesetzt - im Süden des Iraks sind Frauen aber nichts wert. Ich hätte dort nicht leben können.

"Als Kind liebte ich Oliver Kahn"

Also floh ich. Zu Fuß, im Bus, im Auto gelangte ich nach Bodrum in der Türkei. Für eine Überfahrt von dort nach Griechenland bezahlte ich umgerechnet 3000 Euro.

Ich blieb ein paar Tage in Athen, dann wanderte ich nach Mazedonien weiter. Als wir durch einen Wald rannten, kratzten mir stachlige Büsche die Unterarme und Beine auf, die Narben habe ich noch heute. Wir flohen weiter nach Ungarn und Österreich. Am 11. September stand ich zum ersten Mal auf deutschem Boden. Ich wähnte mich am Ziel meiner Reise.

Als Kind liebte ich Oliver Kahn. Wir Iraker sind fußballverrückt. Bei WM-Endrunden waren wir aber nie dabei. Ich drückte immer den Deutschen die Daumen. Als die Route offen war, wusste ich, dass ich nach Deutschland will.

Über die Verteilungsstelle in Karlsruhe wurde ich in ein Flüchtlingscamp in Norsingen verlegt. Norsingen liegt im Freiburger Umland, es gehört zur Gemeinde Ehrenkirchen. Wir wohnten dort in Zelten, bis es zu kalt wurde. Dann wurden wir in die Container nach Gundelfingen verlegt.

"Ich habe mittlerweile 30 Wohnungen besichtigt"

Seit ungefähr 6 Monaten bin ich jetzt in Deutschland. Als ich kam, war ich froh und hoffte auf ein besseres Leben. Ich hoffte, hier ein deutsches Jura-Staatsexamen ablegen zu können, um weiter als Menschenrechtler arbeiten zu können. Ich wollte Deutsche kennen lernen, hier ein neues Leben beginnen. Ich wollte ihn eine WG ziehen.

Das war mein Plan.



Die Realität ist anders. Ich sitze beinahe jeden Tag in unserem Camp. Ich büffle Deutsch, klar. Ich weiß, dass man Straßenbahn mit einem weichen "r" ausspricht, nicht rollend. Ich kann inzwischen Allemannisch von Hochdeutsch unterscheiden. Chance auf eine Wohnung habe ich trotzdem nicht. 30 WGs habe ich angefragt, nirgends habe ich Rückmeldung erhalten. Das Amt schreibt mir vor, dass ich nicht innerhalb Freiburgs wohnen darf. Ich darf nur ins Umland.

Vor kurzem ging es mir deswegen sehr schlecht. Ich habe bei Netzwerk Freiburg, einer Facebookgruppe mit 10.000 Freiburgern, gepostet, dass ich Hilfe bei der Wohnungssuche bräuchte. Viele haben sehr nett geantwortet. Manche Kommentare haben mich aber schwer verletzt. Sie schrieben: Wir Deutschen finden ja schon keine Wohnung, warum solltest Du als Flüchtling dann eine finden?!

Es ist schwer, dauerhafte Beziehungen zu Deutschen aufzubauen. Die Deutschen sind zwar meist höflich, aber distanziert. Ich habe überlegt, mich an den Bertoldsbrunnen zu stellen mit einem Schild. Darauf soll stehen: "Ich bin Flüchtling und Muslim, aber freue mich über eine Umarmung."

Studieren kann ich nicht. Dazu müsste ich erstmal die Erlaubnis haben, hier bleiben zu dürfen. Auf dieses Gespräch mit der zuständigen Behörde warte ich seit sechs Monaten. Im April soll es nun so weit sein. Danach brauche ich bestimmte Aufnahmepapiere. Die gibt meine Uni in Bagdad aber nicht heraus. Weil ich ein Flüchtling bin.

Frankfurt - Bagdad: ein Tag

Inzwischen habe ich das Gefühl, alles richtig machen zu müssen. Wenn ich im Camp einen Fehler mache, wird das notiert. Wenn ich aber um halb sechs aufstehe, um einem anderen Flüchtling Arztpapiere zu übersetzen, sieht das niemand. Das Flüchtlingsheim macht alle gleich. Ob du schnell Deutsch lernst oder arbeiten möchtest - das interessiert niemanden.

Sechs Monate sind eine lange Zeit, wenn du in einem komplett fremden Land bist, in dem du kaum jemanden kennst und deine Familie vermisst. Sechs Monate, in denen du in Flüchtlingsheimen sitzt und nicht weißt, was du tun sollst. Vor einem Monat habe ich deshalb beschlossen, zurückzugehen. Es ist verrückt: Ich müsste mir nur einen Pass ausstellen lassen und könnte in Frankfurt in einen Flieger steigen. Ein paar Stunden später wäre ich daheim, in Bagdad.

Die Leute, die ich hier kennen gelernt habe, haben mich vorerst umgestimmt. Sie sagen: Warte, bis du dein Gespräch mit der Behörde hattest. Und vielleicht findest du ja doch eine Wohnung. Sie haben recht. Ich möchte so schnell nicht aufgeben.

Wenn sich dauerhaft aber nichts verändert, werde ich zurück fliegen müssen. Vielleicht sterbe ich dort schnell. Aber hier sterbe ich langsam.

Aufgezeichnet von Marius Buhl

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