Wie ein Freiburger Jurastudent für dieselbe Hausarbeit verschiedene Noten bekam

Dora Volke

Eine total verrückte Geschichte: Oskar Radhauer bekommt auf dieselbe Hausarbeit zwei völlig verschiedene Noten – und kritisiert jetzt das Korrektursystem. Doch das Prüfungsamt sieht kein Problem, der Professor will sich nicht äußern.

Als Oskar Radhauer seine Hausarbeit aus dem Stapel zieht, ist er enttäuscht: 5 Punkte. Gerade so bestanden. Doch dann winkt ein Freund mit einem anderen Heft – Oskar hatte seine Hausarbeit zweifach abgegeben, weil das erste Exemplar laut Post nicht rechtzeitig ankommen würde. Beide Exemplare wurden bewertet: allerdings völlig unterschiedlich.

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Für die zweite Arbeit gab es 9 Punkte, was auf der juristischen Punkteskala von 0 bis 18 Punkten schon ziemlich gut ist. Mit 4 Punkten hat man bestanden, ab 9 Punkten gilt ein Abschluss als Prädikatsexamen und über 15 Punkte kommt eigentlich niemand. Und nun fragt sich Oskar und mit ihm die halbe Uni, wie denn so etwas passieren kann.




Es hätte nie zwei Bewertungen geben dürfen

Dass Oskar überhaupt zwei Exemplare abgegeben habe, sei schon der erste Fehler gewesen, so Daniel Kachel, Leiter des Prüfungsamts der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Denn eigentlich dürfe man nur eine Arbeit abgeben. Das zweite Exemplar, so Oskar, habe er aber extra persönlich abgegeben mit dem Hinweis, dass seine Matrikelnummer wohl doppelt auftauchen würde.

"Eigentlich ist der Lehrstuhl angehalten, alle Hausarbeiten anhand einer Anmeldeliste zu kontrollieren", sagt Kachel. Wenn man das getan hätte, wäre aufgefallen, dass die Hausarbeit zweimal vorliegt. "Stattdessen hat der Lehrstuhl die Hausarbeiten direkt an die Korrekturassistenten weitergegeben", so Kachel.

"Wenn man sich viel Mühe gibt als Korrekturassistent, verdient man natürlich weniger, je länger man braucht."Daniel Kachel, Prüfungsamt

Korrekturassistenten sind externe Juristen, die die Fakultät für das Korrigieren bezahlt. Sie werden pro Stück bezahlt. "Deswegen ist da gar kein großer Anreiz sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern eher, möglichst viele Hausarbeiten in einer Stunde durchzubuttern", meint Oskar.

Auch Kachel vom Prüfungsamt sieht das kritisch: "Die Bezahlung ist nicht so gut, als dass man damit reich würde. Wenn man sich viel Mühe gibt als Korrekturassistent, verdient man natürlich weniger, je länger man braucht. Das kann dazu führen, dass die unsauber korrigieren."

Die Musterlösung ist nur eine Möglichkeit

In Oskars Fall gab es 373 Hausarbeiten zu korrigieren – eine unmögliche Aufgabe für einen alleine, vor allem in der kurzen Zeitspanne von einem Monat, die die Korrektoren haben. Wie viele Korrektoren die 373 Hausarbeiten korrigiert haben, ist nicht bekannt, da das Institut sich nicht dazu äußern will.

Für die Bewertung bekommen die Korrekturassistenten eine Musterlösung. "Die Musterlösung ist aber nur eine Möglichkeit, das Ganze zu lösen. Es gibt in der Forschung Meinungsstreitigkeiten. Je nachdem welcher Meinung man folgt, kann die Klausur anders ablaufen, das ist dann nicht falsch", erklärt Kachel. Studierende könnten das eigentlich auch an der Aufgabenstellung erkennen: "Da muss man als Student immer auch taktisch gucken, was der Korrektor eigentlich von mir will."

"Bei Jura kommt es viel mehr auf die Argumentation und die Schwerpunktsetzung an." Daniel Kachel

Das ist ein Problem aller textbasierten Prüfungen: Es gibt in vielen Fragen kein eindeutiges Richtig oder Falsch. "Bei Jura kommt es viel mehr auf die Argumentation und die Schwerpunktsetzung an", sagt Kachel. Das gibt den Korrektoren einen gewissen Spielraum in der Bewertung. Und dann kommt es eben letztlich darauf an, ob die Lösung, die ein Student gefunden hat, dem Korrektor gerade passt oder eben nicht.

"Mein Fall steht doch für sich. Wer da noch das System als fair beurteilt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank", findet Oskar. Tatsächlich seien zwei verschiedene Noten für die gleiche Leistung aber nicht ungewöhnlich im Jurauniversum, so Kachel. Wenn nämlich ein Studierender mit seiner Bewertung nicht einverstanden ist, kann er remonstrieren. Also Widerspruch einlegen. Bei einer Klausur oder einer Hausarbeit remonstrierten normalerweise etwa 5 bis 10 Prozent, schätzt Kachel. "Dass die Note dann geändert wird, ist auch nicht ungewöhnlich. Bestimmt 30 bis 50 Prozent bekommen eine andere Note."

Eine dritte Note kommt ins Spiel

In Oskars Fall kam es schließlich auch zu einer Art Remonstration: Zuerst hat er seinen Dozenten angesprochen. "Der hatte überhaupt keine Antwort darauf und war sehr perplex." Dann ist Oskar zum Professor gegangen, der beide Hausarbeiten wieder an sich genommen habe. Am Ende wurde die Arbeit dann weder mit 5 noch mit 9 Punkten bewertet, sondern mit 8. Der Schnitt insgesamt liegt bei 6,9 Punkten – Oskar ist zufrieden.

Aber der Student ist über das Vorgehen doch verwundert: "Das Krasse war, dass die zweite Hausarbeit verschwunden war. Meine 5-er Hausarbeit war, O-Ton: Von einer Sekretärin verschlampt worden", sagt Oskar. Das Institut möchte sich zu dem Fall nicht äußern.

Soll der Fall unterschlagen werden?

"Das wirkt ein bisschen wie Unterschlagung. Als würde man nicht wollen, dass das noch weiter Wellen schlägt." Genau das ist Oskar aber wichtig, Öffentlichkeit zu erzeugen. Damit sich etwas ändert, an einem – wie er findet – intransparenten Bewertungssystem. Vielen Studierenden fehle das Gefühl, adäquate Rückmeldungen auf ihre Leistungen zu bekommen.

Oskar wünscht sich daher zwei Dinge. Erstens: "Dass den Korrektoren adäquate Lösungsskizzen mit auf den Weg gegeben werden, dass die genau wissen, was gut oder schlecht ist." Und zweitens: "Dass eine gewisse Transparenz entsteht. Ich glaube, es ist kein großer Akt, ein Verzeichnis zu machen mit den Leuten, die das korrigiert haben, und dann kann sich jeder selbst im Zweifelsfall mit der Person auseinandersetzen." Nichtsdestotrotz behält Oskar ein positives Bild seines Studiums.
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