Wie ein Freiburger Jugendliche vor islamistischem Extremismus bewahren will

Sina Gesell

Freiburger Lehrer sorgen sich - angeblich zeigen einzelne Schüler islamistische Tendenzen. Der Staatsschutz geht Verdachtsfällen nach, sieht aber keine konkrete Gefahr. Das Projekt "Turuq" will präventiv tätig werden:



Der Fall Yannick N. war der Auslöser für das Projekt "Turuq", mit dem das Informationszentrum Dritte Welt Jugendliche über Islamismus und Salafismus aufklären will. Der 23-jährige Freiburger Yannick N. ist für einen Sprengstoffanschlag im Irak verantwortlich, den er im Namen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) 2015 verübt hatte. Nach BZ-Informationen machen sich einige Lehrer Sorgen um einzelne Schüler, die islamistische Tendenzen zeigen.


Öffentlich äußern wollen sich die Lehrer nicht. Zu groß sei die Gefahr, dass sich die einzelnen Schüler wiedererkennen. In manchen Fällen haben die Lehrer den Staatsschutz eingeschaltet, was dieser gegenüber der BZ auch bestätigt: "Hin und wieder werden uns Verdachtsfälle gemeldet, denen wir dann auch nachgehen müssen", teilt Polizeisprecherin Laura Riske auf Anfrage mit. Hinweise kämen auch von Vereinen, Angehörigen oder dem sozialen Umfeld des Schülers. Beobachtet würde momentan allerdings keiner. "Wir haben derzeit in Freiburg keine konkrete Gefahrenlage", heißt es weiter. Über Personen, die der Staatsschutz auf dem Schirm habe, könne aus "taktischen Erwägungen" keine Aussage getroffen werden.

Mit Islamismus können Jugendliche provozieren

In Verdachtsfällen prüft der Staatsschutz nach eigenen Angaben auch, ob eine Ausreise in ein Krisengebiet wie nach Syrien oder in den Irak beabsichtigt ist. Noch viel früher setzt dagegen das Projekt "Turuq" des Freiburger Informationszentrums Dritte Welt (IZ3W) an, das sein Büro in der Kronenstraße hat. "Der Schwerpunkt liegt im präventiven Bereich noch weit vor etwaiger Ideologisierung oder Radikalisierung", erklärt Projektleiter und Islamwissenschaftler Karim Saleh. Nahezu täglich erhalte er eine Anfrage von einer Schule oder Elternverbänden. Was Saleh dann anbieten kann, sind Fachgespräche und Projekttage an Schulen, Workshops oder Infomaterialien.

Islamismus als "trendige Provokation"

Der Großteil der Lehrer will sich laut Saleh ohne dringende Not informieren. Lediglich hin und wieder meldeten sich Lehrer, die sich um ein, zwei Schüler sorgten. "Radikalisierungsprozesse passieren in der extremsten Form sehr selten", sagt Saleh. Islamismus sei derzeit der "trendigste Bereich" unter Jugendlichen, um zu provozieren. Dies rühre meist daher, wenn sich junge Menschen fremd in der Gesellschaft fühlen.

Wenn sie allerdings andere abwerten, antipluralistische Tendenzen äußern oder versuchen zu missionieren, sei die Grenze überschritten. "Wenn ich das Gefühl habe, dass der Jugendliche schon tiefer drin steckt, hört meine Arbeit auf", sagt Saleh. Dann gehe es bereits um eine De-Radikalisierung, für die andere Beratungsstellen zuständig seien wie das Violence Prevention Network, an das er weitervermittelt.

Bei "Turuq" dagegen gehe es auch darum, den Jugendlichen Religionen zu vermitteln, Pluralität aufzuzeigen und Ressentiments abzubauen. Vertreter verschiedener Religionen berichteten über ihren Glauben. Dafür kooperiert das IZ3W auch mit den Moscheen in Freiburg. Von der Abdurrahman-Moschee in Herdern, die als Sammelpunkt der salafistischen Szene in Freiburg gilt, versucht das IZ3W laut Saleh die Jugendlichen fernzuhalten. Dennoch möchte der Islamwissenschaftler auch mit den dortigen Verantwortlichen das Gespräch suchen.

Das Projekt

"Turuq" ist arabisch und bedeutet "Wege". Gestartet ist das Projekt 2015 unter dem Titel "Jugend und Islamismus". Karim Salehs Projektstelle wird teilweise finanziert durch Mittel des Bundesprogramms "Demokratie leben", durch das die Stadt Freiburg jährlich 55 000 Euro bekommt und lokale Initiativen fördert, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung starkmachen. Träger des IZ3W ist der Verein Aktion Dritte Welt. Weitere Infos zu "Turuq" gibt es auf hier und auf dem Blog des Projekts. Zusätzlich erreicht man Saleh auch per E-Mail an karim.saleh@iz3w.org oder unter 0761/74003.

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[Foto: dpa]