Waldemar Hoven

Wie ein Freiburger Arzt im KZ Buchenwald zum Mörder wurde

Heiko Wegmann

Einige KZ-Ärzte waren mit Freiburg verbunden. Dazu gehörte auch Waldemar Hoven. Seine Biografie ist nur bruchstückhaft erforscht. Nach dem Morden soll er fröhlich gepfiffen haben.

Das katholisch geprägte Freiburg galt nicht als Hochburg des Nationalsozialismus. Einen öffentlichen Aufschrei gab es deshalb 1985, als die Beziehungen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele nach Freiburg international bekannt wurden. Dann dauerte es 30 Jahre, bis sie im "Schau-ins-Land"-Jahrbuch eingehend aufgearbeitet wurden.


Unbekannter ist, dass noch eine ganze Reihe KZ-Ärzte mit Freiburg verbunden war: Entweder waren sie in der Stadt aufgewachsen oder hatten hier Medizin studiert und – nicht zuletzt – jahrelang in der SS mitgewirkt. Dazu gehörten Hanns Eisele, Eduard Krebsbach, Herbert Louis und Elimar Precht.

Der Fall Waldemar Hoven ist zwar bekannter, seine Biografie ist jedoch nur bruchstückhaft erforscht.

1903 in Freiburg geboren

Ein näherer Blick gerade auch auf Freiburg bietet deshalb neue Erkenntnisse. Waldemar Hoven wurde 1903 in Freiburg geboren als Sohn von Peter J. M. und Carola Hoven. Sein Vater war Berufssoldat gewesen und im Jahr zuvor als Vizefeldwebel aus dem Heer ausgeschieden. In Freiburg fand er eine einfache Anstellung als Oberpostsekretär.

Dem Ehepaar gelang es aus diesen beschränkten Verhältnissen heraus, von 1910 an im Stadtteil Herdern ein Sanatorium der Luxusklasse aufzubauen: die Villa Hoven. Sie erwarben dazu sogar noch das Kybbad-Gut in Freiburg-Kappel. Wie sie an die nötigen Kredite und Kontakte kamen, ist ein großes Rätsel.

Job als Hollywood-Komparse

Waldemar besuchte von 1909 an Bürgerschule und Realgymnasium. 1917 kam er auf ein Internat im Schwarzwald, das von vielen Ausländern besucht wurde. 1919 bis 1921 war er in Schweden und Dänemark, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Anschließend zog er in die USA, wo er als Landwirt und zeitweilig als Hollywood-Komparse tätig war. Von 1925 bis 1930 kam Hoven zurück nach Freiburg, arbeitete auf dem Kybbad-Gut und als Gesellschafter im Sanatorium mit.

1928 gebar Emmy Brunner, die Hoven ein Jahr später heiratete, das erste der drei gemeinsamen Kinder. 1930 starb sein Vater, die Mutter führte das Sanatorium mit Hilfe der älteren Brüder Erwin und dem promovierten Arzt Hans Hoven fort. Waldemar zog es dagegen noch einmal hinaus nach Paris. Dann erkrankte der Bruder Hans und starb im Juli 1933. Waldemar wurde zurückbeordert, um ihn als Arzt im Sanatorium zu ersetzen.

Approbation erfolgte als Kriegs-Not-Approbation

Dazu legte er 1935 an der Neuburg-Oberrealschule (Kepler-Gymnasium) das Abitur ab und begann im Alter von 32 Jahren an der Universität Freiburg Medizin zu studieren. Das Vorphysikum bestand er im zweiten Versuch, seine Approbation erfolgte Ende 1939, nach Einberufung zur Waffen-SS, als Kriegs-Not-Approbation.

Wie kam es, dass Waldemar in die Waffen-SS einberufen wurde, wie standen er, sein Bruder Erwin und die Mutter zum Nationalsozialismus? Nach Angaben der Mutter unterstützte die Familie NS-Formationen bereits vor 1933 erheblich durch Spenden. Sohn Erwin Hoven (1898-1969), Prokurist und Geschäftsführer im Familienbetrieb, trat am 1. Mai 1932 der NSDAP, im Jahr darauf der SS bei. 1938 wurde er zum Unter- und 1942 zum SS-Obersturmführer ernannt. Seine Frau Erika war eine der wenigen Ehefrauen Freiburger SS-Angehöriger, die förderndes Mitglied der SS war.

Überzeugter Nationalsozialist

Aus Paris zurückgekehrt, folgte Waldemar dem Bruder in die SS (Aufnahme 1. November 1933) und in die NSDAP. Beide sorgten als Fahrzeugbesitzer für die Mobilität der Partei. 1939 hatte Waldemar die Stellung eines Scharführers inne. Sein Vorgesetzter Hauptsturmführer Albert Mutz beurteilte ihn von den "dienstlichen und militärischen Leistungen" her nur als "zufriedenstellend", in seiner weltanschauliche Festigung aber als "ausgeprägt": Er sei "überzeugter Nationalsozialist".

Im Juli 1939 brachte sich Hoven beim Reichsführer-SS ins Spiel, indem er ihm einen Originalbrief Friedrich Schillers schenkte. Himmler ließ Erkundigungen über ihn einziehen, um ihn zur "Mitarbeit" heranzuziehen. Wenige Tage nach dem Überfall auf Polen wurde Hoven am 9. September zur Waffen-SS einberufen. Nach kurzer Infanterie-Ausbildung und der Kriegs-Not-Approbation kam er als Hilfs-Sanitätsoffizier zum SS-Lazarett im KZ Buchenwald bei Weimar, das seit 1937 bestand.

1943 wurde er verhaftet

1940 als Truppenarzt für das Wachpersonal zuständig und gleich zum Obersturmführer der Reserve befördert, wurde Hoven Ende 1940/Anfang 1941 als zweiter Lagerarzt direkt im KZ eingesetzt. 1942 wurde Hoven zum Hauptsturmführer und SS-Standortarzt Weimar befördert, war also verantwortlich für die Truppen wie auch für die KZ-Häftlinge.

Im September 1943 wurde Hoven vom SS- und Polizeigericht Kassel in Untersuchungshaft genommen. Ihm wurde vom ermittelnden SS-Richter Konrad Morgen vorgeworfen, tief in den "Korruptionskomplex" um den früheren KZ-Kommandanten Karl Otto Koch und dessen Ehefrau Ilse verwickelt gewesen zu sein. Dieses Bereicherungssystem beruhte auf der Abschröpfung der Häftlinge, Schwarzmarktgeschäften und Bestechung, "schädigte" aber auch die SS selbst.

Doktortitel wegen Täuschung aberkannt

Die Habsucht und Prasserei der Kochs war begleitet von Sadismus, der eine hohe Zahl willkürlicher Morde einschloss. Hoven, als Arzt unfähig, aber mit weltmännischen Umgangsformen, habe sich, so Richter Morgen, seine Stellung durch Beziehungspflege erarbeitet: zu Koch, zum (barbarischen) Führer des Zellenblocks Martin Sommer wie auch durch eine intime Beziehung zu Ilse Koch. Um ihre Verwicklung zu vertuschen, vergifteten Sommer und Hoven im September 1943 einen verhafteten SS-Oberscharführer und täuschten eine Selbsttötung vor. Dieser Fall hatte zur Verhaftung Hovens geführt.

Seine Arbeit als Arzt überließ er oft Häftlingen. Zudem ließ er sich bestechen und duldete die Liquidierung von Gegnern oder war persönlich daran beteiligt. Von den Häftlingsmitarbeitern Gustav Wegerer und Kurt Sitte ließ er eine Studie konzipieren und schreiben, mit der er 1943 von der Universität Freiburg promoviert wurde. 1947 wurde ihm der Doktortitel wegen Täuschung wieder aberkannt – nicht weil die Arbeit auf Versuchen an Häftlingen beruhte.

Zu Hovens Tätigkeiten gehörte die "Selektion" geisteskranker oder nicht arbeitsfähiger Häftlinge, die im Rahmen der "Aktion 14 f 13" in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg ermordet wurden. Er gestand später, 1941 etwa 300 bis 400 jüdische Gefangene ausgewählt und nach deren Ermordung gefälschte Totenscheine erstellt zu haben.

Nach dem Morden pfeift er eine fröhliche Melodie

Eugen Kogon berichtete: "In Buchenwald schlenderte Dr. Hoven einmal, als er eine Reihe von Häftlingen durch Evipannatrium-Spritzen 'umgelegt' hatte, eine Zigarette in der Hand, aus dem Operationssaal, fröhlich die Melodie vor sich hin pfeifend: 'Und wieder ein schöner Tag zu Ende...'." SS-Richter Morgen befand 1943, Hoven sei kein üblicher Verbrechertyp, sondern durch die Besonderheit der KZ-Verhältnisse geprägt. In erstaunlich offener Weise schrieb er, dass dort die Hemmungen fielen und das Austoben niedrigster Instinkte erlaubt sei. Hoven verfüge über beste Beziehungen, zeige ein sympathisches Benehmen, dies dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein "haltloser, hohler Mensch" sei. "Das gesamte bisherige Leben Dr. Hovens ist eine einzige Lüge."

Hoven blieb bis etwa Ende März 1945 in Haft. Wahrscheinlich wurde seine Haft in den chaotischen letzten Kriegstagen wegen Ärztemangels ausgesetzt. Nach der Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April wurde er am 5. Juni von der US-Armee wieder inhaftiert.

Zum Tode verurteilt

Im Nürnberger Ärzteprozess (9. Dezember 1946 bis 20. August 1947) wurde er von einem amerikanischen Militärgericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte am 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech, obwohl sich einige ehemalige Häftlinge zu seinen Gunsten geäußert sowie eine Reihe Gnadengesuche eingegangen waren, darunter eines vom Freiburger Erzbischof Conrad Gröber.

Hovens Frau versuchte auch mit ihrem späteren zweiten Ehemann, dem Werkzeugmaschinenhändler Georg Noll, den badischen Staatspräsidenten Leo Wohleb zu einem Gnadengesuch zu bewegen. Dieser war zwar dazu geneigt, die Landesregierung und der Generalstaatsanwalt Karl Siegfried Bader lehnten dies jedoch ab.

In einem Dankschreiben an Noll aus der Landsberger Haft zeigte Hoven keine Einsicht, vielmehr schilderte er sich als den verratenen Retter von Buchenwald. Das KZ bezeichnete er als "trotz der furchtbaren Zustände (für Außenstehende) gemessen an den anderen Lagern – eine Oase". SS-Dienststellen habe er nur bestochen, um Häftlingen zu helfen, dafür müsse er ausgezeichnet statt verurteilt werden.

Der Text basiert auf dem längeren Beitrag des Freiburger Sozialwissenschaftlers Heiko Wegmann in "Täter Helfer Mitläufer: NS-Belastete aus Südbaden".

Buchvorstellungen

» Breisach, 6. März: Museum für Stadtgeschichte, Rheintorplatz 1, 19 Uhr. Mit Vorträgen von Christiane Walesch-Schneller, Heiko Wegmann und Wolfgang Proske.
Freiburg, 7. März:
Landeszentrale für politische Bildung, Bertoldstraße 55, 19.30 Uhr. Mit Vorträgen von Christiane Walesch-Schneller, Bernd Hainmüller, Heiko Wegmann und Wolfgang Proske
» Emmendingen, 8. März: Bürgersaal im Alten Rathaus, Marktplatz 1, 19 Uhr. Mit Vorträgen von Christiane Walesch-Schneller und Wolfgang Proske.
Offenburg, 14. März: Museum im Ritterhaus, Ritterstraße 10, 19.30 Uhr. Mit Vortrag von Michael Kitzing
» Lörrach, 20 .März: Kreistagssaal des Landratsamtes, Palmstraße 3, 18 Uhr. Mit Vorträgen von Hansjörg Noe, Wolfgang Bocks, Ulrich Tromm und Wolfgang Proske.

Täter, Helfer, Trittbrettfahrer

Das Buch: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus Südbaden. Kugelberg Verlag Gerstetten. 422 Seiten. 19,99 Euro.

Inhalt: Der Band enthält 25 Porträts von Menschen aus Südbaden, die als Täter im "Dritten Reich" schuldig geworden sind: Rudolf Allgeier (Lörrach), Ernst Bäckert (Meßkirch, Stockach), Heinrich Bieg (Villingen, Freiburg), Reinhard Boos (Lörrach), Hermann Burte (Maulburg), Conrad Gröber (Freiburg), Wilhelm Gutmann (Tiengen), Karl Hauger (Neustadt, Wolfach), Heinrich Höfler (Freiburg, Emmendingen), Waldemar Hoven (Freiburg), Karl Jäger (Waldkirch), Franz Kerber (Freiburg), Kurt Rahäuser (Lörrach, Kleines Wiesental), Wolfram Rombach (Offenburg), Jakob Schaffner (Basel, Straßburg), German Josef Schillinger (Breisach-Oberrimsingen), Albert Leo Schlageter (Schönau), Albert Schöni (Wiesental), Hanns Martin Schleyer (Offenburg), Theodor Schmid (Blumberg), Oskar Schmoll (Donaueschingen, Freiburg, Waldshut), Achim Tobler (Rheinfelden), Emil Tscheulin (Teningen, Köndringen), Paul Werner (Appenweier, Freiburg), Karl Winter (Steinen).