Porträt

Wie ein Berliner DJ nach Freiburg kam - und einen Bioladen eröffnete

Stephanie Streif

1200 Artikel verkauft Dirk Anselm, der lange in Berlin lebte, auf 19 Quadratmetern in seinem Geschäft in Kappel.

KAPPEL. Vor 14 Jahren war Dirk Anselm zum ersten Mal in Freiburg. Damals stand er für die Sängerin Caró an Plattenteller und Mischpult und hat ihre Musik live geremixt. Heute steht der 53-Jährige in Kappels Naturkostladen hinter der Ladentheke und verkauft Bio. Der Nicht-mehr-Berliner ist der neue Inhaber des gerade mal 19 Quadratmeter großen Ladens an der Moosmattenstraße.

Seit 2002 ist viel passiert. Anselm kann sich noch gut daran erinnern, wie er mit Sängerin Caró nach dem Konzert auf der Rückfahrt bei Baden-Baden im Stau steckengeblieben ist. Es war Sommer, heiß, auf der Straße ging nichts voran: Also hat sich Dirk Anselm seine Gage noch im Auto ausbezahlen lassen, ist wieder zurück nach Freiburg getrampt und eine Woche geblieben. Er habe eine super Zeit in Freiburg gehabt. "Seit jenem Sommer wusste ich, sollte ich Berlin jemals verlassen, dann, um hierher zu kommen", erzählt er. Es hat ein bisschen gedauert. Aber so kam es.


Seit 1988 arbeitet Anselm, der ursprünglich aus Bad Homburg stammt und im Rhein-Main-Gebiet aufwuchs, in der Naturkostbranche – als Verkäufer, im Vertrieb, als Ausbilder. Wie er dazu gekommen ist? "Halt so." Mitte der achtziger Jahre sei er Erzieherhelfer in einer Kita in Berlin-Kreuzberg gewesen, in der es – so Anselm – "sehr alternativ, sehr anthroposophisch" zugegangen sei, auch in Sachen Ernährung. Das habe ihm gefallen. Aber auch seine Mutter, die von Beruf Köchin war, habe immer sehr großen Wert auf gutes Essen gelegt. "Ich komme aus einer einfachen Arbeiterfamilie", erzählt er, "aber für die kulinarische Versorgung ihrer fünf Kinder hat sie sich gerne mal ein Bein ausgerissen. Oder auch zwei." Zwischendurch und nebenher hat Anselm sich immer wieder in anderen Jobs ausprobiert. Er war auf der Schauspielschule, hat in einer Werbeagentur gejobbt, in einer Waldorfschule gekocht und immer wieder gekellnert.

Als DJ hat er ab und zu in Freiburg aufgelegt

In einer Kneipe habe er auch mal eine Zeit lang Cocktails gemixt und, wenn zwischendurch Zeit war, Musik aufgelegt. An einem dieser Abende wurde er von drei Frauen, die bei einem seiner Cocktails beisammen saßen, angesprochen, ob er denn nicht auch in ihrem Club auflegen wolle. Und Anselm wollte. Seither war Dirk Anselm nachts als "Tom Leon" in der Szene unterwegs – in, aber auch außerhalb Berlins. Er hat auch einige Male im Freiburger "Waldsee" (am gleichnamigen See) und in "Schmitz Katze" an der Haslacher Straße aufgelegt.

Das könne man mal eine Zeit lang machen, so Anselm, aber irgendwann sei man fürs Nächte-Durchmachen halt zu alt. Naja, und dann war da immer noch diese Idee in seinem Kopf, Berlin endgültig zu verlassen und nach Freiburg zu ziehen.

2007 schaffte er den Absprung. Anselm, der längst ausgebildeter Kaufmann für Nahrungs- und Genussmittel war, nahm erst einen Job im oberfränkischen Töpen an. Für den Bio-Großhändler Denree erstellte er E-Learning-Plattformen für Mitarbeiter und bildete Azubis aus. 2009 war es dann so weit – Anselm zog nach Südbaden, arbeitete erst in einem Biomarkt in Eichstetten und seit 2011 im "Biokeller" in der Wiehre. Dort würde er vermutlich immer noch verkaufen, hätte da nicht dieser Zettel an der Pinnwand im Innenhof des Biokellers gehangen. "Kleiner Bioladen in Freiburg-Kappel abzugeben", stand drauf – und schwupp, schon hatte Anselm den Zettel in der Hand, um sich ein paar Tage später der bisherigen Inhaberin Ulrike Bran als möglicher neuer Besitzer vorzustellen. "Als ich das erste Mal in den Laden kam, wusste ich gleich: das ist es", so Anselm. "So klein er auch ist." Gewaltige Veränderungen wird der neue Ladenbesitzer erst einmal keine vornehmen. Neu ist allerdings die Käsetheke, da die alte kurz vor der Ladenübergabe kaputtging. Mehr Obst und Gemüse wolle er künftig verkaufen und ein neues Kassen- und Warenwirtschaftssystem brauche er auch. Aber sonst passt alles – sowohl von der Größe als auch von der Wirtschaftlichkeit.

Dirk Anselm hat Berlin gegen Freiburg eingetauscht. "24 Jahre Hauptstadt haben gereicht", sagt er. Auf den Straßen Kappels jedenfalls ist nicht viel los. Wenn Anselm in seiner roten Schürze vor seinen Laden tritt, um frisches Obst und Gemüse in die dort ausgestellten Kisten zu legen, ist außer ein paar Vögeln nichts zu hören. Ab und an ein bisschen Schulhoflärm von schräg gegenüber – das war’s. Anselm mag das. Er ist angekommen.




Der Laden

Den kleinen Naturkostladen in der Kappler Moosmattenstraße 5 gibt es seit 28 Jahren. Dirk Anselms Vorgängerin Ulrike Bran führte ihn fast 13 Jahre. Sehr wahrscheinlich, so Anselm, sei er der siebte Betreiber. In dem Laden sind auf 19 Quadratmetern rund 1200 Artikel untergebracht. Anselm vermutet, dass sein Laden einer der kleinsten Bioläden Deutschlands ist. Geöffnet ist der Laden außer Sonntag morgens zwischen 8.30 und 13 Uhr sowie nachmittags zwischen 15 und 18.30 Uhr, Mittwoch- und Samstagnachmittag ist geschlossen. Mehr Infos: http://www.naturkost-kappel.de  

Autor: st