Wie die Polizei versucht, Graffiti zu bekämpfen

David Weigend

Vor einem Monat hat uns ein Mitglied der Freiburger JNR-Crew über sein Leben als Lackaffe berichtet. Nun kommt der Blick von der anderen Seite: Helmut Fehr ist Ermittler bei der Freiburger Kriminalpolizei und versucht seit 2007, Sprayer auf frischer Tat zu erwischen.



Helmut Fehr leitet die zentrale Ermittlungsgruppe der Polizeidirektion Freiburg, die sich seit 2007 auch mit Graffiti befasst. Schon viele erwischte Sprayer saßen ihm gegenüber, geständige und sture. Für den Kripo-Ermittler wird es immer schwieriger, Sprayern Straftaten nachzuweisen. „Selbst der Fingerabdruck an einer Dose reicht alleine nicht aus. Wir müssen den Täter schon auf frischer Tat erwischen.“ Es sei eine Illusion, Freiburg in zwei bis drei Jahren von Graffiti zu befreien. „Dafür ist die Stadt zu groß und bereits zu beschmiert.“


Für Fehr ist illegales Graffiti eine jugendtypische Straftat. Abgesehen von der Gefahr, der sich die Jugendlichen nachts auf Bahngleisen oder beim Fassadenklettern aussetzen, bezeichnet Fehr die zivilrechtlichen Forderungen der Geschädigten als „Damoklesschwert“ für die jungen Täter: „Es gibt Firmen und Wohnungsbaugesellschaften, die sich diese Sachbeschädigung nicht bieten lassen. Sobald der Täter bekannt ist, erwirken sie gegen ihn zivilrechtlich vollstreckbare Titel, die 30 Jahre lang gelten. Das ist eine empfindliche Angelegenheit für junge Leute.“ Dazu käme noch die strafrechtliche Verfolgung.



Wenn man sich die Statistik der vergangenen Jahre anschaut, stellt man fest, dass die Sachbeschädigungen durch Grafitti bis 2007 zunahmen; danach geht die Kurve signifikant nach unten. Doch der Eindruck täuscht: der Vandalismus nimmt nicht ab, er kommt nur seltener zur Anzeige. "Bis 2007 haben wir aktiv nach neuen Graffiti gesucht und den Hauseigentümer gefragt, ob er ein tag an seiner Hauswand anzeigen will", sagt Fehr.

Seit drei Jahren sucht die Kripo nicht mehr nach tags, sondern nur noch nach Tätern. Die Polizei wartet, bis der geschädigte Eigentümer Anzeige erstattet und wird erst dann aktiv. "Die Dunkelziffer der nicht angezeigten Graffiti dürfte seit 2007 sehr hoch sein. Ich schätze, dass nicht mal jedes fünfte Graffiti angezeigt wird."  Die Aufklärungsrate der bekannt gewordenen Graffiti-Fälle in Freiburg lag 2009 bei 10,2 Prozent.

Fehr und seine Kollegen befassen sich nicht nur mit der Aufklärung von Vandalismusdelikten, sie kümmern sich auch um Prävention. „Wir halten Vorträge in Schulen und arbeiten mit beim Solidarmodell Anti-Graffiti.“ Dabei handelt es sich, verkürzt gesagt, um eine Aktion, bei der die Stadt Freiburg zusammen mit Jugendhilfswerk, Malerbetrieben und Hauseigentümern dafür sorgt, dass Straßenzüge oder ganze Stadtteile von Graffiti gesäubert werden. Auch der Täter-Opfer-Ausgleich ist Bestandteil des Modells: Sofern ein Sprayer geständig und der Geschädigte damit einverstanden ist, kann der Urheber selbst dafür sorgen, dass sein Graffiti wieder verschwindet. Das Prinzip: Wiedergutmachung statt Strafe.



"Würden alle Geschädigten in Freiburg die Graffiti beseitigen lassen, würden die Kosten dafür die Millionengrenze sicherlich überschreiten", sagt Manfred Harner, Geschäftsführer der Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus und Grund in Freiburg.

Die Deutsche Bahn muss wesentlich mehr Geld in die Hand nehmen, um Graffiti von Zügen und Bahnhofsgebäuden entfernen zu lassen: mehr als 50 Millionen Euro betrug der Schaden 2006. „Diese Zahl ist leider immer noch aktuell“, sagt Werner Graf, Pressesprecher der Bahn in Stuttgart.

Nach Fehrs Einschätzung ist Graffiti teilweise Kunst, die ihn in gewisser Weise fasziniert. „Ich könnte mir sogar vorstellen, das Tor meiner Garage von einem Graffiti-Profi spritzen zu lassen.“ Wobei er betont, dass diese Kunst eben nur dann möglich sei, wenn sie vom Eigentümer des besprühten Objekts genehmigt wurde. Selbst die legalen Graffiti-Flächen hält Fehr für problematisch: „In meinen Augen sind das Trainingsmöglichkeiten für eine illegale Tätigkeit.“

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