Wie die Polizei Social Media nutzt: Fahndungshelfer Facebook

Konstantin Görlich

Es war die Nacht auf Ostermontag. In einer Frankfurter Diskothek wurde ein Gast von Türstehern zusammengeschlagen. Er starb zwei Tage später an seinen Verletzungen. Die Kriminalpolizei hatte Fotos fünf möglicher Zeugen – und fand drei von ihnen innerhalb von zwei Tagen, nachdem sie die Fotos auf ihrer Facebook-Seite "Kriminalpolizei Frankfurt Fahndung" gepostet hatte. Ein Beispiel erfolgreicher Social-Media-Nutzung durch die deutsche Polizei.



Mit 18 Millionen Mitgliedern in Deutschland und deutlich über einer halben Milliarde weltweit ist Facebook mittlerweile das mit Abstand meistgenutzte soziale Netzwerk. Besonders junge Leute sind zu einem sehr großen Anteil sozialmedial vernetzt. Und mobil sind sie auch: Jeder vierte Haushalt besitzt ein Smartphone, zehn Millionen Deutsche gehen mobil ins Internet und 50 Prozent davon nutzen dabei am liebsten – natürlich – Social Media.


Wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen, dass sich auch die Polizei diesem Trend nicht verschließen kann. Das Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik hat europaweit die Erfolgswahrscheinlichkeit von Veränderungsprozessen in Polizeiorganisationen untersucht, darunter die Nutzung von Social Media. Demnach kann die Nutzung sozialer Netze helfen, die Öffentlichkeit einzubinden, Polizeiaktionen transparenter zu machen und insgesamt das Vertrauen in die Polizeiarbeit zu erhöhen. Jedoch könnte dies schneller und breiter geschehen, würde man nicht stark an gewohnten Rollen, Praktiken und eben auch Techniken festhalten.

In Großbritannien ist man schon einige Schritte weiter. Bei der West Midlands Police mitten in England twittern neben Hund und Helikopter auch der Chief Inspector, natürlich der Pressesprecher, die Sondereinheiten für die sechs Fußballclubs (darunter Aston Villa und Birmingham City) sowie Beamte und Einheiten aus den Bezirken. Ebenso zahlreich sind die  lebendigen Facebook-Profile.

@WMP_Helicopter: Coventry search for stolen scooter. Open area's cleared for officers

@WMPcsidogsmithy: Early shift today, have been screening for a few enquiries, over the last weeks, results hopefully to follow. Trained yesterday with Millie

@PCJenningsWMP: Its not worth it. Have a drink, have a cab not a car. Drink-driving admission by 30% of Londoners http://t.co/9pO1MLj

Und in Freiburg? Auch in Südbaden gibt es eine Twittergemeinschaft, die groß genug ist, um Unwetterfronten auf ihrem Weg durch die Stadt online zu verfolgen. Wolkenbruch am Münsterplatz? Im Vauban ist noch alles trocken!

Südbadens Polizei hält sich bei den Social Media zurück

Sogar Polizeihubschrauber sind bisweilen Gegenstand nächtlicher Tweets aufgeweckter Netzmenschen – nur die Polizei selbst hält sich zurück, was Social Media angeht. Lediglich Revierleiter Harry Hochuli findet man bei Facebook, sein Profil ist jedoch eine Fälschung.
Während neuerdings sogar der Regierungssprecher twittert, befindet sich die Polizei in Baden-Württemberg noch im Status der Überlegungen und prüft, wie man die sozialen Netzwerke am besten nutzt. Bislang ohne Ergebnis. „Insofern sind die sozialen Netzwerke auch nicht Inhalt der Ausbildung“, sagt Roland Mattern vom Bereitschaftspolizeipräsidium Göppingen. Ulrich Brecht von der Polizeidirektion Freiburg kann mit Verweis auf die laufenden Überlegungen noch keine abschließende Antwort geben: „Aus diesem Grund haben wir in Facebook bislang keinen Eintrag. Auch nicht in Twitter und den anderen sozialen Netzwerken.“

Ist das überall in Deutschland so? Die sächsische Polizei twittert immerhin automatisiert, indem sie den Strom an Pressemitteilungen auch durch @PolizeiSachsen in das soziale Nachrichtenmedium presst. Die @Polizei_Hamburg hat auf diesem Wege zuletzt Anfang April eine Pressemeldung verschickt. Einige weitere inaktive oder inoffizielle Accounts finden sich noch, aber im Prinzip war es das mit Twitter und der Polizei.

Einen anderen Weg geht die Polizei Nordrhein-Westfalen: Sie kann als erste deutsche Polizei eine iPhone-App vorweisen, die inzwischen mehr als 70000 Downloads und viele positive Nutzerreaktionen aufweisen kann. Die App kennt nicht nur den Weg zur nächsten Polizeiwache, sondern kann standortbezogen über Meldungen und Fahndungen benachrichtigen. So richtig Social Media ist das aber noch nicht, weil eben nur in eine Richtung kommuniziert wird. Wer seine Polizei nicht nur followen und finden, sondern auch frienden und liken will, sollte einmal einen Blick nach Hannover werfen. In der niedersächsischen Landeshauptstadt sind die Ordnungshüter mit einer eigenen Facebook-Seite seit Mitte Februar optimal sozialmedial vernetzt – ein umfassender Modellversuch, der Schule machen könnte.



Auf den ersten Blick wird auch die Facebook-Seite aus Hannover hauptsächlich mit Zeugenaufrufen gefüttert. Der soziale Aspekt findet aber unter den Meldungen statt, die stets mit „Zeugenaufruf. Bitte teilen!“ eingeleitet werden. Um die 20 „Likes“ erhalten viele der Aufrufe, in den Kommentaren findet man alles von Bestürzung über jugendliche Straftäter bis hin zu Belustigung über dumme Straftäter, oft auch beides. Die Kommentare werden gelesen und die Polizei antwortet. Wird beispielsweise von Nutzern angemerkt, dass der Klick auf „gefällt mir“ unter Fahndungsaufrufen unpassend sein könnte, wird entgegnet, dass man sich über jede Weiterverbreitung, egal ob „like“ oder „share“ freut und ein „gefällt mir“ gewiss nicht als Billigung der jeweiligen Straftat versteht.

Die Polizei Hannover hat fast 17000 Facebook-Fans

Positive Meldungen wie jene über Polizisten als Geburtshelfer, die es mit einer Schwangeren im Streifenwagen gerade noch ins Krankenhaus geschafft hatten, gefallen denn auch fast 200 Mal, ähnlich wie das Video des Polizistinnenchores. Über 17000 Fans hat die Polizei Hannover zurzeit.  Zum Vergleich: Die Fußballer von Hannover 96 haben knapp 95000 Facebook-Fans und Eurovisionssternchen Lena Meyer-Landrut, ebenfalls aus Hannover, bringt es auf deutlich über eine halbe Million. Macht aber nichts: Reichweite wird bei Facebook sozial generiert. Eine der ersten Vermisstenfahndungen aus Hannover wurde mehr als 10000 mal „geteilt“. Letzter Anstoß für die Hannoveraner, sich bei Facebook zu engagieren, war ein Fall aus  Gummersbach. Ein Vater hatte seine Tochter bei der Polizei als vermisst gemeldet, nahm die Facebook-Fahndung jedoch selbst in die Hand – mit unerwarteten Folgen: Die zuständige Polizeidienststelle war auf die vielen Anrufe, die der Aufruf ausgelöst hatte, nicht vorbereitet und hatte Mühe, der Vielzahl an Hinweisen nachzugehen.

„Wir finden, dass die Polizei Vermisstenmeldungen im Internet nicht allein den besorgten Vätern überlassen sollte. Die Polizei sollte versuchen, auch im Internet die Kommunikation zumindest zu beeinflussen und Inhalt und Zeitpunkt einer solchen Vermisstenmeldung selbst bestimmen“, sagt Stefan Wittke von der Polizei Hannover. Was in der Leinestadt ausschlaggebend für den polizeilichen Facebook-Einstieg war, sieht man an der Dreisam eher skeptisch. Mit „Die Polizei wurde grenzenlos mit Hinweisen überfrachtet“ und „Die Ermittlungsbehörde war blockiert“ fasst Ulrich Brecht mit Blick auf den Gummersbacher Fall die Angst vor Vermisstenmeldungen im Internet zusammen. Er vermutet: „Es wäre sicherlich ähnlich verlaufen, hätte die Polizei selbst einen solchen Facebook-Eintrag geleistet.“ Stefan Wittke berichtet Gegenteiliges: „Von einer nicht zu bewältigenden Anrufflut kann keine Rede sein. Das war bei keinem der von uns über Facebook veröffentlichten Zeugenaufrufe der Fall.“

Einen nennenswerten Ermittlungserfolg, der mit Hilfe von Social Media zu Stande kam, kann man weder in Freiburg, – wo man, wie überall sonst auch, „bereits heute, je nach Deliktart, auch die  sozialen Netzwerke durchforstet“ – noch bei Facebook in Hannover vorweisen. Es dürfte allerdings nur eine Frage der Zeit sein, bis Kommissar Zufall einer der reichweitenstarken Facebook-Fahndungen zum Erfolg verhilft.

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  [Illustration: Karo Schrey]