Wie die Leiche in die Urne kommt

David Weigend

Hans-Georg Textor, 45, arbeitet im Freiburger Krematorium. Zwischen 800 und 1000 Särge schiebt er pro Jahr in den Ofen. Wie funktioniert das genau? Ein Besuch zwischen Leichenwagen, Aschenkapsel und Knochenmühle.



Der Raum mit den weißen Kacheln ist klein und wie es darin zugehen soll, darüber hat sich Hans-Georg Textor schon gruselige Geschichten anhören müssen. Dass man die Toten aus dem Sarg wieder herausnehme, bevor sie in den Ofen kommen; dass es auch Scheintote gebe, die sich aufbäumen, sobald man den Sarg öffnet. „Also, ich hab das noch nicht erlebt“, sagt Textor.


Seit 1984 arbeitet der gelernte Schreiner hier. Er ist technischer Leiter des Krematoriums auf dem Hauptfriedhof. Früher hat man Ofenmeister dazu gesagt, im Bayerischen nennt man diesen Beruf Heizer, aber das hört Textors Chef Bernhard Keller nicht so gern. Wir wollen uns von ihm erklären lassen, wie ein Toter zu Asche wird.



„Hier draußen kommt der Leichenwagen angefahren“, sagt Textor. Von dort aus verlädt er den Sarg auf einen Hubwagen, der auch eine Wiegefunktion hat. „Wir müssen wissen, wie schwer der Sarg mit dem Verstorbenen ist, um den Ofen richtig einzustellen.“ Dann vergleicht er die Einäscherungsnummer auf seinem Plan mit der auf dem Schamottstein.

Dies ist ein feuerfester Stein, der die Asche des Toten identifiziert. Der Schamottstein kommt auf den Sarg, ins Feuer und später in die Urne. Verwechslungen darf es da keine geben.



Textor wärmt den Ofen vor, auf 850 Grad. Türe auf, Sarg rein, Türe zu. Die Temperatur steigt auf 900 bis 1000 Grad. Der Tote brennt, mal 90 Minuten, mal zwei Stunden, meist 1:40 Stunden. Die Dauer hängt ab vom Gewicht des Toten und der Holzart des Sargs. Die Särge sind aus Vollholz: Tanne, Fichte, Kiefer, Eiche. Die Eichensärge verbrennen am langsamsten. Man kann ihnen dabei nicht zusehen, der DFW-3000 Cremator hat kein Fenster.



Anschließend wird der Ofen auf 600 Grad runtergekühlt. „Ich mache dann die Tür einen Spalt auf, nehme diesen langen Stahlbesen und ziehe die Knochenreste hervor. Die kehre ich in den Aschenkasten.“



Was im Aschenkasten landet, ist noch nicht der Urneninhalt. Zuerst muss Textor die Überreste mit einem Magneten abtasten. So zieht er „Grobmetall und Implantate“ aus den Körperresten. Textor holt einen Eimer hervor. Es macht ein hässliches, klackerndes Geräusch, als er darin kramt. Künstliche Hüftgelenke. „Schauen Sie, da sind die abartigsten Teile drin.“

Der Ofenmeister hebt ein spitzes, längliches Metallteil in die Höhe. Es sieht aus wie ein zerbeultes Bajonett, das auf dem Schlachtfeld von Gettysburg 1863 zum Einsatz kam. „Was das ist? Gute Frage. Vielleicht irgendwas vom Oberschenkel.“ Jedenfalls muss es raus, „sonst schmiert die Knochenmühle ab.“



In der Knochenmühle jedenfalls wird der Rest vom Toten urnengerecht pulverisiert. Das Ganze kommt schließlich in die Aschenkapsel, dazu der Schamottstein. Deckel drauf, Plombe drauf, fertig. „Die Urne wiegt dann zwei bis drei Kilo. Je nachdem, wieviel vom Menschen übrigbleibt.“



Herrn Textor wird die Arbeit nicht ausgehen. Er wird den Kollegen im Schrebergarten des Formel 1 Club Hugstetten noch lang von seinem Berufsalltag als Heizer erzählen können. Derzeit liegt der Anteil der Feuerbestattungen in Freiburg etwa bei 60 Prozent, Tendenz steigend. Sie kostet mit 550 Euro nur halb soviel wie die Erdbestattung, aber wird wohl auch deshalb beliebter, weil die Vertreter der Kirche ihre strenge Haltung gegenüber der Urnenbeisetzung allmählich lockern.



„Die Erzdiözese hat das Krematorium traditionell abgelehnt“, sagt Bernhard Keller, 56, und Betriebsleiter der Freiburger Friedhöfe. „Noch vor einigen Jahrzehnten haben Sie keinen katholischen Pfarrer für eine Beerdigung bekommen, bei der ein Toter eingeäschert wurde.“

Trotz des Aufwärtstrends bedauert es Keller, dass es ihm kaum gelinge, die Auslastung des Freiburger Krematoriums zu steigern. Die Konkurrenz im Elsass sei hart und „scheinbar billiger“, so dass Keller sogar von „Leichentourismus“ spricht.



Zum Schluss stellen wir Herrn Keller noch eine Frage, die uns selber nicht ganz angenehm ist: „Haben Sie schon darüber nachgedacht, mit der Wärme aus dem Krematorium zu heizen?“ Keller, aus Buchenbach übrigens, lehnt sich zurück und sagt: „Heizung betreiben mit dem Verbrennen Verstorbener, das ist eine Pietätsfrage. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sollte ich sagen: Wir müssen diese Abwärme nutzen. Aber: Die 17 Freiburger Friedhöfe haben es nicht verdient, ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien beurteilt zu werden. Das ist für mich zentral.“

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