Wie die Klassik den Absatzmarkt Internet entdeckt

Manuel Fritsch

Jahrelang beherrschte die CD den Klassikmarkt, doch zunehmend versuchen Anbieter auch klassische Musik im Netz zu verkaufen. Dabei kämpfen sie gegen eine starke Konkurrenz.

Der Streamingdienst Idagio ist eine, aber nicht die einzige Antwort der Klassikbranche auf die Digitalisierung. Schon 2008 reagierten die Berliner Philharmoniker und richteten eine "Digital Concert Hall" ein. Abonniert man sich dort, gibt es Livestreams aller Konzerte des Orchesters und zahlreiche Specials: historische Aufnahmen, Interviews, Dokumentationen.


Die Idee war wegweisend: 30 000 zahlende und 900 000 registrierte Benutzer hat die digitale Konzerthalle bislang.

"Es gab Leute, die uns lustige Fotos mit ihren Haustieren gepostet haben, oder Fotos, wie sie unsere Streams auf Handtüchern, die an einem Baum aufgespannt waren, projiziert haben", erzählt Pressesprecherin Lena Pelull. Ob das Publikum im Netz auch jünger ist als das im Konzertsaal, kann sie nicht sagen. Die Philharmoniker fragen das Alter ihrer Kunden nicht ab. Den Eindruck habe sie aber, sagt sie. Schließlich hätten sie auch 75 000 Follower auf Instagram.

Exklusive Veröffentlichungen für Club-Mitglieder

Auch Solo-Künstler suchen inzwischen nach Vermarktungsmethoden im Netz. Im November hat die Violinistin Julia Fischer einen Versuch gestartet, ihre Aufnahmen online zu verkaufen. Künftig will sie neue Einspielungen nur noch in ihrem "JF Club" veröffentlichen – und keine klassischen CDs mehr einspielen.

Clubmitglieder können die Künstlerin persönlich bei Proben, beim Unterrichten oder nach Konzerten treffen. Fischers PR-Agentin Anja Rauschardt ist bislang zufrieden: "Wir merken, dass die Fans das gut aufnehmen und dass das etwas ganz Neues ist", erzählt sie. Für Newcomer aber sei das nichts. "Es war sehr komplex, das aufzubauen.

Der Markt für klassische Musik im Internet ist jung

Man kann das eigentlich nur machen, wenn man schon bekannt ist." Gerade ist im JF Club die zweite exklusive Einspielung herausgekommen. In Videos gibt Fischer Einblicke ins Musikerdasein. Da kann man dann lernen, dass man Geigenbögen nicht so einfach in die USA mitnehmen kann – denn meist ist dort Elfenbein im Spiel.

Ob das reicht, um sich gegen die Konkurrenz von Spotify und Co. durchzusetzen, wird sich zeigen. Noch ist der Markt jung. Kämpfe um die Vormachtstellung werden noch ausgetragen. Auch eine Freiburger Firma versucht, sich einen Platz zu erarbeiten: tutticoncerti.com versammelt Livestreams aus der ganzen Welt, die der Nutzer für knapp fünf Euro im Monat geordnet und mit den passenden Zeitzonenangaben versehen serviert bekommt.

"Wir sind eine Programmzeitschrift für Klassische Musik", erklärt der Betreiber Matthias Brixel. Noch steht die Seite ganz am Anfang, doch schielt Brixel auf ein internationales Publikum. "Es gibt so tolle Sachen", sagt er. "Sei es ein Kammerkonzert in New York oder ein Opernabend in Pekin." Mit Tutticoncerti soll man die nicht mehr mühsam suchen müssen, sondern sie direkt nach Hause geliefert bekommen.

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