Wie der Flüchtling Saleh als Koch in der Freiburger Fußballschule dem Wohnheim-Alltag entgeht

Niklas Batsch

Saleh ist Flüchtling, Koch – und mit seiner Aussprache von "Wurschd" fast schon Badner. Der 22-Jährige flüchtete vor 15 Monaten aus dem syrischen Aleppo und kocht inzwischen in der Fußballschule des SC – und drückt dem Verein die Daumen.

Es ist ein sonniger April-Nachmittag und noch ein bisschen frisch, als er zu mir ins Büro kommt. Saleh scheint das nichts auszumachen, in T-Shirt und Flip Flops sitzt er mir entspannt gegenüber. In einer Flüchtlingsunterkunft im Freiburger Osten wohnt der 22-Jährige. Ich arbeite dort als Bufdi und doch sehe ich Saleh nur selten. Seine Zimmernachbarn sagen mir, dass er mal wieder unterwegs ist. Deutsch lernen – oder arbeiten. Saleh kocht in der Fußballschule des SC Freiburg.


Er hat sechs Jahre lang in seiner Heimat, im syrischen Aleppo, als Koch gearbeitet – bis er fliehen musste. Dass er an diese Zeit nicht mehr zurück denken möchte, kann ich gut nachvollziehen. Und doch wirft er – irgendwie auch sehnsüchtig – einen Blick in die Vergangenheit: "Meine Großeltern kommen aus Palästina", berichtet Saleh.

Saleh kommt aus Aleppo

Das sei mit ein Grund gewesen, dass er in einem palästinensischen Viertel von Aleppo gearbeitet hat, wie er selbst erzählt. "In einem Restaurant habe ich gekocht", erinnert er sich. Was sich zunächst einmal schön anhört, wird gleich anders klingen. In abgehackten Buchstaben schreibt mir Saleh den Ort auf, an dem er gearbeitet hat: Nerappkamp. Was sich zunächst einfach als syrisches Wort in lateinsicher Schrift übersetzt anhört, bekommt gleich eine andere Bedeutung: Ein bisschen Recherche ergibt, dass Saleh vielleicht ein Flüchtlingscamp für Palästinenser in Aleppo meint. "Europäisches Essen", sagt der junge Syrer, als ich wissen möchte, was er in seiner Heimat gekocht hat.

Seit 15 Monaten ist Saleh Mahmoud in Deutschland. Dass ich mich mit ihm auf Deutsch unterhalten kann, liegt nicht zuletzt auch daran, dass er regelmäßig Deutschkurse besucht – vor allem aber, weil er als Koch die Sprache im Alltag einsetzen kann.

Der Job erzeugt ein Selbstwertgefühl

Über eine Jobcenter-Vermittlung kam er an seine Arbeitsstelle in der Fußballschule, die ihn raus aus dem Wohnheim-Alltag bringt – und in ihm auch ein Selbstwertgefühl erzeugt.

Abwechslung ist die Devise: So kann Saleh neben deutschem Essen auch arabisch kochen. Couscous, Hähnchen und Kartoffeln, Falafel, Humus mit Sesam. Und welches deutsche Essen kocht der Syrer? Saleh überlegt, schmunzelt und lacht schließlich, als er mir antwortet: "Schnitzel".

Spaß bei der Arbeit

In der Freiburger Fußballschule ist Saleh gut aufgehoben, hat dort ein richtiges Standbein gefunden und: Er hat Spaß bei seiner Arbeit. "Für Internet", sagt Saleh, weil ich wissen möchte, für wen er kocht. "Internat", entgegne ich und Saleh wiederholt das fremde Wort, prägt es sich noch einmal richtig ein und schmunzelt: "Und für B-Jugend und zweite Team", erklärt er mir noch.

Mit Marek Kura hat Saleh auch einen Chef, der ihm nach kurzem Einlernen viele Freiheiten bei seiner Arbeit lässt. Und dann ist da noch "Frau Caprez, meine Betreuerin", wie Saleh mir glücklich erzählt. "Sie ist mir bei allem eine große Hilfe", sagt Saleh und wirkt dabei in der Tat sehr froh. Sie hilft dem Syrer beim Deutsch lernen, bei Anträgen, hat aber auch ein offenes Ohr bei Sorgen und Problemen ihres Schützlings.

Fußballbegeisterter Syrer

Dass Saleh in der Freiburger Fußballschule landet, kann man auch irgendwie als Schicksal bezeichnen: Der Syrer war schon vor seiner Arbeit hier fußballbegeistert. "Real Madrid und Freiburg", zählt er seine Lieblingsvereine auf und lacht. Auch in Syrien hat er schon nebenbei mit dem Leder gekickt. Der Fußballbezug war also immer da; wohl auch, da Salehs Vater am Stadion in Aleppo mitgebaut hat. "Viel größer als Freiburg", sagt der 22-Jährige: "fast 75.000" – und erinnert sich damit wieder an ein Stück seiner Vergangenheit.

In Deutschland sucht Saleh momentan einen Ausbildungsplatz. Natürlich als Koch. Denn seine Arbeit bei der Fußballschule ist bisher "nur" ein Minijob. Er sagt mir, dass er unbedingt als Koch arbeiten wolle, und zeigt mir währenddessen Bilder seiner momentanen Tätigkeit.

Jedes zweites Wochenende steht er auf der Nordtribüne

Die Zeit ist mittlerweile auch voran geschritten – ich möchte von Saleh noch etwas über den SC wissen. "Natürlich", antwortet der 22-Jährige, fast schon ein bisschen aufgebracht, "jeden Spieltag!", als ich frage, ob er dem SC die Daumen drückt. Jedes zweite Wochenende sei er auf der Nordtribüne – und darunter. Denn Saleh ist nicht nur Koch, sondern auch Verkäufer an einem Imbiss-Stand unter der "roten Wand" des Sport-Club. Dort verkauft er immer an Spieltagen, was der Fan-Magen begehrt. Und Saleh ist nicht nur Koch und nicht nur Verkäufer – er ist mittlerweile vor allem eines: ein waschechter Badner! Denn nicht nur Bier verkauft er, sondern, wie er selbst im breitesten und schönsten Dialekt der Welt erklärt: "Wurschd!"

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