Dorian Gray

Wie das Theater der Immoralisten auf den Narzissmus der Instagram-Generation aufmerksam macht

Carla Bihl

Mit dem Klassiker "Das Bildnis des Dorian Gray" bringen die Immoralisten Oscar Wildes einzigen Roman als Drama auf die Bühne – und spitzen das Stück besonders auf den Narzissmus unserer Zeit zu. fudder hat sich das Stück angeschaut.

Der schöne Jüngling Dorian Gray versinkt rigoros in seiner Vorstellung der Selbstentfaltung. Der integre Maler Basil Hallward jagt seiner Muse hinterher. Dandy Lord Henry Wotton übt seine Macht am unbedarften schönen Dorian. Am Ende verenden sie alle in ihrem Narzissmus – das Freiburger Theater der Immoralisten hat sich dem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde angenommen – und wie!


Dorian Gray, bildschön und jung, trägt mal schwarzes Sacco, mal rotes Jackett. Bevor das Publikum mit Applaus das Stück beendet, steht der Protagonist ein letztes Mal vor seiner teuflischen Fotografie, die an Stelle seiner für ihn altert. Er feuert einen Schuss ab, stirbt – und stellt fest: "Es ist der Himmel" – Der Himmel: Nach dem hundertminütigen Spiel der Immoralisten dürfte das Publikum an dieser Aussage zweifeln. Dorian Gray, die alte seelenlose Gestalt, die den schönen Jüngling mimt, kann am Ende nur sich selbst noch einmal glauben machen, in den höchsten Olymp der Götter eingefahren zu sein.

Der schöne Mann Dorian Grey wird bei den Immoralisten von einer Frau gespielt

Wunderbar inszeniert und die endliche Zerrissenheit des Dorian Gray perfekt ausmalend, zeigt sich Schauspielerin Chris Meiser. Eine Frau in der Besetzung des Protagonisten sollte die jungenhafte Schönheit, die in Wildes Buch gezeichnet wird, besser zur Geltung bringen – "Es gibt ihm etwas Unerotisches und macht ihn zur Projektionsfläche für alle Figuren", erklärt Regisseur Manuel Kreitmeier.

Markus Schlüter als Lord Henry Wotton zeichnet mit Leichtigkeit das Bild des zynischen Egomanen, sodass der Zuschauer sich leicht wie beim Umdrehen eines Magneten zwischen dämonisierender Anziehung und angewiderter Abstoßung verliert. Den zu Beginn integer wirkenden Basil Hallward verkörpert Jochen Kruß. Die Zerbrechlichkeit des Fotografen könnte nicht weniger im Subtext mitschwingen, als in den Bewegungen des Verliebten – immer vermittelnd den inneren Disput zwischen offensichtlicher sexueller Orientierung und gleichzeitiger Verleumdung.

Emotionslosigkeit zieht sich durch das Stück

Christina Beer als Sybil Vane wirkt schon vor dem Tot, als würde sie bewusstlos über die Bühne schweben – was aber immer wieder mit einer erhebenden Stimme kontrastiert wird. Oder Antonio Denscheilmann, der gekonnt besorgt den Bruder James Vane, der verstorbenen Sybil spielt. Für die Bühnenkonstruktion verantwortlich war Markus Wassmer, für die Musik Florian Wetter.

Regisseur Kreitmeier ist es wichtig, klare Bilder zu finden. Das schafft er nicht nur mit dem Bühnenbild, das manchmal nur mit einer Palette und einem Mikrofon, dann wieder mit einer Couch oder einem großen Bilderrahmen auskommt: Er schafft es auch mit einer fast vollständigen Emotionslosigkeit, die das Stück durchzieht: "Es ist eigentlich ein Stück, in dem man eine Versuchsanordnung sieht, bei der danach rauskommt: Ich muss etwas dafür tun, damit mein Leben nicht so leer wird wie das von Dorian Gray."

Der Roman muss neu durchdacht werden

Für den auf die Bühne gebrachten Roman, schreibt Regisseur Manuel Kreitmeier den Text komplett neu, aber auf der Grundlage der Gedanken Oscar Wildes, macht das Stück aktueller, spitzt es mehr zu auf "den Narzissmus der Gesellschaft", so Kreitmeier. Es komme im Stück nie wirklich zu einer Begegnung zwischen den Figuren: Etwas was auch heute in Zeiten von Facebook oder Instagram beobachtbar sei.

Wenn Oscar Wilde einst sagte "Die Bühne scheint mir der Treffpunkt von Kunst und Leben zu sein", dann darf Regisseur Manuel Kreitmeier für seine Inszenierung mit Fug und Recht das Adjektiv gelungen beanspruchen. Kunst und Leben: Das trifft sich in Kreitmeiers Inszenierung nämlich vor allem in der Aktualität und bestätigt sich in der Programmschrift: "Ja, es ist wert Oscar Wildes Roman neu zu durchdenken."
Was: Das Bildnis des Dorian Gray
Wo: Theater der Immoralisten
Wann: Alle Termine auf der Seite der Immoralisten

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