Wie Chatroulette für Minderjährige: Mit YouNow livestreamen Tausende ihr Leben ins Internet

Violetta Kuhn

Die Plattform YouNow macht aus Kinderzimmern Big-Brother-Sets: Jugendliche zeigen ihr Innerstes vor der Webcam, streamen die Aufnahmen live ins Netz - und die User kommentieren alles:



Klara und Beata sitzen auf der Schaukel. Die etwa 14-Jährigen färben sich auf dem Spielplatz ihre Haare blau und stellen ihre Aktion live ins Internet. Victor, um die 16, filmt sich an seinem Schreibtisch beim Kettenrauchen. Marie streamt aus dem Biologieunterricht. Als ein User sie fragt, was sie anhat, flüstert sie in die Kamera ihres Smartphones: "Leggins".


Die 13-jährige Charlotte wiederum sitzt vor der Webcam in ihrem Zimmer. Ihren 200 Zuschauern erzählt sie, dass sie noch nie einen Freund hatte und formt mit ihren Händen ein Herz, als jemand ihr schreibt: "13 Jahre und schon so süß." Ein anderer fragt, ob sie wisse, worum es in dem Erotikfilm "Fifty Shades of Grey" gehe.

Über das Streamingportal YouNow lassen Nutzer die Welt an ihrem Alltag teilhaben – und gewähren freimütig tiefe Einblicke in ihr Privatleben. Mit der Kamera an Computer oder Smartphone filmen sie sich selbst; die Zuschauer können ihren Stream anklicken und Kommentare abgeben, Fragen stellen oder Aufträge erteilen. "Sing doch mal ein Lied von...!", "Küsst euch mal!" oder "Wo wohnst du?" – das sind Klassiker in der Chatspalte.

2011 wurde die Streaming-Plattform in den USA gegründet, seit einigen Monaten erfreut sie sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Laut dem Magazin Stern haben deutschsprachige User allein im Januar 16 Millionen Livestreams online gestellt; die Zahl der hiesigen Nutzer sei binnen zwei Monaten um 250 Prozent gestiegen. Ursprünglich war die App für Musiker oder Youtube-Videoproduzenten gedacht, die mit ihren Fans in Verbindung treten wollen.

"Bin ich hübsch und beliebt?"

Auffällig ist aber: Die meisten Nutzer von YouNow sind im Teenageralter. Nicht selten hinterlassen sie ihre Handynummer, verraten, wo sie wohnen, oder antworten auf anzügliche Fragen. Die Zuschauer bleiben derweil oft hinter ihren Pseudonymen verborgen. Offiziell ist YouNow ab 13 Jahren erlaubt, kontrolliert wird das aber nicht. Matthias aus dem Breisgau erzählt beispielsweise, dass seine 11-jährige Schwester die App auch schon nutze.

"Die Faszination von YouNow liegt in erster Linie in der Suche nach Selbstbestätigung", sagt Axel Dürr, Sprecher der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK). Deshalb sei die App vor allem für Jugendliche interessant. "Auf der Plattform werden gängige Fragen der Adoleszenz beantwortet, wie zum Beispiel die Frage, ob man hübsch und beliebt ist."

Die 18-jährige Svenja aus Köln nutzt YouNow seit Herbst 2014. Vor der Webcam singt sie, was ihre Zuschauer sich wünschen. Ständig ploppen positive Kommentare auf: "Du singst voll schön." Bei Youtube müsse man viel länger auf Feedback warten. Klar habe sie über die Streaming-Plattform auch schon Gemeinheiten zu lesen bekommen.

"Es ist ja immer ein Risiko dabei, wenn man sich im Internet zeigt", sagt das Mädchen mit den rot geschminkten Lippen – aber davor sei man auch im echten Leben nicht gefeit. Und wenn Leute anzüglich würden, könne man sie aus dem Chat werfen. Sie habe aber schon oft gesehen, dass Leute ihre Handynummer in die Kommentarspalte schrieben.

Verstörende Nachrichten

"Je mehr Jugendliche von sich preisgeben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dafür von anderen Nutzern ‚belohnt‘ werden", erklärt Dürr. Generell stünden Jugendliche neuen Internetangeboten aufgeschlossen gegenüber. "Hemmschwellen, die draußen eigentlich zum Selbstschutz eingesetzt werden, fallen hier oftmals", sagt Dürr. Vielen sei nicht klar, dass sie fremden Menschen in so hohem Ausmaß persönliche Daten anvertrauen.

Und manche Nutzerkommentare und Chatnachrichten wirkten verstörend auf Kinder. "Es ist schon komisch, wenn da so kleine Mädchen sind", findet auch die 15-jährige Clarissa aus Nordhessen. Die wüssten oft nicht, was sie tun. Sie selbst habe mittlerweile aufgehört, die App zu nutzen. "Irgendwie wurde es immer langweiliger."

Problematisch an YouNow ist nicht nur, dass Nutzer viel von sich preisgeben und sich so Gefahren aussetzen. Sie verstoßen mit der App teils auch gegen das Persönlichkeits- und Urheberrecht. Wer Passanten, Lehrer oder Klassenkameraden ohne deren Einverständnis filmt, verletzt deren Recht am eigenen Bild. Läuft im Hintergrund der Videos Musik, droht sogar eine Klage: Normalerweise sind dann nämlich Gema-Gebühren fällig.

YouNow reagierte mittlerweile auf Vorwürfe, die Seite sei für Jugendliche nicht geeignet. Es gebe strenge Regeln, über deren Einhaltung Moderatoren wachten, hieß es von Seiten des Unternehmens aus New York. Gleichzeitig gestand YouNow ein, dass es Probleme bei der Kontrolle gebe. "Insbesondere durch das schnelle Wachstum der Nutzerschaft in Deutschland gab es Ende 2014 vereinzelt Schwierigkeiten bei der durchgängigen Überwachung und der Ahndung von missbräuchlicher Nutzung der Plattform", teilte das Unternehmen mit.

[User-Namen geändert, nur Svenja wollte mit ihrem Klarnamen erscheinen.]

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[Symbolbild: Mat Hayward/Fotolia.com]