Wie Blinde das Internet nutzen

Claudia Kornmeier

Das Internet hat für Blinde die Welt revolutioniert. Wie selbstverständlich sie das Netz nutzen und welche Kniffe sie dabei anwenden, haben wir uns zeigen lassen. Der blinde Lehrer Martin Rehfuß (Foto) erzählt außerdem, mit welchen Seiten er überhaupt nicht zurecht kommt.



„Plötzlich konnte ich Tageszeitungen lesen, E-Mails schreiben, Sachen bestellen.“ Martin Rehfuß (29, Bild unten mit Hund) ist blind und die Erfindung des Internets hat ihm vieles ermöglicht, was zuvor nicht denkbar war. Mit mehr Pathos formuliert es Mischa Knebel (Bild oben) vom Blindenverein Südbaden: „Das Internet hat für Blinde die Welt revolutioniert.“


Wenn Martin im Internet surft, hat er die Wahl zwischen Steffi und Yannick. Steffi und Yannick, das sind die Stimmen einer Software, die Internetseiten, aber auch Worddokumente, Powerpointpräsentationen oder E-Mails – alles, was ein Sehender vom Bildschirm abliest – akustisch wiedergeben. Steffis und Yannicks Stimmen sind phonetisch. Das heißt, sie sind aus Einzelbausteinen menschlicher Stimmen zusammengesetzt. Damit sind sie ihren Vorgängern, rein synthetischen Stimmen, um einiges voraus. „Die waren weniger angenehm“, sagt Martin.

Martin hat die Sprachausgabe so schnell eingestellt, dass ein Sehender schon nach wenigen Sekunden völlig den Überblick verloren hat. „Ich mag es gerne fix.“ Die Geschwindigkeit, in der Steffi und Yannick vorlesen, lässt sich individuell regeln. Nicht anders also als bei Sehenden: der Fachtext wird möglichst schnell überflogen und auf relevante Informationen abgesucht. Den Roman am Abend liest man dagegen langsam, um in den Genuss der Sprache zu kommen. Wenn man nicht gleich auf ein Hörbuch zurückgreift. Sehender wie Blinder.



Wild hackt Martin auf die Tastatur ein. Immer wieder die Pfeiltaste. Zwischendurch komplizierte Tastenkombinationen. Auf dem Bildschirm geschieht derweil: nichts. Ganz ruhig, unverändert wird die Startseite der aufgerufenen Internetseite angezeigt. Klar. Maus und Bildschirm sind für Martin zwei völlig überflüssige Geräte. „Die stehen hier nur für meine Freundin.“ Martin navigiert ausschließlich über Tastenkombinationen.

„Mit Tastenkürzeln kann ich mir auf einer Internetseite schnell einen Überblick verschaffen, ohne die ganze Seite von oben bis unten anzuhören. Ich kann Felder direkt und gezielt anspringen“, sagt auch Mischa Knebel. Bei Eingabe des Buchstaben E springt die Sprachausgabe auf das Eingabefeld. Mit N kann man zum nächsten zusammenhängenden Text springen. Mit H lassen sich Überschriften anspringen. „Bei Google tippe ich zum Beispiel zuerst das E, gebe dann meinen Suchbegriff ein und drücke danach Enter. Das geht ganz schnell.“ Die Sprachausgabe verfügt außerdem über ein „Tastenecho“. Das heißt, man kann sich das, was man geschrieben hat, anhören, um sicherzustellen, dass alles richtig geschrieben ist.



Neben der normalen Tastatur arbeitet Martin mit der Braillezeile. Auf der Braillezeile kann der Text einer Internetseite oder eines Dokuments in Blindenschrift wiedergegeben werden. Die einzelnen Punkte oder Knöpfe fahren je nach Buchstabe hoch oder runter und vibrieren leicht. Vorteil der Braillezeile gegenüber der Sprachausgabe ist ihre höhere Genauigkeit. Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben können so einfach wiedergegeben werden und auch die Kontrolle von Texten auf Tippfehler und Rechtschreibung funktioniert müheloser als mit der Sprachausgabe, die jeden Buchstaben einzeln vorlesen muss.

„Seit es Computer und Internet gibt, gibt es auch die entsprechenden Vorleseprogramme“, sagt Martin. „Die waren nie weit hinterher und werden beständig weiter- und mitentwickelt. Auch für Windows 7 gibt es bereits eine neue Software.“ Probleme habe es zu Anfang nur mit einzelnen Randbereichen gegeben. Zum Beispiel Powerpoint und der Windows Media Player hätten nicht sofort funktioniert. Im Vergleich zu heute seien die ersten Programme allerdings von furchtbarer Qualität gewesen.

Damit die Vorlesesoftware im Internet funktioniert, müssen die Seiten entsprechend programmiert sein. „Das ist nicht kompliziert. Man muss nur etwas ordentlicher arbeiten“, sagt Martin. Der Blindenverein bestätigt es: „Die barrierefreie Gestaltung einer Internetseite ist nicht mit hohen Kosten verbunden.“

Barrierefreiheit. So heißt das Stichwort in der Sprache der Juristen und Politiker. Und das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen wartet sogar mit einer Definition auf: „Barrierefrei sind […] Anlagen, Verkehrsmittel, […] Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen, wenn sie für behinderte Menschen […], ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ Das Gesetz verpflichtet den Bund, seine Internetangebote barrierefrei zu gestalten. Für Private gilt die gesetzliche Verpflichtung nicht. Die Politik setzt hier auf freiwillige Zielvereinbarungen.

Und so kommen Steffi und Yannick auch nicht mit jeder Seite gleich gut klar. „Ein furchtbares Beispiel ist web.de“, sagt Martin. „Da poppt so viel Werbung auf, und die Seite ist dermaßen unübersichtlich gestaltet. Nur unnötige Informationen. Einen Überblick zu bekommen, zu finden was man sucht, ist quasi unmöglich.“ Seine E-Mailadresse hat Martin trotzdem nicht gewechselt. Er ist lediglich auf Outlook umgestiegen.



Die meisten Seiten hält Martin aber für recht gut programmiert. „Ein nettes Detail sind Bilder, die mit einem aufschlussreichen Namen unterlegt sind, so dass ich mir vorstellen kann, was auf dem Bild zu sehen ist“, sagt Martin. „Die Blinden stellen sich etwas an mit ihrer Kritik an der Barrierefreiheit des Internets. Aber natürlich auch um eine Lobby zu bekommen.“ Auf die Lobbyarbeit von Interessengemeinschaften verweist auch Mischa Knebel, wenn er Martin zustimmt: „Die Seiten sind alle barrierefreier geworden.“

Martin hat Geografie und Französisch auf Lehramt studiert. Seit ein paar Monaten ist er Referendar am Faustgymnasium in Staufen. Darauf, dass er blind ist, reagieren seine Schüler sehr entspannt. „Für sie ist es eine Eigenschaft wie jede andere auch. Erwachsene haben da viel mehr Vorurteile.“ Das Internet helfe ihm bei der Unterrichtsvorbereitung sehr. Dass es ihm mehr hilft als einem sehenden Lehrer, läge aber nur daran, dass er mehr Gebrauch davon mache.

Während des Studiums konnte das Internet Martin dagegen nicht so gut helfen, wie es theoretisch möglich wäre. „Fachbücher und Zeitschriften sind fast nur in gedruckter Form zugänglich, obwohl die Verlage die Dokumente auch in digitalisierter Form haben. Aus Angst vor Urheberrechtsverletzungen geben sie jedoch nichts davon heraus.“

Hier helfen Personen wie Michaela Kusal weiter. Die Studentin ist seit knapp einem Jahr HiWi im Blindenarbeitsraum der UB. Sie hilft blinden und sehbehinderten Studenten. Für Martin hat sie viele Texte in eine Form gebracht, mit der das Vorleseprogramm umgehen kann. Das heißt, sie hat Fachbücher und Zeitschriften eingescannt, Bilder und Tabellen aus den Texten herausgearbeitet und mit Kommentaren versehen, was an der Stelle zu sehen war. Die Texte dürfen dabei nicht einfach abfotografiert werden, wie Google Book das macht. Reine Fotodateien, ohne Texterkennung, kann das Vorleseprogramm nämlich nicht lesen. „Der Blindenraum der Uni ist sehr nobel ausgerüstet. Das gibt es nicht an jeder Uni“, sagt Martin. An seiner Schule gibt es nichts dergleichen.



Im Blindenarbeitsraum der UB lernt auch Anne Rieckmann (43) auf ihren Abschluss in Gender Studies an der Pädagogischen Hochschule. Anne ist Diplompädagogin. Den Abschluss in Gender Studies macht sie, weil sie keinen Job finden konnte. „Ich wollte mich in der Zwischenzeit weiterqualifizieren.“

Anne trägt eine Mütze. Es ist kalt im Raum in der UB 1. Und eng. Anne sitzt im Rollstuhl. Sich in dem Raum zu bewegen, ist für sie mühsam. Mit Anfang zwanzig hat sie in Folge von Multiple Sklerose verschiedene Augenkrankheiten bekommen. Sie sieht, aber eingeschränkt. Um am Computer und mit dem Internet arbeiten zu können, nutzt sie das Vergrößerungsprogramm Lunar. Das Programm zeigt Seiten vergrößert an.

Annes Augen wandern über den Bildschirm. Mit der Maus verschiebt Anne die Seite nach oben, unten, rechts und links. Sie wird nicht fündig. „Der Überblick ist so leicht zu verlieren“, sagt Anne. „Vor allem dann, wenn auf einer Seite viel Werbung ist. Das stört extrem.“ Wahlweise kann sie die Seite auch nur auf einer Hälfte des Bildschirms vergrößern und auf der anderen Hälfte die Internetseite in normaler Größe anzeigen lassen. Wenn Anne in Begleitung einer ihrer Assistenten ist, kann der ihr so helfen den Überblick über die Seite zu behalten.

Während Martin gar keinen Bildschirm benötigt, macht die Arbeit mit dem Vergrößerungsprogramm für Anne einen besonders großen Bildschirm erforderlich. Das Vorleseprogramm nutzt Anne nicht. „Mir fehlt bei der Computerstimme jegliche Intonation. Das erschwert das Verstehen von Texten.“ Hörbücher seien dagegen etwas ganz anderes. „Da wird schön vorgelesen. Das ist ein Genuss.“



Das Internet nutzt Anne ähnlich wie Martin sehr viel. Allein schon zur Kommunikation. Anne hat Assistenten, die ihr im Alltag helfen. Und diese Hilfe will koordiniert sein. Da gehen viele E-Mails am Tag hin und her. Regelmäßig nutzt Anne auch Stud.IP der Pädagogischen Hochschule. Dort kann sie aktuelle Informationen über Lehrveranstaltungen abrufen, sich mit Dozenten und Kommilitonen austauschen. „Ich konnte dort auch angeben, dass ich eine Sehschwäche habe.“ Manche Dozenten stellen sich dann darauf ein und können Anne zum Beispiel mit vergrößerten Handouts in der Vorlesung helfen.

Martin nutzt soziale Netzwerke nicht. „Da macht man nur Zeit kaputt und in den seltensten Fällen kommen belastbare Freundschaften dabei heraus.“ Einen größeren Nutzen als für Sehende hätten soziale Netzwerke für ihn zudem nicht. Seiten wie Studivz können außerdem schnell unüberwindbare Hindernisse aufweisen. Wenn die Seite als Sicherheitsschranke Ziffer- und Buchstabenkombinationen abfragt, dann kapituliert jede Vorlesesoftware.

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Videos: Martin surft mit Sprachausgabe im Netz